Auf dem Rasen leuchtete der riesige Baum und drinnen leuchteten ARD-Techniker den Großen Saal aus, in dem heute Nachmittag die traditionelle Weihnachtsansprache des Präsidenten aufgezeichnet wird.

Der feilte an seinem Manuskript herum. Offen ist, ob Christian Wulff in irgendeiner Form auf die gegen ihn gerichteten Vorwürfe eingehen wird. Klar ist hingegen, dass alles so aussehen soll wie vor einem Jahr. Ungefähr 60 Bürger im Raum, Adventskranz, der Präsident redet im Stehen. Hinter ihm die Deutschlandfahne. Festlich und bürgernah.

Gattin Bettina absolvierte derweil lächelnd einen berstend vollen Pressetermin, bei dem es offiziell um das Unicef-Foto des Jahres ging. Ausgewählt wurde ein eindrucksvolles Bild des deutschen Fotografen Kai Löffenbein, das einen Jungen auf einer Elektroschrott-Deponie in Ghana zeigt.

Neue Dynamik

Die meisten Journalisten aber waren wegen der Affäre gekommen, zu der Fragen jedoch nicht gestellt werden konnten. Als plötzlich bei einer ihrer Bewegungen alle Kameras gleichzeitig klickten, sagte Bettina Wulff erstaunt: „Ich mache mir doch nur eine Flasche Wasser auf.“ Neue Enthüllungen gaben dem Skandal am Dienstag eine weitere Dynamik, nachdem sich die Lage noch am Montag etwas beruhigt zu haben schien, weil Wulff von sich aus eine Liste seiner Gratisurlaube bei reichen Freunden veröffentlicht hatte. Jetzt jedoch geht es um den Verdacht indirekter Wahlkampffinanzierung in der Zeit, als Wulff noch CDU-Ministerpräsident in Niedersachsen war.

Laut „Bild"-Zeitung beglich der Hannoveraner Finanzmarktunternehmer Carsten Maschmeyer (AWD) am 19. Februar 2008 die Kosten einer Anzeigenkampagne für einen Interviewband mit Wulff. Maschmeyer gab dazu an, das Geld, 42 731,71 Euro, stamme aus seinem Privatvermögen und sei ohne Wissen Wulffs geflossen.

Unbekannte Zahlungen

Diese Auskunft ließ der Bundespräsident seine Anwälte bestätigen: Ihm sei von den Zahlungen nichts bekannt gewesen. Die Anzeigen waren 2007 in niedersächsischen Zeitungen erschienen und offiziell vom Verlag Hoffmann & Campe geschaltet worden. Ihr Wahlkampfcharakter war kaum zu übersehen – wegen des Textes („Christian Wulff spricht Klartext“) – und weil die CDU damals mehrere Tausend Exemplare des Buches zu Werbezwecken verschenkte. Titel des Werkes ausgerechnet: „Besser die Wahrheit“. Maschmeyer, liiert mit Schauspielerin Veronica Ferres, gehört zu Wulffs Freundeskreis in Hannover; in Maschmeyers Villa in Mallorca mietete sich Wulff im Sommer 2010 ein Appartement – da war er schon Präsident.

Maschmeyer hatte 1998 in verdeckter Weise auch schon eine Anzeigenkampagne im Wahlkampf des damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder (SPD) finanziert – damals noch gegen Christian Wulff.

Neben der Maschmeyer-Geldzahlung fällt auch das von Wulff bis vor Kurzem verschwiegene 500 000-Euro-Privatdarlehen des Ehepaares Geerkens in das besagte Jahr 2008. Und dann noch – jedoch weniger relevant – ein Gratisaufenthalt der Wulffs bei einem befreundeten Ehepaar auf Norderney, das dort ein Süsswarengeschäft betreibt. Die Vorkommnisse und Begünstigungen insgesamt aber summieren sich.

In Hannover beriet in einer Eilsitzung am Dienstagnachmittag der Ältestenrat des Landtages über die Frage, ob Wulff gegen das Ministergesetz des Landes verstoßen habe. Das besagt nämlich: „Die Mitglieder der Landesregierung dürfen, auch nach Beendigung ihres Amtsverhältnisses, keine Belohnungen und Geschenke in Bezug auf ihr Amt annehmen.“ Laut Landesbeamtengesetz fallen unter Geschenke ausdrücklich auch zinsgünstige Darlehen sowie „die Gewährung von kostenloser oder ungewöhnlich verbilligter Unterkunft“. Auf eine gemeinsame Linie zur Klärung der Vorwürfe konnten sich die Abgeordneten aber nicht einigen.

Rückhalt bei der FDP

In Berlin waren Koalitionspolitiker weiter bemüht, die Wogen zu glätten. Wulff habe umfassend Auskunft gegeben, da gebe es „überhaupt keinen Anlass an der Vollständigkeit und Richtigkeit dieser Angaben zu zweifeln“, erklärte der designierte FDP-Generalsekretär Patrick Döring. In der Union hieß es, es gebe keine strategischen Absprachen, jeder wisse, was zu sagen sei. Angela Merkel habe mit ihren öffentlichen Äußerungen den Takt vorgegeben.

Umfragen zeigten am Dienstag einerseits, dass Wulffs Ansehen gelitten hat. So halten nur noch 51 Prozent der Bürger, 23 Prozentpunkte weniger als im Juni, diesen Bundespräsidenten laut Infratest-Erhebung für glaubwürdig. Gleichzeitig sagten 70 Prozent, sie seien gegen einen Rücktritt. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der als amtierender Bundesratspräsident im Falle eines Rücktritts bei der Weihnachtsansprache einspringen müsste, kann sich also an den bevorstehenden Festtagen voraussichtlich mit aller Ruhe seiner Modelleisenbahn im Keller widmen.