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Zahl der gesprengten Bankomaten verdoppelt

Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr stehen am 26.06.2015 in Altdöbern (Brandenburg) vor dem eingestürzten Gebäude des Nettomarktes
Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr stehen am 26.06.2015 in Altdöbern (Brandenburg) vor dem eingestürzten Gebäude des Nettomarktes FOTO: Uwe Hegewald (dpa-Zentralbild)
Potsdam/Wiesbaden. Die Bankomatensprenger treiben in Deutschland ungebremst ihr Unwesen. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Anschläge verdoppelt. Ermittler sind besorgt, weil die Täter immer skrupelloser vorgehen. Sind Menschenleben in Gefahr? Bodo Baumert

318 Bankomaten-Sprengungen hat das Bundeskriminalamt (BKA) 2016 deutschlandweit gezählt. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um 100 Prozent, wie Sabine Vogt, Leiterin der Abteilung für schwere und organisierte Kriminalität am Donnerstag erklärte. Neben Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen bleibt Brandenburg einer der Schwerpunkte für die Banden. In Brandenburg kam es 2016 zu 28 Automatensprengungen.

Obwohl die Banden nur in 40 Prozent der Fälle tatsächlich Geld erbeuten konnten, scheint der Anreiz weiter hoch zu sein. Die erbeuteten Summen seien "beträchtlich", so das BKA. Neben Banden aus den Niederlanden registriert das BKA zunehmend osteuropäische Gruppierungen. "Zwar erfolgten im Jahr 2016 nur drei Festnahmen von Tatverdächtigen aus Polen, jedoch ergaben sich aus Ermittlungsverfahren zu entsprechenden Straftaten zahlreiche Hinweise auf die Tatbeteiligung polnischer Tatverdächtiger", heißt es im Lagebericht "Angriffe auf Geldautomaten", den das BKA am Donnerstag veröffentlicht hat. Die Brandenburger Polizei sucht derzeit nach zwei Täterbanden aus Polen. "Hierbei arbeiten wir eng mit der Polnischen Polizei aus dem Lebuser Land zusammen", teilt Sprecherin Karina Schulter auf Nachfrage mit. In Nürnberg hat die Staatsanwaltschaft erst am Montag Haftbefehle gegen zwei Osteuropäer erwirkt, die für mehrere Automatensprengungen verantwortlich sein sollen.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr laut BKA 45 Tatverdächtige in Deutschland verhaftet, darunter auch regionale Gruppen, wie die jüngst in Potsdam festgesetzte Truppe, die für elf Attacken in Brandenburg verantwortlich sein soll.

Sorge bereitet BKA und Polizei die zunehmende Dreistigkeit der Täter. Suchten sie sich zunächst vor allem einzeln stehende Geldautomaten im ländlichen Raum mit guten Fluchtwegen aus, gehen sie nun immer öfter direkt in die Städte, wie etwa auf dem Lübbener Markt, in Spremberg oder am vergangenen Wochenende in Berlin. "Die jüngsten Angriffe ereigneten sich in Stadtzentren, was eine erhöhte Gefährdung unbeteiligter Dritter mit sich bringt", sagt Polizei-Sprecherin Karina Schulter aus Potsdam.

Ähnlich sieht es BKA-Expertin Sabine Vogt: "Unsere Sorge ist, dass es nicht bei Sachschäden bleibt und irgendwann auch Menschen betroffen sein werden." Auch wenn in den meisten Fällen Tatzeiten und Tatörtlichkeiten ausgewählt werden, in denen keine Kundenfrequenz mehr zu erwarten sei, verbleibe ein Risiko für Leib und Leben von Passanten und Bewohnern der betroffenen Objekte. "Unabhängig vom Aufstellungsort des Geldautomaten kann es zu einer Trümmer- und Splitterverteilung kommen, die von den Tätern nicht abgeschätzt werden kann", so das BKA. Ein plastisches beispiel dafür liefert ein Bankomaten-Angriff vom vergangenen Wochenende in Rheine (Nordrhein-Westfalen). Dort hatten die Täter die Wirkung ihres Gasangriffs offensichtlich unterschätzt und sich dabei selbst verletzt. Ein Mann soll sich dabei "großflächige Brandverletzungen im Kopf- und Brustbereich" zugezogen haben, wie die Polizei Steinfurt am Montag informierte. Nach dem Mann und einem weiteren Verletzten wird immer noch gefahndet, wie ein Sprecher am Donnerstag bestätigte.

Auch Polizisten sind einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, wie zwei Fälle aus Brandenburg und Sachsen in diesem Jahr zeigen. Die flüchtenden Täter hatten Krähenfüße ausgestreut, um verfolgende Polizeiwagen auszuschalten.

Kritisch sieht das BKA, dass Geldautomaten in Deutschland immer noch nicht ausreichend gegen Angriffe der Sprengbanden geschützt sind. Sabine Vogt verweist auf die Niederlande. Dort sei der Schutz mittlerweile so gut, dass die Banden auf die deutschen Nachbargemeinden in NRW und Niedersachsen ausweichen. Deshalb hat das BKA seine Empfehlungen für Geldinstitute nun noch einmal überarbeitet. "Möglichst flächendeckende und einheitliche technische Präventionsmaßnahmen der Geldinstitute können zu einem Rückgang der Fallzahlen führen, wie die Erfahrungen aus den Niederlanden unterstreichen", so der Tenor.