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| 02:48 Uhr

Zehn Jahre F60: Von der Förderbrücke zum Besucherbergwerk

Lichterfeld. Als Werkzeug des Braunkohlebergbaus im Senftenberger Revier hat die Abraumförderbrücke F 60 im Tagebau Klettwitz-Nord ausgedient. Mit unerschütterlichem Mut haben Lausitzer die nach wie vor größte bewegliche Förderanlage der Welt nach ihrer Stilllegung zum Besucherbergwerk gemacht. Der erlebbare Koloss von Lichterfeld (Elbe-Elster) ist stolzes Zeugnis ingenieurtechnischer Meisterleistungen und des Neubeginns – nunmehr seit zehn Jahren . Heidrun Seidel und Kathleen Weser

In fast 80 Metern Höhe auf dem Ausleger des gigantischen Bergbaugerätes F 60 genießen die Hörlitzer Landschaftsarchitektin Elke Löwe, Bergmann und Sanierer Walter Karge aus Senftenberg und der gelernte Lok- und nunmehr leidenschaftliche Besucherführer Michael Nadebohr aus Lichterfeld den Blick auf die Lausitzer Bergbaufolgelandschaft. Das Trio steht für die Lausitzer, die im Jahr 1997 den Mut gefasst haben, das ausgediente Tagebaugroßgerät zu erhalten und dem Bergheider See mit dem Besucherbergwerk ein unverwechselbares Gesicht zu geben.

"Ich habe der kleinen Gemeinde Lichterfeld das damals nicht zugetraut. Aber ich wurde eines Besseren belehrt", sagt Walter Karge, der langjährige Sanierungsbereichsleiter der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), heute.

Michael Nadebohr aus Lichterfeld, der als Lokführer die im Takraf-Schwermaschinenwerk Lauchhammer gefertigten Teile des Stahlgiganten schon zur Montage gebracht hatte, strahlt über das ganze Gesicht. "Ich habe von Anfang an daran geglaubt, dass die Menschen diese Förderbrücke erleben wollen", sagt er. Vor allem die alten Bergleute hatten ihn allerdings für verrückt erklärt. "Was die Gemeinde mit dem Schrotthaufen soll, war die Standardkritik", erzählt Michael Nadebohr.


Landschaftsarchitektin Elke Löwe schaut sichtlich zufrieden auf das Besucherbergwerk, das auf ihre ersten Spinnereien in einer spannenden Zeit am Beginn des Landschaftswandels in der Lausitz zurückgeht. "Die Idee hat gepasst und war vor allem erlaubt", sagt sie. Die Planerin hatte Ende der 90er-Jahre von der LMBV den Auftrag, das Nachnutzungskonzept für den Bergheider See zu erarbeiten. Elke Löwe wagte zu fragen, ob die Gemeinde Interesse an der Förderbrücke habe.

"Sie hat mich zur Brücke geschleppt", erinnert sich Gottfried Richter, der Amtsdirektor des Amtes Kleine Elster Massen bei Finsterwalde, noch sehr genau. Als er da so gestanden habe unter dem gigantischen Tagebaugroßgerät, dessen perfekte ingenieurtechnische Größe und Perfektion ihn faszinierten, sei ihm das Potenzial, das darin steckt, klar geworden. Und Ditmar Gurk, der ehrenamtliche Bürgermeister von Lichterfeld, der hauptberuflich einen kleinen Elektroinstallationsbetrieb im Dorf führt, bestätigt: Leicht ist die vor allem finanziell schwergewichtige Entscheidung für den Erhalt der Brücke, wie die Lichterfelder das Besucherbergwerk nach wie vor liebevoll nennen, nicht gewesen. Schließlich konnte ein Desaster den finanziellen Ruin der Gemeinde nach sich ziehen.

Der Schrotterlös, der aus dem Stahl zu erzielen war, war das sichere Netz, stellt der kühle Rechner Walter Karge dazu fest.

Doch die Enthusiasten, die unter anderen Dr. Mathias Feige, der heute das Berliner Büro des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr (DIWF) leitet, um Rat baten, haben Recht behalten. Das Besucherbergwerk lässt sich wirtschaftlich betreiben, "wenn die LMBV die Erstinvestitionen übernimmt", hatte der Gutachter ermuntert. Und so hat die Gemeinde Lichterfeld-Schacksdorf am 17. Dezember 1998 die Förderbrücke für eine Deutsche Mark und dazu 40 Hektar Fläche für 430 000 Mark gekauft. Brücke und Umfeld sind in zweieinhalb Jahren so hergerichtet worden, dass das Besucherbergwerk am 4. Mai 2002 öffnen konnte. Seitdem sind mehr als 685 000 Neugierige auf die 502 Meter lange und 202 Meter breite Brücke geströmt. Aus fast 80 Metern Höhe eröffnet sich dem Gast auf dem 11 000 Tonnen schweren Gerät, das weiter den bergbaurechtlichen Bestimmungen unterliegt, bei guter Sicht der Blick über das Lausitzer Seenland bis zu den Kamenzer Bergen.

Als die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land von 2000 bis 2010 den Landschaftswandel in der Lausitz beförderte, hat sie das entstehende Besucherbergwerk schließlich in ihre Projektliste aufgenommen und sie alsbald als ihren Leuchtturm und erstes vorzeigbares Projekt präsentiert. "Ihr Marketing hat uns geholfen, national und international bekannt zu werden", sagen Richter und Gurk. Angst um ein Leben nach der IBA hatten sie nie.

Für das Besucherbergwerk haben sie eine zukunftsträchtige Konstellation geschaffen: Der im Jahr 2001 gegründete Förderverein und die F 60 Concept GmbH sind für die Besucherorganisation und die Veranstaltungen verantwortlich. Sie beschäftigen zusammen derzeit 13 Mitarbeiter, die als Besucherführer oder im Service arbeiten, und bilden inzwischen Jahr für Jahr Touristiker aus. Das Amt Kleine Elster kümmert sich im Auftrag der Gemeinde um die technische Unterhaltung der Förderbrücke. Das Zusammenspiel klappt. "Vor ein paar Tagen hatten wir die 94. F 60-Beratung", blättert Richter in einem dicken Ordner. Der hält die Protokolle der vergangenen zehn Jahre zusammen. In den neuesten steht auch, wie es weitergehen soll - mit Feriensiedlung und Campingplatz, mit Steg, schwimmenden Häusern und Straße zum See. Im Jahr 2014 ist vermutlich Baubeginn, 2015 könnten die ersten Urlauber den Seeblick genießen. Die F 60-Enthusiasten gehen zielstrebig, aber behutsam vor. Wie in den vergangenen Jahren müssen sie die Waage halten, damit die Träume den finanziellen Möglichkeiten nicht davonlaufen. Fördermittel gibt es immer nur dann, wenn auch Eigenmittel da sind. "Wir haben immer kämpfen müssen, aber die Begeisterung ist geblieben", sagt Richter.

Zum Thema:
Rund 4,68 Millionen Euro hat bisher die LMBV in das Besucherbergwerk F 60 investiert. Weitere 4,1 Millionen Euro hat die Gemeinde Lichterfeld-Schacksdorf ausgegeben. 70 Prozent davon sind Fördermittel von Land, Bund und Europäischer Union. Pro Veranstaltung finden bis zu 25 000 Besucher Platz. Das Jubiläum wird am Wochenende gefeiert. Am Samstagabend beginnt um 20 Uhr das Festkonzert mit drei virtuosen Streicherinnen und Sopranistinnen der Gruppe "Mona Lisa". Am Sonntag ist ab 11 Uhr Familientag.