Wer von Westen in die alte Bergstadt Freiberg fährt, sieht irgendwann den weißen Turm. Auf seiner Spitze glänzt ein goldener Engel, der Trompete spielt. Turm und Engel sind Teile des "Freiberg-Tempels": Eines sakralen Baus der "Kirche Jesu Christi des Heiligen der letzten Tage", einer Religionsgemeinschaft, die gemeinhin auch als "Mormonen" bekannt ist. Nur zwei solcher Tempel gibt es in Deutschland: Einer steht in Friedrichsdorf in Hessen, einer wurde noch zu DDR-Zeiten im Erzgebirge errichtet.

Der Tempel ist größer geworden

Normalerweise sind diese Tempel nur für die weltweit 15 Millionen Mormonen zugänglich, von denen rund 38 000 in Deutschland leben- doch wer in diesen Tagen auf das Grundstück in Freiberg kommt, wird schon an der Einfahrt freundlich begrüßt. "Wir haben den Tempel um 500 Quadratmeter erweitert", sagt die Sprecherin der Religionsgemeinschaft, Gabriele Sirtl. Weil der Tempel noch als Baustelle gilt und erst Ende August wieder geweiht wird, können bis dahin auch alle anderen Menschen die den Mormonen heiligen Räume besuchen. Vorausgesetzt, sie ziehen sich wie in einem alten Schloss einen Plastiküberzieher über ihre Schuhe. Die prunkvollen Teppichböden in dem Gebäude sollen geschont werden, heißt es, als jüngst eine Gruppe Journalisten durch das Gebäude geführt wird.

Am Eingang gibt es eine Rezeption, an der besuchende Mormonen künftig ihren "Tempelschein" vorlegen müssen: Nur Gemeindemitglieder, denen ihre Gemeinde bestätigt, dass sie sich entsprechend der für Mormonen geltenden Vorschriften verhalten, dürfen in den Tempel. Alkohol ist ebenso tabu wie Tabak, und auch Kaffee und Tee dürfen nicht getrunken werden, sagt Paul Johnson. Der Amerikaner ist "Erster Ratgeber in der Präsidentschaft des Gebiets Europa", der Titel entspricht etwa einem Mitglied der Kirchenleitung in einer protestantischen Kirche. Dagegen seien Mormonen ausdrücklich aufgefordert, sich karitativ und gesellschaftlich zu engagieren.

Im Zentrum allerdings steht für die Mormonen die Familie: Sie glauben, dass schon vor dem Leben der Menschen auf der Erde die Geister aller Menschen bei Gott lebten, dass sie sich im irdischen Leben bewähren müssen, und diejenigen, die dazu würdig sind, nach dem Tod bei Gott weiterleben. Das macht religiöse Handlungen möglich, die es so in kaum einer anderen Religionsgemeinschaft gibt. Zum Beispiel die stellvertretende Taufe für Verstorbene: Im Tempel steht ein großes Taufbecken, das auf dem Rücken von zwölf Ochsen gelagert ist. Dort können sich Mormonen stellvertretend für ihre Vorfahren taufen lassen.

"Geht das auch, wenn einer der Menschen schon in einer christlichen Kirche getauft war - also kann man sich zum Beispiel für Martin Luther taufen lassen?", will die RUNDSCHAU von Paul Johnson wissen. "Das geht, denn der Verstorbene kann in der anderen Welt entscheiden, ob er diese Taufe annimmt", sagt Johnson. An den Wänden des Tempels finden sich großformatige Malereien in schweren Goldrahmen. Sie zeigen Szenen aus der Bibel, an die auch die Mormonen glauben. Zusätzlich haben sie allerdings drei eigene Schriften, die der auf der Spitze des Tempelturms dargestellte Engel Moroni und andere Propheten Ende des 19. Jahrhunderts dem Amerikaner Joseph Smith diktiert haben sollen: Sie handeln davon, dass Israeliten zu biblischen Zeiten nach Amerika auswanderten, und der auferstandene Jesus Christus ihnen dort erschienen sein soll. Weswegen der Mormonismus wohl die amerikanischste aller existierenden Religionen ist.

Die evangelische und die römisch-katholische Kirche halten diese Lehren der Mormonen allerdings schlicht für eine Erfindung von Joseph Smith. Sie erkennen die Mormonen deswegen auch nicht als christliche Kirche an. "Wir sehen die Mormonen als Vertreter einer Neureligion, die in ihrer Lehr- und Glaubenspraxis außerhalb des Christentums stehen", sagte der Direktor der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin, Reinhard Hempelmann.

Die Taufe der Mormonen werde von den etablierten christlichen Kirchen nicht als gültig anerkannt, auch die Taufe für Verstorbene lehne man ab.

Aber zurück in den sächsischen Mormonentempel. Einer der prunkvoll ausgestatteten Räume, die von der Möblierung und der Innenarchitektur her an den Ballsaal amerikanischer Luxushotels erinnern, dient der Siegelung: Ehepaare, die vor einem Altar niederknien und sich von einem Würdenträger siegeln lassen, würden über den Tod hinaus verbunden.

Unzertrennliche Familienbande

"Die Familien gehören dann für immer zusammen", sagt Johnson. Der Amerikaner, der selbst neun Kinder hat, übergibt das Wort an seine Gattin. Sie berichtet mit Tränen in der Stimme von ihrer verstorbenen Tochter und davon, wie sie für sie weiterlebt, weil sie durch die Siegelung an die Familie gebunden sei. Schließlich der letzte Raum, der "Celestiale Raum". Auf einem Tisch steht ein Blumenstrauß, darüber hängt ein Kronleuchter. Stühle und Sofas sind im Raum gruppiert, es wirkt feierlich. Religiöse Symbolik ist - wie im ganzen Tempel - kaum zu sehen.

"Wenn eine heilige Handlung im Tempel vollzogen wird, setzen wir uns anschließend hier in diesen Raum und spüren den totalen Frieden", sagt Johnson. Für die Mormonen ist ein Besuch in diesem Raum wie ein kleiner Vorgeschmack des Himmels. Den sie, und nur sie, ab Ende August dann wieder im sächsischen Freiberg erleben können.