Immer wieder wurde Paris beschworen - der Kompromissgeist, der politische Wille, der dort ein Klimaabkommen ermöglicht hat. "Das sollte Ansporn sein, auch für den Welthandel einvernehmliche Lösungen zu finden", sagte Kenias Handelsministerin Amina Mohamed zum Auftakt der 10. Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Nairobi.

Was die Konferenzleiterin nach fünftägigen zähen Verhandlungen am Samstagabend präsentierte, war jedoch weniger, als viele erhofft hatten. Noch zu Jahresbeginn war in den WTO-Hallen am Genfer See viel von Optimismus die Rede. 20 Jahre nach Gründung der WTO sollten bei ihrer ersten Ministerkonferenz in Afrika wichtige Fortschritte in Richtung Abschluss der Doha-Entwicklungsrunde erreicht werden.

Erklärtes Ziel dieser 2001 im Emirat Katar vereinbarten Runde ist es, den Welthandel zu liberalisieren und dabei die Bedürfnisse der Entwicklungsländer besonders zu berücksichtigen. Die Hoffnung, auf diesem Weg voranzukommen, beruhte auf dem relativen Erfolg der 9. WTO-Konferenz 2013 auf Bali. Doch in Nairobi kam es zum offenen Ausbruch des lange schwelenden Streits zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern zur Doha-Runde.

Der US-Handelsbeauftragte Michael Froman forderte, "die zynische Wiederholung von Positionen hinter sich zu lassen, die nur angezeigt sind, Stillstand zu produzieren". Die USA, weitgehend auch die EU und Japan, wollen einen Schlussstrich unter die Doha-Verhandlungen ziehen, die in 14 Jahren außer Palaver wenig gebracht hätten. Sie argumentieren, die heutige Handelswelt sei anders als jene von 2001. Dass Schwellenländer wie China oder Südkorea, die längst als harte Konkurrenz auf den Weltmärkten agieren, unter Hinweis auf Doha weiterhin den Status von Entwicklungsländern und damit verbundene Vorteile verlangen, ist den Industriestaaten ein Dorn im Auge.

Der Westen will endlich auch im multilateralen Rahmen der WTO über Regeln zu neuen Trends der Globalisierung verhandeln. Doch viele Entwicklungsländer fürchten, dass die Öffnung der WTO für "neue Themen" die Doha-Agenda und damit ihre Forderungen nach Hilfe verdrängen könnten.

Wie der Doha-Prozess nun "daheim" bei der WTO in Genf weitergeführt werden kann, ist ungewiss. Entwicklungsorganisationen kritisieren das einhellig. "Der fehlende Konsens über die Fortsetzung der Doha-Runde ist der erste Schritt zum Ausstieg aus der Entwicklungsagenda", sagt Sven Hilbig, Welthandelsexperte von Brot für die Welt. Marita Wiggerthale, Agrarexpertin der Organisation Oxfam, beklagt: "Die EU und die USA haben die Entwicklungsrunde mit ihrer Blockadehaltung ins Leere laufen lassen."

Trotz aller Differenzen gelang die Einigung auf ein "Nairobi-Paket" mit mehreren Einzelabkommen im Agrarbereich. Besonders wichtig ist dabei der nun vereinbarte Verzicht auf Subventionen für den Export von Agrarerzeugnissen. Reiche Länder sollen das umgehend in Angriff nehmen, Entwicklungsländer bekommen Zeit bis 2023, die mehr als 50 am wenigsten entwickelten Länder (LDC) bis Ende 2030.

Profitieren würden vor allem arme Länder, sagte EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström. Aber auch Landwirte in der EU. Sie könnten künftig auf den Weltmärkten mit gleichen Wettbewerbsbedingungen für alle rechnen. Die EU hatte schon zuvor auf Exportsubventionen für Agrarerzeugnisse verzichtet, während die USA dafür immer noch Milliarden bereitstellen.

WTO-Generaldirektor Roberto Azevêdo pries das "Nairobi-Paket" als das "bedeutendste Ergebnis im Agrarbereich" seit Gründung der Organisation. Doch Pakete müssen auch ankommen. Vor zwei Jahren wurde das "Bali-Paket" geschnürt. Wichtigster Bestandteil ist die Vereinbarung über Handelserleichterungen (TFA) durch den Abbau der Zollbürokratie. Unternehmen könnten dadurch etliche Milliarden einsparen. Aber nicht einmal 70 der für das Inkrafttreten erforderlichen 108 Mitgliedstaaten haben TFA bislang ratifiziert.

So erscheint als größter Lichtblick von Nairobi, dass ein bereits im Sommer von der WTO als Riesenerfolg verkündetes Abkommen zur Informationstechnologie dank endgültiger Zusage Chinas besiegelt werden konnte. Darin verpflichten sich die EU-Staaten und 30 weitere WTO-Länder, die Zölle für 201 Erzeugnisse der Informationstechnologie zu streichen - von Handys bis zu Hightech-Diagnosesystemen in Krankenhäusern. Die Vereinbarung umfasst ein Handelsvolumen von rund einer Billion Euro und damit rund zehn Prozent des Werts des gesamten Welthandels.