Er macht viele Pausen. Der gepflegte ältere Mann ist ein ehemaliges Heimkind. Im großen Sitzungssaal des Bundestagsgebäudes erzählt Wiegand, was ihm als Kind widerfahren ist. Der Runde Tisch Heimkinder hat am Dienstag seine Arbeit aufgenommen.Betroffene berichten"Zuerst wollen wir die Betroffenen anhören", hat Antje Vollmer (Grüne) in ihrem Eingangsstatement das Arbeitsprogramm des Gremiums beschrieben. Damit meint sie eigentlich die nächsten Sitzungen des Runden Tisches. Doch auch schon zum Auftakt gibt Vollmer drei ehemaligen Heimkindern zuerst das Wort. Eleonore Fleht und Sonja Djurovic sind zwei der Tausenden von Kindern, die in den 50er- und 60er-Jahren oft wegen nichtiger Anlässe wie etwa Schuleschwänzen in ein Heim eingewiesen wurden. Sie erzählen von der Trennung von ihren Familien, von ihrer Angst und Einsamkeit, von der schlechten Behandlung. Das Schicksal der damaligen Heimkinder wurde erst in den vergangenen drei Jahren einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Auch der Petitionsausschuss des Bundestags befasste sich damit. Nach langem Ringen wurde der Runde Tisch eingerichtet, an dem die Opfer und die Vertreter der Institutionen, die damals die Heime führten, beisammensitzen. Die Geschichte soll aufgearbeitet werden. "Es geht um Entschuldigungen und die Frage, ob eine Entschädigung möglich ist", sagt Vollmer. Die ehemalige Vizepräsidentin des Bundestags und evangelische Theologin ist um Ausgleich bemüht. Als Moderatorin versteht sie sich und baut den Vertretern der Institutionen am Tisch eine Brücke: "Keiner war nur Täter und stärker Täter als die anderen". Vollmer sagt das vor allem mit Blick auf Caritas und Diakonie, die damals die allermeisten Heime führten. Trotz der sensiblen Moderation ist es für die Vertreter der Kirchen, von Diakonie und Caritas, nicht leicht, in der angespannten Atmosphäre zu sprechen. Wie sollen sie erklären, warum ausgerechnet in christlichen Heimen "Kinder und junge Erwachsene Opfer von Misshandlung und Ausbeutung" wurden, wie es Hans-Ulrich Anke für die Evangelische Kirche (EKD) in Deutschland formuliert. Die Kirchen haben reagiert. Sie bieten Betroffenen therapeutische Hilfe an, stellen Kontakte zu den damaligen Heimen her, haben Studien in Auftrag gegeben, Akten zur Verfügung gestellt. Doch an den Mienen der Opfer und den Nachfragen der Medien lässt sich ablesen, dass es bis zu dem "Zeichen der Versöhnung", dass Anke für die EKD als Ziel nennt, noch ein weiter Weg ist. Das ehemalige Heimkind Wiegand ist mit seiner Erzählung am Ende. Wer gut zugehört hat, stellt fest, dass er von dem, was ihm im Heim widerfahren ist, nichts erzählt hat. Stattdessen hat er über sein jahrzehntelanges Schweigen gesprochen - und über seine Scham. Ein Kind, das von seiner Familie ausgeschlossen und dann in einem Heim entwürdigend behandelt werde, ziehe daraus für sich nur einen Schluss: "Es muss an mir liegen." Hoffnung auf SchamgefühlWiegand atmet schwer und macht eine Pause. Dann lächelt er und erinnert seine Zuhörer an einen Satz der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann. Sie sagte kürzlich, sie schäme sich für das, was in evangelischen Heimen geschehen sei. "Mein wichtigstes Anliegen an diesen Runden Tisch", ergänzt Wiegand, "ist, dass die Teilnehmer etwas von dem empfinden, was die Bischöfin zum Ausdruck gebracht hat."