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| 02:42 Uhr

Wohin auf Dauer mit dem Ockerschlamm?

Pritzen liegt auf einer Halbinsel im künftigen Altdöberner See. Hier ist der Widerstand gegen eine Ockereinlagerung sehr groß.
Pritzen liegt auf einer Halbinsel im künftigen Altdöberner See. Hier ist der Widerstand gegen eine Ockereinlagerung sehr groß. FOTO: LMBV
Altdöbern. Seit mehr als einem Jahr rückt die LMBV dem Eisenocker als Spätfolge des Bergbaus in der Region zu Leibe. Doch wohin dauerhaft mit dem dabei anfallenden Schlamm? Die Idee, ihn im Altdöberner See zu lagern, stößt auf Protest. Simone Wendler

So ganz kann Eckhard Scholz, Bereichsleiter Technik bei der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau- Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), den Unmut vieler Einwohner von Altdöbern nicht verstehen: "Die Leute gehen gleich in Igelstellung und verlangen von uns alle Unterlagen." Dabei gebe es noch gar keine konkreten Planungen, nur ein Konzept, eine Idee.

Diese Idee soll am heutigen Donnerstagabend in Altdöbern erstmals öffentlich vorgestellt werden. Und dabei könnte es gleich hoch hergehen. Denn gegen die "Idee" hat sich bereits eine Bürgerinitiative mit etwa 30 Mitgliedern gegründet. Es geht darum, in einigen Jahren größere Mengen Eisenhydroxidschlamm, Ocker genannt, am Boden des Altdöberner Sees dauerhaft abzulagern.

Eisenocker entsteht durch Oxidationsprozesse in Kippenböden und wird durch das langsam in der gesamten Region wieder aufsteigende Grundwasser in die Gräben und Flüsse gespült. Zwei örtliche Schwerpunkte haben sich dabei herauskristallisiert: Der Südraum im sächsischen Teil des Spreelaufes zwischen Weißwasser und Hoyerswerda und der Nordraum am Rande des Spreewalds bei Vetschau.

Ende 2014 hat die LMBV, die in einem wissenschaftlichen Beirat von vielen externen Fachleuten unterstützt wird, ein Konzept zum Umgang mit dem Eisenhydroxidschlamm in den nächsten Jahren vorgelegt. Im sächsischen Teil der Lausitz soll danach das eisenbelastete Wasser weitgehend abgefangen werden, bevor es in die Spree gelangt. Dann soll es in das Speicherbecken Lohsa geleitet werden, wo sich der Ocker absetzt.

Grubenwasserreinigungsanlagen, in denen sich der feinporige Schlamm absetzt, seien dort nur eine vorübergehende Lösung. Im Spreewaldgebiet seien dagegen zu viele Fließgewässer betroffen und deshalb ein anderes Vorgehen nötig. Absetzanlagen sollen hier Hilfe bringen. Daraus wird aber über viele Jahre Schlamm anfallen. Der könnte, so das LMBV-Konzept, dauerhaft auf den Boden des Altdöberner Sees gespült werden.

Besonders für die knapp 60 Einwohner des Altdöberner Ortsteils Pritzen kommt eine Ockereinlagerung vor ihrer Haustür jedoch nicht infrage. "Auf keinen Fall darf der Schlamm in unseren See", sagt der 80-jährige Herbert Glatz. "Der See würde zur Kloake", stimmt ihm seine ein Jahr jüngere Frau Helga zu. Das Ehepaar hat eine besondere Bindung an den Ort. Als das Dorf für den anrückenden Tagebau Greifenhain in den letzten DDR-Jahren leergezogen wurde, war Familie Glatz eine der letzten, die in dem Ort ausharrte.

Dann kam das Ende der DDR, das Ende für den Tagebau Greifenhain, und aus der Grube wird jetzt der Altdöberner See. Wenn da unten der Schlamm hineinkäme, werde sich nichts von dem versprochenen Tourismus entwickeln, befürchten Herbert und Helga Glatz. Das fast schon gestorbene Dorf habe ohnehin durch seine Lage auf einer Halbinsel im ehemaligen Tagebau genug Mühe, sich langsam wieder zu entwickeln. Für Eckhard Scholz, Bereichsleiter bei der LMBV, zählen andere Fakten. Das Gewässer ist durchschnittlich 30, am tiefsten Punkt sogar 70 Meter tief. Das Wasser darin ist neutral, zeigt keine Tendenz, wie andere Bergbaufolgeseen zu versauern. Außerdem sei der See im Rekultivierungsgebiet zentral gelegen. LMBV-Technik-Chef Scholz verspricht, dass es keine Gefährdung durch eine solche Schlammeinlagerung im Altdöberner See geben würde: "Wenn es das geringste Anzeichen für eine Gefährdung gäbe, würden wir dafür nie eine Genehmigung bekommen." Und ein ordentliches Genehmigungsverfahren mit öffentlicher Beteiligung werde es ohnehin geben, wenn die Idee der Lagerung im Altdöberner See weiter verfolgt wird. Außerdem werde heute schon Ocker aus Grubenwasserreinigungsanlagen in Restlocher gespült. "Das ist bergbaugängige Praxis", so Scholz. Das könne sogar der Versauerung des Wassers entgegen wirken.

Das Problem mit dem Eisenocker werde die Region noch weit mehr als zehn Jahre beschäftigen, schätzt Scholz ein. Seit einem Jahr gibt es deshalb dafür bei der LMBV eine länderübergreifende Projektgruppe. "Wir müssen für alle offenen Fragen genehmigungsfähige Lösungen finden", so Scholz. Und er macht unmissverständlich klar: "Das wird noch viel Geld kosten."

Alle Untersuchungen würden ergebnisoffen geführt, versichert der Technik-Chef der LMBV. Es dürfe aber auch keine Idee ausgeschlossen werden. Wie viel Ocker schlamm wirklich für eine Einlagerung im Altdöberner See anfallen könnte, sei noch offen. Es gehe insgesamt nur um wenige Meter in dem tiefen See.

Parallel zu den Überlegungen, Schlamm in den See zu spülen, würden alle Möglichkeiten genutzt, den Ocker zu verwerten. Doch die Möglichkeiten dafür seien begrenzt. Ebenso die Deponiekapazitäten. Der Altdöberner See könnte dagegen laut bisherigen Untersuchungen über 200 Millionen Kubikmeter Eisenhydroxidschlamm aufnehmen. Davon werde vermutlich nur ein kleiner Teil gebraucht.