Warum debattiert der Bundestag über die Beschneidung von Jungen?
Im Sommer hatte das Landgericht Köln ein umstrittenes Urteil gefällt: Die Beschneidung von Kindern aus religiösen Gründen erfülle den Tatbestand der Körperverletzung. Sie sei auch nicht Teil des Kindeswohls. Jüdische und muslimische Gläubige schlugen daraufhin Alarm: Ohne Beschneidungen sei jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr denkbar, sagt etwa der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann.

Was ist eine Beschneidung, und warum wird dieser Ritus praktiziert?
Bei neugeborenen Jungen wird bei einer "Brit Mila", wie der Ritus im Judentum heißt, ein Stück der auf der Eichel gelegenen Vorhaut mit einem Skalpell entfernt. Die Juden berufen sich bei ihrer jahrtausende alten Praxis auf das 1. Buch Mose: Dort heißt es, dass alle neugeborenen Knaben bis zum achten Tag ihres Lebens als Zeichen des Bundes mit Gott beschnitten werden müssen, um in die Religionsgemeinschaft aufgenommen zu werden. Selbst in der Zeit des Nationalsozialismus wurden deswegen jüdische Kinder beschnitten. Im Islam ist die Beschneidung ebenfalls Teil der religiösen Tradition – 90 Prozent aller muslimischen Jungen in Deutschland sollen beschnitten sein.

Warum ist die Beschneidung rechtlich problematisch?
Aus juristischer Perspektive handelt es sich um einen Grundrechtskonflikt: Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit kollidiert mit dem Recht auf Religionsfreiheit und dem Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihrer Kinder.

Was steht im neuen Gesetz?

Um für Juden und Muslime Rechtssicherheit zu schaffen, will die Bundesregierung Beschneidungen von Jungen unter bestimmten Voraussetzungen erlauben: Sie soll nach den Regeln der ärztlichen Kunst und bei möglichst effektiver Schmerzbehandlung erfolgen.

Gibt es eine Alternative?
66 Bundestagsabgeordnete haben unter Federführung der SPD-Politikerin Marlene Rupprecht einen eigenen Gesetzesentwurf eingebracht: Sie wollen die Beschneidung erst ab dem 14. Lebensjahr gestatten, und nur, wenn das betreffende Kind selbst einwilligt. Das allerdings widerspricht den jüdischen Religionsgesetzen.

Wer ist gegen die Neuregelung?
Vor allem Kinderärzte und die Deutsche Kinderhilfe, aber auch der als Dachverband der Konfessionslosen geltende Humanistische Verband setzen sich für ein Verbot der Beschneidung ein. Wenn ein irreversibler und mit Nebenwirkungen verbundener Eingriff erlaubt bleibe, würde der Kinderschutz in Deutschland "um Jahrzehnte zurückgeworfen", klagte der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann.

Wie verlief die bisherige Debatte?
Im Bundestag zeichnete sich eine klare Mehrheit für den Entwurf der Bundesregierung ab. Außerhalb des Parlaments allerdings kochten die Wogen hoch: Immer wieder berichteten Abgeordnete und Verbandsvertreter, die sich für eine Legalisierung der Beschneidung einsetzten, von teils offen antisemitischen Zuschriften und Kommentaren. Sachlich blieb es nur im Parlament.