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"Wohin führt diese Energiepolitik?"

Unter den rund 15 000 demonstrierenden Berg- und Energiearbeitern waren viele Lausitzer, zum Beispiel aus dem Kraftwerk Schwarze Pumpe.
Unter den rund 15 000 demonstrierenden Berg- und Energiearbeitern waren viele Lausitzer, zum Beispiel aus dem Kraftwerk Schwarze Pumpe. FOTO: Bartonek/rbt1
Berlin. Deutschlands Berg- und Energiearbeiter sowie die Beschäftigten von Zuliefer- und Servicebetrieben der Branche haben die Nase voll. Rund 15 000 von ihnen aus ganz Deutschland demonstrierten am Sonnabend gegen die Energiepolitik der Bundesregierung. Der Protestzug zog vom Wirtschaftsministerium bis zum Kanzleramt. Rolf Bartonek / rbt1

"Wir sind hier, um die Politik unter Strom zu setzen, damit den Verantwortlichen im Bundeswirtschaftsministerium und im Kanzleramt ein Licht aufgeht", rief der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie, Energie, Michael Vassiliadis, unter stürmischem Applaus aus. "Die geplante Strafsteuer muss weg, dieser Vorschlag ist ein Anschlag."

Auch Hans-Peter Lafos, Landesfachbereichsleiter der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Nordrhein-Westfalen, stieß in dieses Horn. Beide Gewerkschaften hatten aufgerufen zu den Protesten, beide sehen viele Zehntausend Arbeitsplätze gefährdet, wenn Kohlekraftwerke durch eine zusätzliche Belastung nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben seien. Denn es gehe nicht nur um die unmittelbar in der Stromerzeugung Beschäftigten, sondern ebenso um die vorgelagerten Jobs in den Braunkohletagebauen sowie um gut bezahlte Arbeiten im Zuliefer- und Dienstleistungsbereich.

"Wir fragen uns, wo diese Energiepolitik noch hinführt", klagt Bernd Asch, Maschinist im Kraftwerk Schwarze Pumpe. "In zwei Jahren ist unser 1. Block 20 Jahre alt und von der Abgabe betroffen. In diesem Land wird Klimaschutz schöngeredet. Dabei funktioniert eine national begrenzte Klimapolitik auf einem internationalen Markt gar nicht. Wenn wir den Grundlaststrom nicht herstellen, dann kommt er aus den Nachbarländern mit noch höheren CO{-2}-Emissionen."

Der Lausitzer winkt wütend ab, dann fügt er hinzu: Auf dem Klimagipfel in Rio de Janeiro hätten Fachleute mit der heute gängigen Software zur Klimamodellierung 50 Jahre zurückgerechnet. "Kein Modell hat die heute tatsächlich erreichten Temperaturen richtig vorausgesagt."

In der Tat wächst auch in Fachkreisen die Kritik an den Modellen. Trotz stark steigender CO{-2}-Emissionen vor allem in China, Indien und Japan ist die globale Durchschnittstemperatur seit 18 Jahren nach den Datenreihen von Nasa und NOAA (Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA) nicht gestiegen. Darauf verweist mit Patrick Moore sogar einer der Greenpeace-Mitbegründer. Der Kanadier ist mittlerweile zum Kritiker der aktuellen Klimapolitik geworden und vertritt die ketzerische Meinung, für ein optimales Pflanzenwachstum und damit die Ernährung der Menschheit wäre sogar ein vierfach höherer CO{-2}-Anteil in der Luft als der heutige (0,04 Prozent) optimal. Die mittelalterliche Warmzeit habe den Wikingern die Kolonisierung von Grönland ermöglicht.

Für die Berg- und Energiearbeiter sind solche Aussagen Wasser auf ihre Mühlen. Auch Andreas Maier aus der Instandhaltung des Kraftwerks Jänschwalde sieht im CO{-2} nichts Schädliches: "Jeder Mensch, jedes Tier atmet es aus." Er hält Jänschwalde als ältestes Kraftwerk der Region "trotz vieler Modernisierungen" durch eine CO{-2}-Abgabe bedroht und kritisiert den deutschen Alleingang in der Klimapolitik.

Volker Schönig ist seit knapp 40 Jahren "in der Kohle" beschäftigt und jetzt Vorarbeiter im Tagebau Nochten. "Ich glaube nicht an einen Zusammenhang zwischen CO{-2} und Klima", erklärt er. Steffen Krause, der neben ihm steht, glaubt dagegen schon daran. "Aber ohne Grundlastkraftwerke funktioniert die Energiewende nicht, weil es für die stark schwankende Stromerzeugung aus Wind und Sonne noch keine Speichertechnik gibt", sagt er. "Beim Klima gibt es viel blinden Aktionismus." Ein Kohleausstieg könne nur sehr langfristig erfolgen und müsse vernünftig geplant werden. "Sonst stirbt eine ganze Region." Krause arbeitet in der Autoservice Klitten GmbH, einem Dienstleister, der am Kraftwerksstandort Boxberg Fahrzeuge instand hält. In Boxberg wären die zwei älteren Blöcke sofort von der CO{-2}-Abgabe betroffen.

Bei den Demonstranten stößt die Losung, die Greenpeace auf einer Hausfront in der Invalidenstraße großflächig angebracht haben, auf wenig Gegenliebe. "Erneuerbare Energien schaffen Jobs mit Zukunft", heißt es da. "Nichts als Geschwätz", schimpfen Energiearbeiter. Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier fordert Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf, doch mal Revue passieren zu lassen, wie schwierig und langwierig der Strukturwandel in Ostdeutschland war und wie viele Jobs er gekostet hat. Von 100 000 Arbeitsplätzen in der Energiewirtschaft gingen 90 Prozent verloren, erinnert Frank Heinze, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates von Vattenfall Europe Generation.

Der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch appelliert an Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihr Bekenntnis zur Braunkohle zu erneuern. Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber erklärt, die gegenwärtige Energiepolitik sei gefährlich für den Standort Deutschland: "Alle brauchen bezahlbare Energie." Seine Ministerkollegen aus Sachsen und Nordrhein-Westfalen, Martin Dulig und Michael Groschek, warnen vor Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit.

Generell ist die Stimmung unter den Demonstranten nicht gegen die erneuerbaren Energien gerichtet. Aber sie möchten wertgeschätzt werden als diejenigen, die Wind- und Sonnenenergie langfristig mit einer Brückentechnologie den Weg bereiten.