Maik Schulze* ist vielen Polizisten im Oberspreewald-Lausitz-Kreis ein Begriff. Obwohl er gerade erst 16 Jahre alt geworden ist, hat er nach Erkenntnissen der Ermittler bereits etwa 250 Diebstähle und Einbrüche begangen. Es begann scheinbar harmlos mit dem Klau von Süßigkeiten in Geschäften, da war der Junge gerade zehn Jahre alt. Doch dabei blieb es nicht.
Radios, Telefone, Schmuck, Kameras, Fahrräder, Mopeds, Bargeld und Zigaretten ließ Maik Schulze in den folgenden Jahren mitgehen, aus Läden, Büros, Lokalen, Gartenlauben, Schulen und aufgebrochenen Autos. Ende Februar stieg er zusammen mit zwei 14-Jährigen und einem 15-Jährigen in einen Verbrauchermarkt in Großräschen ein. Seitdem sitzt er in der Jugendhilfeeinrichtung Frostenwalde im Nordosten Brandenburgs und wartet auf sein Strafverfahren.
"Der hat immer gesagt, wenn ich 14 bin, höre ich auf", erinnert sich ein Ermittler. Doch daraus wurde nichts. Die Staatsanwaltschaft klagte einige Taten an, die er nach seinem 14. Geburtstag beging, doch das erste Gerichtsverfahren musste eingestellt werden. Ein Gutachter hatte Maik Schulze fehlende Schuldeinsicht bescheinigt.
Mit 14 Jahren ist man in Deutschland strafmündig. Einige Heranwachsende geraten jedoch schon lange vorher auf die schiefe Bahn. Im Polizeischutzbereich Oberspreewald-Lausitz wurden im vorigen Jahr 325 Kinder unter 14 Jahren bei Straftaten erwischt. Im Schutzbereich Cottbus/Spree-Neiße waren es 495. Viele dieser Mädchen und Jungen haben nur ein- oder zweimal mit der Polizei zu tun und dann nie wieder. Andere, wie Maik Schulze, werden Dauerkunden. Die Polizei im Schutzbereich Cottbus/Spree-Neiße kennt neun Mädchen und Jungen zwischen zwölf und 14 Jahren, die bereits als Intensivtäter gelten. Das bedeutet: mehr als zehn Straftaten, hohe kriminelle Energie und unverbesserliches Verhalten.

