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| 01:29 Uhr

Wolfsrisse belasten Lausitzer Bauern

Leipzig. Bautzen. Die Zahl der Wolfsrudel und damit auch die der Tiere insgesamt ist in den vergangenen Jahren in Sachsen gestiegen. Damit einher gingen immer häufiger Schäden vor allem in Schafsherden, deren Ursache nach Meinung der betroffenen Bauern jagende Wölfe waren. Offiziell geht die Zahl der gerissenen Schafe aber zurück. Von Uwe Menscher

Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine ungetrübte Erfolgsbilanz: Nur etwa 1000 Euro musste Sachsen 2010 für durch Wölfe verursachte Schäden an Nutztierbeständen bezahlen. 16 Schafe fielen laut offizieller Statistik dem Wolf zum Opfer, von denen nur drei "ausreichend geschützt" waren. 2009 betrug die Entschädigungssumme 2061 Euro bei 21 gerissenen Schafen - 16 davon waren geschützt. 2008 wurden 54 Schafe gerissen, 2007 gar 66. 16 000 Euro betrug der damals geleistete Schadensausgleich. "Der Nutztierschaden hat sich um mehr als die Hälfte reduziert, obwohl sich die Anzahl der Wolfsrudel in Sachsen gegenüber 2008 nicht veränderte", hatte das in Rietschen (Kreis Görlitz) ansässige Kontaktbüro Wolfsregion bei der Vorstellung der Jahresbilanz für 2009 erklärt. Und weiter: "Die Höhe der Nutztierschäden hängt vor allem von der Anwendung von Herdenschutzmaßnahmen ab."

Für den stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des Sächsischen Landesbauernverbandes, Manfred Uhlemann, stellt diese Betrachtungsweise eine Art Augenauswischerei dar. "Die Entwicklung des Schadensausgleiches allein mit den von den Bauern zusätzlich vorgenommenen Herdenschutzmaßnahmen zu begründen, ist fern jeder Realität", betont er. Uhlemann bevorzugt eine andere Erklärung: "Um die mit der Anzahl der Wölfe zunehmenden Nutztierrisse öffentlich zu bagatellisieren, wird der Wolf als Verursacher im Rahmen der Begutachtungen immer öfter ausgeschlossen." Und weiter: "Seit acht Jahren ist außer den Gutachtern niemandem bekannt, wonach gerissene Tiere dem Wolf als Verursacher zugeordnet werden oder dieser ausgeschlossen wird." Laut sächsischem Naturschutzgesetz sei ein Schadensausgleich zu gewähren, wenn der Wolf als Verursacher des Risses "nicht eindeutig ausgeschlossen" werden könne. Jedoch: "Die angefertigten Rissprotokolle werden den Geschädigten oftmals nicht einmal zur Kenntnis gegeben, sondern wie geheime Verschlusssachen behandelt." Dabei will Uhlemann nicht missverstanden werden: "Wir haben nichts gegen den Wolf. Es kann jedoch nicht sein, dass die Bauern die Zeche für ihn bezahlen müssen." Gemeinsam mit einem Betrieb aus dem Raum Bautzen habe man jetzt eine Musterklage auf Entschädigung beim Verwaltungsgericht Dresden eingereicht, die aufgrund eines - dem Betroffenen unbekannten - Gutachtens verweigert worden war. Doch nicht alle Betriebe, so der Bauernfunktionär, seien bereit, sich auf eine solche Auseinandersetzung einzulassen: "Sie sind es leid, sich mit der Verwaltung herumzustreiten und schaffen ihre Schafherden ab." Tatsächlich hat die behördlich erfasste Zahl der in Sachsen gehaltenen Schafe seit 2005 von 128 500 auf 116 800 im Jahre 2009 und 100 500 (2010) abgenommen. Allerdings kann man diese Zahlen laut Statistischem Landesamt nur bedingt vergleichen, da Kleinbetriebe seit 2010 nicht mehr meldepflichtig sind.

Auch Georg-Hans Ohler will die Schafhaltung aufgeben. "Es gibt eine Vielzahl von Gründen dafür", erklärt der Biolandwirt aus Großdubrau (Kreis Bautzen). "Die Schafzucht ist nicht mehr wirtschaftlich, der Bürokratieaufwand wird immer größer." Und jetzt komme noch der Wolf hinzu: "Wir können den erheblichen Aufwand für Schutz und Kontrolle der Herden nicht leisten", erklärt der Landwirt.

