Als Zugabe rauscht auch noch eine Kollektion alter Mäntel - wie von Geisterhand bewegt - in einem Affenzahn an ihrem Kopf vorbei. Wer ins Bimbotown im Leipziger Künstlerviertel Spinnereistraße geht, muss mit Überraschungen dieser Art rechnen.

Künstler Jim Whiting lebt sich aus
Jeden ersten Samstag im Monat lässt der Londoner Künstler Jim Whiting in einer großen ausgedienten Fabrikhalle auf dem Gelände der früheren Baumwollspinnerei die Sofas tanzen, haucht Skulpturen und Nachthemden mit Pressluft oder elektrischem Antrieb Leben ein und lässt ein fressendes Sofa auf die Menschheit los. Whiting ist nicht Regisseur eines Grusel-Thrillers, sondern der Erfinder und Betreiber dieses bisher einzigartigen Aktionskunstobjektes.
"Ich sehe gern Leuten beim Lachen zu und versetze ihnen einen freudigen Schrecken", sagt Whiting mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen. Ständig tüftelt der 55-Jährige neue Gags für seine Party-Location aus. Bimbotown - das ist Action-Unterhaltung vom Feinsten. Wer keinen Spaß versteht, ist hier falsch. Das wird schon am Eingang klar, wo der Besucher zur Begrüßung von einem pressluftbetriebenen Bein-Paar erstmal einen (sanften) Tritt vors Schienbein bekommt.
Natürlich kann man im Bimbotown auch etwas trinken und essen. Doch das ist Nebensache. Wer nämlich alle Erfindungen Whitings ausprobieren möchte, hat eine Weile zu tun. Da wären die berühmten hüpfenden Sessel, Barhocker und Sofas, die irgendwo in der Nähe von einem anderen Gast auf Knopfdruck aktiviert werden können.
Die Opfer sind meist ahnungslos, haben allerdings nach der ersten Schrecksekunde jede Menge Spaß auf ihrer unruhigen Sitzgelegenheit. Stahlbetten rollen gemächlich durch die Halle und laden zur Überraschungstour für zwei ein. Ähnlich wie in einer Geisterbahn hat Whiting seinen liegenden Gästen bei dieser Entertainment-Runde viele überraschende Effekte zu bieten.

Passenden Ort gefunden
Seit zwölf Jahren betreibt der Künstler, der sich nicht gern auf eine bestimmte Richtung festlegen lässt, seine ungewöhnliche Party-Location in Leipzig. Schon zweimal ist er mit seinen hüpfenden Sofas innerhalb der Stadt umgezogen, unter anderem wegen Protesten der Anwohner.
Nun hat er jedoch den passenden Ort gefunden. "Etwas Ähnliches habe ich schon mal vor 18 Jahren in Köln gemacht", berichtet der Kreative, der selbst in der Bimbotown-Halle wohnt und für den 90 Meter langen Weg von seiner Küche zum Schlafzimmer auch schon mal das Fahrrad benutzt.
Whiting weiß, was der Mensch gern hat, aber ungern zugibt: die Faszination für Gefahr und Ekel. Gruselige Träume werden in der Bimbotown-Halle wahr, und alle lachen darüber. Die meisten Gäste suchen den Kick und die Spannung. Beides bekommen sie unter anderem auf dem menschenfressenden Sofa, dem Partyknaller schlechthin. Es saugt seine zwei Sitzer einfach auf und lässt sie hinter den Kulissen im Dunkeln verschwinden.
Wem nach etwas mehr Gemütlichkeit zumute ist, der kann sich in eine der schäumenden Badewannen legen und entspannen oder auf einem Stuhl in Omas Wohnzimmer Platz nehmen und mit der gesamten Sitzecke durch die Halle düsen. Der Tisch ist dabei das Lenkrad.
Es scheint keine Verrücktheit zu geben, die Jim Whiting auslässt. "Ich muss aufpassen, dass alles sicher ist", erklärt der Künstler, der am Partyabend nur im Blaumann und mit schmierigen Fingern unterwegs ist, um das wieder zu richten, was im Eifer des Partygefechts kaputtgegangen ist.