Wer bei Hans-Henning von Kleist in die Schauwerkstatt nach Neukirch kommt und etwas über die Oberlausitzer Leinentradition erfahren möchte, der bekommt zunächst eine Lektion in Regionalgeschichte. „Das hängt zusammen“ , begründet von Kleist. Der Flachs brachte im Mittelalter das Weberhandwerk in der Oberlausitz zum Blühen. Damals gab es kaum ein Häuschen, in dem kein Webstuhl stand. Oder vielmehr hing. „Die Weblade hing am Deckenbalken“ , weiß von Kleist.
Diese Tatsache lässt den 64-Jährigen zu einem Schluss kommen, der manchem Denkmalschützer und Architekten sehr gewagt erscheint: „Die Oberlausitzer Umgebindehäuser haben ihren Ursprung in der Weberei.“ Weil der Handwebstuhl an der Decke hing, machte das Haus alle seine Bewegungen mit. Die Stroh- und Lehmkonstruktion der Fachwerkhäuser, die die eingewanderten Thüringer und Franken gebaut hatten, wurde brüchig. Sie nahmen die Wände heraus, die ebenfalls in der Oberlausitz sesshaft gewordenen Slawen setzten ihre Blockstube hinein und fertig war das Umgebindehaus - so von Kleists Theorie. „Die Wirtschaft hat klar die Siedlungsstruktur geprägt.“
Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Sowohl die Leinenweberei als auch die Umgebindelandschaft haben einen mächtigen Aderlass hinnehmen müssen. Im Dreiländereck gibt es noch 19 000 von geschätzten einst 30 000 Umgebindehäusern. Leinen wurde schon Mitte des 18. Jahrhunderts von der billigeren Baumwolle zurückgedrängt. In der DDR wurde in den Leinenfabriken fast ausschließlich Baumwolle verarbeitet. Von Kleist muss es wissen: Seit 1965 arbeitete er in seiner eigenen Handweberei. Das endgültige Aus für die Oberlausitzer Leinenweber kam mit der Wende: Von den einst 220 000 Beschäftigten in der Textil- und Bekleidungsindustrie in Sachsen sind noch 9300 Mitarbeiter übrig. „Die Zahl widerspiegelt deutlich, was hier passiert ist“ , sagt von Kleist.
Dass fast zwei Generationen nichts mehr vom Leinen wussten, ist für jemand wie Hans-Henning von Kleist, der die Leinenweberei zu seinem Lebensinhalt gemacht hat, ein unhaltbarer Zustand. „Das muss geändert werden“ , sagte sich der engagierte Weber. Von Kleist gilt als Vater der jährlichen internationalen Oberlausitzer Leinentage im Barockschloss Rammenau, von Kleist hat die Ferienstraße „Handwerk erleben“ mit initiiert. Und der Neukircher Leinenfabrikant ist Mitglied in der Allianz textiles Denkmal, in der er sich stark macht für die Bewahrung des textilen Kulturerbes und Anfertigung fadengenauer Repliken historischer Originale. Von Kleist ist aber auch Geschäftsmann: Seine kleine Leinenmanufaktur hat sich in weiser Voraussicht - „allein hätten wir es nicht geschafft“ - mit der zweiten Weberei am Ort zusammen getan. Die Firma Hoffmann webt von Kleists Patent: das Oberlausitzer Bauerndamast. Das Doppelgewebe hat von Kleists Urgroßvater erfunden. Jetzt sind die beidseitig gewebten Tischdecken, Gardinen, Tischdekorationen in fünf Mustern die Spezialität der Neukircher Leinenmanufaktur.
Dass sich sein Engagement für den edel knitternden Stoff lohnt, merkt der Neukircher am Kundenzuwachs. Immer öfter wird auch nach maßgeschneiderten Leinenhemden und -blusen gefragt. „Das ist doch auch etwas Feines“ , sagt Henning von Kleist. Die durchschnittlich 90 Euro seien auf die Haltbarkeit gerechnet auch ein guter Preis. So ein Hemd hält laut von Kleist fünf, sechs Jahre. „Dann wird der Kragen ausgewechselt, und wenn die Ellenbogen durchgescheuert sind, wird einfach ein kurzärmliges Hemd daraus gemacht“ , schmunzelt von Kleist.

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Im Frottier- und Damastmuseum in Großschönau ist Europas einziger funktionstüchtiger Zugwebstuhl zu sehen.
Die Leinenmanufaktur von Kleist liegt an der Oberlausitzer Handwerkerstraße: Entlang der Ferienstaße im Dreiländereck präsentieren u.a. Blaudrucker, Filzer, Holzgestalter, Lehmbauer, Papiermacher, Pfefferküchler, Töpfer, Korbflechter, Schmiede traditionelles sächsisches und böhmisches Handwerk.