Mit dem Oktoberwind weht das eingebildete Echo eines Rilke-Gedichts über den Posener Altmarkt: "Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß . . ." Doch nun dies: Herbsttage. Nebel. Nieselregen. Von der Größe des vergangenen Sommers künden noch die letzten Holzterrassen vor den Cafés. Aber die Party ist vorbei. Es sind Bilder mit Symbolcharakter. Die moderne Messemetropole Posen/Poznan mit ihrem historisch wertvollen Zentrum ist so etwas wie die Vorzeigestadt des polnischen Wirtschaftswunders.

Seit dem EU-Beitritt 2004 ging es im Land bergauf. Die Arbeitslosenquote sank von 19 auf acht Prozent. In Posen, im boomenden Westen des Landes, herrscht seit Jahren nahezu Vollbeschäftigung.

Und dennoch! Trotz alledem herrscht im Wirtschaftswunderland Polen vor der Parlamentswahl am Sonntag eine Wechselstimmung, die ein politisches Erdbeben auslösen könnte. Nach acht Jahren liberalkonservativer Regierung steht die nationalistische Pis des Rechtspopulisten Jaroslaw Kaczynski vor einer Rückkehr an die Macht. In den Albträumen mancher EU-Politiker droht Polen bereits zu einem zweiten Ungarn zu werden, wo der Europa-Verächter Viktor Orban autoritär regiert. Wie kann das sein?

Die wenigen Menschen auf dem Posener Altmarkt schlagen ihre Kragen hoch und beschleunigen auf dem freien Platz ihre Schritte. Adam, 21, bleibt kurz stehen, fragt aber mürrisch zurück: "Wozu über Politik reden?" Die Sejm-Wahl ist für den Anglistik-Studenten kein Thema, für das es sich lohnen würde, zu frieren. "Ich bleibe am Wochenende zu Hause", verkündet er und eilt weiter.

Krzysztof Malinowski hat es wärmer. Der stellvertretende Leiter des Posener West-Institutes residiert nicht weit vom Altmarkt entfernt. Über die Wahlmüdigkeit der jungen Polen wundert sich der Politologe nicht. "Die Regierungen von Donald Tusk und Ewa Kopacz haben ihre eigenen Versprechen nicht erfüllt", sagt er im Rückblick auf die vergangenen acht Jahre, in denen die liberalkonservative Bürgerplattform (PO) die Geschicke des Landes bestimmt hat. "Darunter leiden vor allem die Jüngeren."

Wer in Polen sein Berufsleben beginnt, erhält in aller Regel einen schlecht dotierten, befristeten Arbeitsvertrag. Der Volksmund spricht von "Müllverträgen". Oft folgt auf einen Müllvertrag ein weiterer, und erst nach langen Jahren im Hamsterrad der Marktwirtschaft ist so etwas wie ein gesicherter beruflicher Erfolg möglich. Es sei ein "Rattenrennen", sagen Soziologen, bis hin zur totalen Erschöpfung. Diagnose: kollektiver Burnout bei den Jungen. Noch allerdings ist Kazcynski nicht am Ziel. Die Unsicherheit der Umfragen ist enorm hoch. Wie schnell allerdings eine Stimmung umschlagen und sich mit dem Stil eben doch auch die Lage substanziell verändern kann, haben die Mitarbeiter des VW-Werks in Posen in den vergangenen Wochen erlebt. Der Abgasskandal bei dem deutschen Autobauer hat Spuren hinterlassen. Fast könnte man meinen, sie auf den Gesichtern der Beschäftigten ablesen zu können, die an diesem Mittag aus den hochmodernen Fabrikhallen strömen. Doch nach einer langen Schicht ist die Stimmung selten euphorisch. Fast 7000 Menschen beschäftigt VW in der Boomstadt Posen. 3000 weitere sollen hinzukommen, wenn der Autobauer Ende 2016 im nahen Wrzesnia eine weitere Fabrik eröffnet. "Daran wird sich nichts ändern", versichert Dagmara Prystacka, die Sprecherin von VW in Posen. Ansonsten: Kein Kommentar!

Auch draußen, vor den Fabriktoren, ist fast niemand bereit, auf die Fragen eines Journalisten zu antworten. Eine hagere Frau Mitte vierzig, die ihren Namen nicht nennen mag, erzählt nach einigem Zögern dann doch von der Furcht in der Belegschaft. "Natürlich haben wir alle Angst um unsere Jobs. Die meisten von uns haben eine Familie zu ernähren." Die Lage im Land sei insgesamt nicht gut, zumal "jetzt auch noch die Flüchtlinge zu uns kommen sollen". Sie werde Pis wählen.

Die Flüchtlingskrise hat den Wahlkampf auf der Zielgeraden befeuert, obwohl Polen nicht direkt betroffen ist. Krzysztof Malinowski hat dafür nur eine Erklärung: Egoismus. Polen habe ein Vierteljahrhundert einschneidender Reformen hinter sich. "Die Menschen haben das Gefühl: Wir haben uns unglaublich abgerackert, und jetzt bekommen wir von außen ein Problem", erklärt der Politologe. "Dieser Egoismus ist da." Es ist der Egoismus der Erschöpften.