Das für Sachsens Wolfsmanagement zuständige Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft weist die Vorwürfe des Bauernverbands aber zurück. "Die Rissbegutachtung wird in aller Regel im Beisein des Nutztierhalters vorgenommen", sagt Sprecher Frank Meyer. "Entscheidend ist", macht Meyer deutlich, "ob der Wolfsbiss die Todesursache darstellt". ume1

Bei Jagden im Herbst 2010 sind in der Annaburger Heide Fotos und Filme entstanden, die es in dem Waldgebiet im Dreiländereck von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg bisher nicht gab: Sie zeigen nach einhelliger Expertenmeinung herumstreifende Wölfe. "Es ist zweifelsfrei klar, dass es ein Wolf ist”, sagt Gesa Kluth, Biologin vom "Wildbiologischen Büro Lupus”, die sich seit vielen Jahren um die Zuwanderer in der Lausitz kümmert.

Details aus der Annaburger Heide gibt es zwar noch nicht, da noch keine genetischen Proben vorliegen. Doch angesichts von 136 Welpen, die seit 2000 in der Lausitz geboren wurden, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es eines dieser Jungtiere ist, sagt Kluth. "Wir hoffen nun noch auf einen Beleg." Der Truppenübungsplatz der Bundeswehr biete - wie in der Lausitz - einen geeigneten Rückzugsraum.

Hinzu kommt ein zweites Indiz:. Im Stadtwald von Belgern in der Dahlener Heide wurden im August und September Kotproben von Wölfen aufgelesen. Das Ergebnis einer DNA-Analyse steht zwar noch aus, die Fachleute gehen aber davon aus, dass die Spuren von Canis lupus stammen. Giso Damer, Sachgebietsleiter für Naturschutz beim Landkreis Nordsachsen, ist sich sicher: "Ein Wolf ist schon in der Annaburger Heide. Und wahrscheinlich sogar ein zweiter." Dafür sprächen neben den gefundenen Spuren auch die Sichtungen durch Laien.

Seine Behörde bietet seit etwa einem Jahr Informationsveranstaltungen an. Denn natürlich gibt es auch Vorbehalte gegen den Wolf, der schon in der Lausitz viel Wirbel und Ängste ausgelöst hat. Verunsichert und teils abwehrend ist auch die Jägerschaft. "Viele haben ein Identitätsproblem, weil sie ihre Arbeit bisher dadurch gerechtfertigt haben, dass es keine Wölfe und keine Bären mehr gibt", sagt Damer. Doch das Wild verhalte sich wie immer und sei auch immer noch da - unabhängig vom Wolf. "Die Jäger müssen sich neu finden und lernen, dass sie nicht mehr allein jagen." Aus der Bevölkerung habe er aber noch keinen Aufschrei vernommen. "Ich habe keinen Anruf von besorgten Bürgern erhalten. Auch bei der Stadtverwaltung ist es ruhig geblieben."

Landrat Michael Czupalla (CDU) setzt nach einem hitzigen Treffen der Kreisjagdverbände nun auf einen offensiven Umgang: Es sei wichtig, die Bevölkerung aufzuklären, sagt er. Im ersten Quartal dieses Jahres wolle er eine Fachkonferenz in der Region einberufen.

Unterstützung gibt es auch vom Land. "Wenn sich herausstellt, dass sich der Wolf dauerhaft ansiedelt, wird das Gebiet zum Wolfsgebiet erklärt”, sagte der Sprecher des Umweltministeriums, Frank Meyer. Dann würden auch Schutzmaßnahmen vor allem für Schafherden gefördert. Die Halter hätten aber ein Jahr Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen und bekämen fachkundige Beratung. svh1

Vor Kurzem noch in der Lausitz, inzwischen vor Leipzig – Wölfe legen bei ihren Wanderungen Hunderte Kilometer zurück. Foto: dpa
Vor Kurzem noch in der Lausitz, inzwischen vor Leipzig – Wölfe legen bei ihren Wanderungen Hunderte Kilometer zurück. Foto: dpa FOTO: dpa