Mittel greifen nicht mehr

Bis zum 14. Geburtstag, sind die Jugendämter und nicht die Justiz für kriminelle Heranwachsende zuständig. Den Kindern und ihren Eltern wird Hilfe angeboten, bis hin zur Unterbringung im Betreuten Wohnen. Geschlossene Heime für Kinder unter 14 gibt es bisher nur in einigen Altbundesländern, insgesamt etwa 130 Plätze.
Zu wenig, sagen Mitarbeiter einiger Jugendämter der Region. Olaf Trümper zum Beispiel, Abteilungsleiter im Cottbuser Jugendamt. "Eigentlich war ich immer gegen geschlossene Heime, doch wir haben inzwischen immer wieder Fälle, wo es einfach notwendig wäre", sagt er. Auch Joachim Pfützner, 1. Beigeordneter und amtierender Jugendamtsleiter im Elbe-Elster-Kreis, plädiert dafür: "Wir sind an einem Punkt angelangt, wo die vorhandenen Mittel nicht mehr greifen, manchmal wären repressivere Maßnahmen notwendig." Es gebe hin und wieder einige, die sich nicht helfen lassen wollten. Bei denen führt der Weg sonst direkt in die Jugendstrafanstalt.
Für mehr geschlossene Heime spricht sich auch der Verein Anwalt des Kindes aus. "Man muss die Möglichkeit haben, diese Mädchen und Jungen zeitweise festzuhalten, sonst sind sie nicht zu erreichen", sagt Vereinsvorsitzender Hans-Christian Prestin. Er ist Familienrichter in Potsdam.
Brandenburgs Justizministerin Barbara Richstein (CDU) sprach sich kürzlich gegen geschlossene Heime aus. Auch sie will Kindern rechtzeitig Grenzen setzen, doch das sei ohne geschlossene Einrichtungen möglich. Sie sieht jedoch die Notwendigkeit, die Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, Schulen, Polizei und Eltern zu verbessern. Gisela Ulrich, zuständige Referatsleiterin im sächsischen Sozialministerium, will auch keine Heime mit verschlossenen Türen. "Für konkrete Problemfälle muss es aber konkrete Angebote geben", sagt sie. In Crimmitschau wurde vor einiger Zeit eine intensivtherapeutische Gruppe für besonders problematische Kinder eingerichtet.
In Hoyerswerda gibt es seit fast drei Jahren ein Interventions- und Präventionsprojekt für Jungkriminelle. Jugendamt, Polizei und Staatsanwaltschaft arbeiten dabei eng zusammen. Heranwachsende, die straffällig werden, bekommen nach Abschluss des Ermittlungsverfahrens ein Beratungsangebot, von dem mehr als zwei Drittel Gebrauch machen. Roland Sängerlaub, stellvertretender Projektleiter und Jugendamtsmitarbeiter, lehnt geschlossene Heime ab. "Man kann niemanden zur Therapie zwingen", ist er überzeugt. Auch bei Kindern, die wiederholt straffällig werden, setzt er auf Freiwilligkeit, Hilfe anzunehmen.
In der Haasenburg, einem therapeutischen Heim für Jungen und Mädchen in Neuendorf am See nahe Lübben, hat diese Freiwilligkeit Grenzen. Betreiber ist Christian Haase, Psychotherapeut, der auf zehn Jahre Erfahrung in der Kinder- und Jugendabteilung der Landesklinik für Psychiatrie in Lübben zurückgreifen kann. Aus dieser Erfahrung entstand die Haasenburg mit sechs Plätzen in einer therapeutischen Gruppe und acht Plätzen für engmaschige, intensivpädagogisch-therapeutische Betreuung nicht gruppenfähiger Kinder und Jugendlicher. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein in Brandenburg einmaliges Konzept, das seit September vorigen Jahres angeboten wird und einem geschlossenen Heim nahe kommt.
Für jeweils vier Kinder stehen mindestens zwei Betreuer zur Verfügung. Die lassen in der ersten Zeit die Heimbewohner nicht aus den Augen. Ständiger Sichtkontakt ersetzt die verschlossene Tür. Zwei angestellte Lehrer unterrichten in der Haasenburg.
Erst später, nach therapeutischen Erfolgen, wird diese engmaschige Führung langsam gelockert. Mindestaufenthaltsdauer für die Problemkinder ein Jahr. Es gibt Wartelisten für neue Anmeldungen. Für jeden Insassen des Heimes gibt es einen fachlich gut ausgebildete Betreuer. Aufgenommen werden sie auf Antrag der Erziehungsberechtigten oder des Jugendamtes.

Zu spät gehandelt

Christian Haase, Psychotherapeut und Leiter des Heimes, hält es für fachlich falsch, bei Minderjährigen nur auf Freiwilligkeit und Einsicht zu setzen. Wir geben den Kindern hier einen klaren Rahmen, in dem sie sich ändern können, sagt Haase, aber wir hindern sie daran, aus diesem Rahmen wegzulaufen. Bei sehr jungen Straftätern werde oft zu spät eingegriffen. In manchen Jugendhilfeeinrichtungen würden sie zwar betreut, aber es werde nicht intensiv genug mit ihnen gearbeitet, so die Kritik.
Haase schätzt, dass mindestens 50 solcher engmaschigen Plätze in Brandenburg gebraucht würden. Bisher würden manche Kinder, die solch eine Betreuung brauchten, leider oft in die Psychiatrie abgeschoben, "wenn man sich mit ihnen keinen Rat mehr weiß", so Haases Erfahrung aus der Landesklinik in Lübben.
Für Kinder aus verwahrlosten Familien, gebe es genug Heimplätze, für Kinder mit speziellen Problemen viel zu wenig, schätzt Christian Haase ein. Für gefährlich hält er den neuesten politischen Trend, ausgesprochen schwierige Problemkinder in Pflegefamilien unterzubringen: "Das ist zwar kostengünstig, aber da fehlt natürlich völlig die notwendige fachliche Qualifikation der Betreuung."

* Name geändert

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Hintergrund: Kriminelle Kinder

Der Anteil der Kinder unter ermittelten Tatverdächtigen ist in Brandenburg und Sachsen in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen. 2002 betrug er in Brandenburg 5,3 Prozent, in Sachsen 6,7 Prozent.

Im Vorjahr haben in Sachsen 8000 und in Brandenburg 5000 Kinder unter 14 Jahren nach Polizei-Ermittlungen Straftaten begangen.

In Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt gibt es keine geschlossenen Heime für unter 14-Jährige. Vorhanden sind in allen drei Ländern Einrichtungen zur Vermeidung von Untersuchungshaft. Dort werden nur strafmündige Täter aufgenommen, gegen die ein Haftbefehl läuft. Sie bleiben bis zum Gerichtsverfahren.

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