Als sich die unermesslich reich gewordenen Kautschukbarone in der brasilianischen Amazonasstadt Manaus Ende des 19. Jahrhunderts entschlossen, ihren Markt zu pflastern, entschieden sie: Es soll das teuerste Material der Welt sein. Und so ließen sie Lausitzer Granit über den Atlantik schiffen.

Bereits seit 1848 wurde in Demitz-Thumitz Granit gebrochen und verarbeitet. Man benötigte das relativ leicht spalt- und verarbeitbare Material für den Bau des 240 Meter langen Eisenbahnviadukts im Ort. Die Arbeit erforderte handwerkliches Können, setzte fachliches Wissen voraus. Also gründeten zwei Unternehmen aus Demitz-Thumitz am 27. September 1908 die Sächsische Steinmetzschule. "Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess' ich nimmer", reimte damals ein Lehrausbilder, damit sich die Lehrlinge die Bestandteile des Granits leichter einprägen.

Sachsens Natursteinindustrie erlebte im folgenden Jahrhundert Höhen und Tiefen. Die Steinmetzschule jedoch überstand alle. So gilt sie heute als die älteste Ausbildungsstätte ihrer Art in Deutschland. In den neuen Bundesländern ist sie die einzige. Wie Schulleiter Uwe Steglich erläutert, erlernen die Berufsschüler beispielsweise, worin sich Marmor, Granit oder Sandstein unterscheiden und wie man daraus Brunnen- und Treppenanlagen, Grabmale oder auch Skulpturen fertigt. Sie erfahren, wie man die Steinoberflächen gestalten kann. Ihre Grundwerkzeuge nennen sich Knüpfel - ein hammerähnliches Gerät aus Holz - und Eisen.

Allerdings hatte es die Schule nach der Wende nicht leicht. Bis heute erhält sie kein Geld vom Berufsbildungswerk des Deutschen Steinmetz- und Bildhauerhandwerks in Wiesbaden. In dessen Kassen müssen zwar auch alle ostdeutschen Steinmetzbetriebe einzahlen, bezuschusst werden davon jedoch nur vier Ausbildungszentren in den Altbundesländern.

Deshalb traten die 200 sächsischen Innungsbetriebe vor einigen Jahren aus dem Bundesinnungsverband aus. Mit dem Geld, das sie damit sparten, erwarben sie das Gästehaus der Steinmetzschule, in dem die Lehrlinge und Meisterschüler während der Ausbildungswochen wohnen. Das gehörte, wie auch die Schule selbst, dem Landkreis Bautzen, doch der wollte es im Zuge einer Einsparaktion abstoßen. "Das aber hätte auf längere Sicht auch den Tod der Steinmetzschule bedeutet", erzählt der sächsische Landesinnungsmeister Tobias Neubert aus Halsbrücke bei Freiberg.

Heute kümmert sich ein Förderverein um das Gästehaus. Jüngst erst restaurierte er einen Teil der Zimmer und Bäder und investierte in bessere Ausbildungsbedingungen. Neben Spenden von ostdeutschen Steinmetzbetrieben akquirierte Vereinschefin Hilke Domsch aus dem erzgebirgischen Nassau auch Fördergelder. So steuerte die Betriebswirtschafterin das Gästehaus in ruhige Fahrwasser - und Sachsens Steinmetze konnten wieder dem Bundesverband beitreten.

Unlängst ließ sich der Förderverein als staatlich anerkannter Bildungsträger zertifizieren. Damit können Lehrlinge und Steinmetzgesellen in Demitz-Thumitz auch Zusatzqualifizierungskurse belegen. "Zum Beispiel für Restaurierung und Bildhauerei, zu Stuckarbeiten oder alten Putztechniken, im Zeichnen oder auch zum Erwerb des Gabelstaplerscheins belegen", zählt Hilke Domsch auf.

Zum Jubiläum der Steinmetzschule feiert auch ein Dokumentarfilm Premiere. Der Titel: "Steinerne Liebe". Er erzählt die lange Geschichte der Natursteingewinnung und -verarbeitung sowie über das Steinmetz- und Bildhauerhandwerks in Sachsen.