Die islamisch-konservative AKP hat die Wahlen in der Türkei nach inoffiziellen Ergebnissen mit rund 41 Prozent gewonnen. Sie verlor jedoch rund neun Prozentpunkte im Vergleich zu 2011. Die HDP überwand mit rund 13 Prozent die Zehn-Prozent-Hürde. Zweitstärkste Kraft wurde die Mitte-Links Partei CHP mit rund 25 Prozent, drittstärkste die ultrarechte MHP mit etwa 16 Prozent. Die Regierungsbildung wird schwierig. Die Rundschau klärt die wichtigsten Fragen und Antworten zur Wahl.

Warum hat die AKP so viele Stimmen verloren?
Viele Kurden, die zuvor für die AKP stimmten, entschieden sich diesmal für die HDP. Die Kurden fühlen sich unter anderem wegen Kobane verraten. In der kurdisch-syrischen Grenzstadt kämpften Ende vergangenen Jahres kurdische Milizen gegen die Terrormiliz IS. Die türkische Regierung blieb jedoch untätig und verspielte damit das Vertrauen der Kurden. Der Friedensprozess zwischen Regierung und verbotener kurdischer Arbeiterpartei PKK liegt außerdem auf Eis. Die absolute Mehrheit verlor die AKP, weil die HDP die Zehn-Prozent-Hürde überwand. Neben den Kurden konnte die HDP auch viele liberale Türken für sich gewinnen. Die Partei präsentierte sich als Bollwerk gegen das von der AKP gewünschte Präsidialsystem mit mehr Macht für Präsident Recep Tayyip Erdogan. Die AKP hat nie erklärt, wie das Präsidialsystem genau aussehen sollte. Das machte viele Wähler misstrauisch.

Stimmen büßte die AKP auch zugunsten der ultrarechten MHP ein. Was ist nun der nächste Schritt?
Die Wahlkommission will das amtliche Endergebnis innerhalb von elf bis zwölf Tagen nach der Wahl bekannt geben. Erst danach werden die Parlamentarier vereidigt und ein Parlamentspräsident gewählt. Anschließend muss innerhalb von 45 Tagen eine neue Regierung gebildet werden.

Was sind die Optionen für eine Regierungsbildung?
Die AKP kann eine von der Opposition geduldete Minderheitsregierung bilden. Das ist jedoch unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass die AKP versucht, einen Koalitionspartner zu finden.

Welche Partei kommt infrage?
Die AKP hat sich dazu noch nicht geäußert. Am wahrscheinlichsten ist jedoch eine Koalition mit der ultrarechten MHP, die drittstärkste Kraft wurde. Eine große Koalition mit der zweitstärksten CHP ist unwahrscheinlich. Nach der Wahl hat lediglich die pro-kurdische HDP eine Zusammenarbeit mit der AKP ausdrücklich ausgeschlossen.

Was verbindet die AKP und die MHP - und was trennt sie?
Schnittstellen sind die teilweise religiöse und nationalistische Anhängerschaft. Konfliktpunkt ist der von der AKP auf den Weg gebrachte Friedensprozess mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die MHP will die Friedensgespräche abbrechen.

Was passiert, wenn nach 45 Tagen keine Regierung zustande kommt?
Dann kann Präsident Recep Tayyip Erdogan Neuwahlen ausrufen. Danach muss am ersten Sonntag nach 90 Tagen gewählt werden.

Und wer regiert in der Zwischenzeit das Land?
Die AKP regiert dann bis zu den Neuwahlen. Sie ist jedoch praktisch handlungsunfähig, weil sie keine Mehrheit im Parlament hat.