Oberflächlich geht das Leben in der Metropole Rangun zunächst seinen normalen Gang. Kleinbusse, in die sich mehr als 20 Menschen pferchen, ruckeln als Sammeltaxi durch die Stadt. Geschäftsleute schieben die Gitter vor den Läden hoch und stellen Vitrinen mit Waschpulver und Zigaretten aus. Doch längst bevor wieder Schüsse auf die Demonstranten fallen, brodelt es unter der Decke.

"Die Mönche gehören dem Volk"
In Birma ist nach Jahrzehnten der Militärherrschaft die Wut der Menschen überall spürbar. "Dreihundert haben sie eingebuchtet", ruft ein Taxifahrer im Vorbeifahren durch das Autofenster. "Ich habe selbst den alten Mönch gesehen, 85, den sie mit dem Schlagstock traktiert haben", sagt ein anderer, um den sich gleich eine kleine Gruppe schart. Alle erzählen aufgeregt, was sie gehört oder gesehen haben. Der Wahrheitsgehalt ist schwer zu prüfen. Ein Mönch fährt im Taxi vorbei und kurbelt die Scheibe herunter. "Um zwei", raunt er, ohne irgendjemanden direkt anzuschauen. Um zwei Uhr wollen sie sich wieder sammeln. Keiner der Umstehenden sagt offen, dass er selbst hingeht. Aber die Sympathie mit den Mönchen ist allgegenwärtig. "Wie können sie auf die Mönche einknüppeln? Die Mönche gehören dem Volk", sagt ein Café-Besitzer. "Wenn sie die Mönche schlagen, schlagen sie uns alle."
Die frommen Männer in roten Roben sind an diesem Mittag nur in kleinen Grüppchen unterwegs. An einer Straße gesellen sich sofort sieben, acht Leute hinzu und marschieren, scheinbar unbeteiligt, dicht neben ihnen in dieselbe Richtung. "Die Mönche tun es für uns, sie haben keine Angst, deshalb beschützen wir sie und haben auch keine Angst", sagt ein Student.
Ein pensionierter Historiker sagt, der Aufstand sei anders als der von 1988, als die Junta die Proteste nach sechs Wochen brutal niederschlug und 3000 Menschen starben. "Die Verzweiflung über die wirtschaftliche Not und die Wut über das Antasten der Mönche hat den Angstfaktor verdrängt", sagt er. "Heute ist keiner mehr unbeteiligt, jeder guckt stellvertretend für die ganze Welt hin. Selbst ein altes Mütterchen sorgt dafür, dass das, was sie gesehen hat, weitergetragen wird. Damit alle Welt sieht, was hier los ist", fügt er hinzu.
Viele Birmanen bitten ausländische Besucher auf der Straße, Fotos zu machen und das Internet zu nutzen, um zu berichten was passiert. Das wird indes schwieriger. Immer öfter sind die Telefonleitungen tot und Internetverbindungen bauen sich nur noch langsam oder gar nicht auf. Im Land gibt es de facto keine Pressefreiheit. "Uns fällt immer etwas ein, um die da oben auszutricksen", sagt eine Frau in einem Internet-Café und lacht. "Sie können uns den Mund nicht verbieten."

Menschen bereit, zu sterben
"So lange die Mönche weitermachen, sind die Menschen mit ihnen", sagt ein Mann, dessen Job es ist, ein Hotel unweit der Sule-Pagode zu bewachen. Immer mehr Menschen ziehen an ihm vorbei, alle in Richtung Süden, zur Pagode. Auf den letzten Hundert Metern stehen schon Polizisten und Soldaten. Sie haben die Gewehre im Anschlag. "Eins ist klar: Hier gibt es Leute, die bereit sind zu schießen. Und solche, die bereit sind zu sterben", sagt ein westlicher Diplomat.

Zum Thema Keine Pressefreiheit
 In Birma gibt es de facto keine Pressefreiheit. Birmanische Journalisten, die für staatliche oder private Medien arbeiten, werden seit 1962 von einem Zensurbüro streng überwacht, wie die Menschenrechtsorganisation "Reporter ohne Grenzen" berichtet. Sämtliche Nachrichtenbeiträge, Bilder und TV-Programme unterliegen dieser Zensur. In der aktuellen Rangliste von "Reporter ohne Grenzen" zur Lage der Pressefreiheit weltweit liegt Birma auf Platz 164 - von 168 .