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Wo wer springen muss

berlin. Was in Berlin noch in der politischen Schwebe hängt, ist in Schleswig-Holstein schon seit ein paar Monaten politischer Alltag: Schwarz-Gelb-Grün. Der Kieler Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hat dann auch ein paar Tipps zum Gelingen eines Jamaika-Bündnisses parat: Keine Vorbedingungen, Vertrauen gewinnen und dafür sorgen, "dass jede Partei auch den anderen Parteien gönnt, dass sie eigene Punkte umsetzen wollen". Stefan Vetter

Was also sind die Herzblutthemen der einzelnen Akteure, und wo liegen dabei die Schmerzgrenzen der anderen?

Migration: Hier hat sich die CSU aufgebockt - sie pocht auf eine Flüchtlings-Obergrenze und ist damit isoliert. Eine starre Zahl bei der Aufnahme von Asylberechtigten lehnen Grüne, FDP und auch die CDU ab. Die Forderung steht auch nicht im gemeinsamen Wahlprogramm von CDU und CSU. Gleichwohl haben die Liberalen signalisiert, "über eine Grenze der Inte grationskraft" zu sprechen. Bei den Grünen ist verabredet, kein Öl ins Feuer zu gießen. Stattdessen setzt man auf klärende Vorgespräche zwischen CDU und CSU nach der Devise, erst mal müssen die sich einigen. Fazit: Die Flüchtlingspolitik wäre sicher einer der größten Knackpunkte bei den Jamaika-Verhandlungen.

Sicherheit: Mehr Überwachung und weniger Datenschutz stinkt Grünen und FDP gleichermaßen. Die Union dagegen will die Zügel weiter anziehen. Außerdem macht sie sich für die Einhaltung des Zwei-Prozent-Ziels bei den Verteidigungsausgaben gemessen an der Wirtschaftsleistung stark. Fazit: Hier wären ebenfalls harte Auseinandersetzungen zu erwarten.

Klimaschutz: Hier haben die Grünen die klarsten Forderungen - keine neuen Autos mit Verbrennungsmotor ab 2030 zum Beispiel und eine sofortige Abschaltung der 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke. Bei diesem Thema müssen die Ökos plakative Erfolge vorweisen. Schwer vorstellbar allerdings, dass die "Wirtschaftspartei" Union ein konkretes Ausstiegsdatum mitmacht. Auch die Liberalen sind gegen Zwangsmaßnahmen, haben aber zum Beispiel schon eine Abgabe auf den Schadstoffausstoß von Kohlekraftwerken angeregt. Das zum Beispiel könnte ein akzeptabler Kompromiss sein. Fazit: Beim Klimaschutz dürften sich die Grünen besonders teuer verkaufen. Und besonders die Union könnte gegensteuern. Ausgang offen.

Soziales: Auch hier sind die Grünen weit von FDP und Union entfernt. Sie wollen die Kranken- und die Rentenversicherung zu einer Bürgerversicherung umgestalten, in die auch Beamte und Selbstständige einzahlen. Dagegen möchten die Liberalen die private Krankenversicherung sogar noch ausbauen. Die Union wiederum möchte alles so lassen, wie es ist. Eine Bürgerversicherung ausgerechnet unter Jamaika-Vorzeichen ist allerdings in der Tat unrealistisch. Fazit: An der Sozialpolitik würde Schwarz-Gelb-Grün nicht scheitern.

Finanzen: Grundsätzlich sind alle Beteiligten für steuerliche Entlastungen. Kompliziert wird es beim Kleingedruckten. Union und FDP wollen mehr oder minder durchgreifende Erleichterungen für alle, die Grünen nur für Geringverdiener. Zugleich streben die Ökos eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes an. Für die Union ist bislang jede Steuererhöhung des Teufels. Sie versteht sich auch als Schutzpatron für einen ausgeglichen Haushalt ("schwarze Null"). Fazit: In Finanzfragen sind harte Verhandlungen zu erwarten, bei denen man aber unter einen Hut kommen kann.

Gibt es am Ende wirklich einen schwarz-gelb-grünen Koalitionsvertrag, so darf man davon ausgehen, dass er sehr detailliert formuliert sein wird. Jede Partei muss sich darin wiederfinden. Denn wie heißt es schon bei Goethe? Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.