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Wo Bacchus aus allen Ecken grüßt

Blick über den Palmenhaus-Weinberg auf die Stadt. Vorn die "Galerie Focus Park", die in einer ehemaligen Tuchfabrik errichtet wurde.
Blick über den Palmenhaus-Weinberg auf die Stadt. Vorn die "Galerie Focus Park", die in einer ehemaligen Tuchfabrik errichtet wurde. FOTO: Verena Ufer
Zielona Gora/Grünberg. Gleich am Anfang der Fußgängerzone der Altstadt von Zielona Gora wird man von einem mannsgroßen Weingott angelacht. Und fortan von vielen seiner kleinen Brüder begleitet beim Streifzug durch die Cottbuser Partnerstadt, die mehr als einen guten Tropfen zu bieten hat. Verena Ufer

Es ist schon am Morgen schwül an diesem Tag in Zielona Gora. Und laut Radio-Wetter-Bericht müsste es eigentlich gleich regnen. Schlecht für Fotos! "Am besten gehen wir gleich los", sagt Stadtführer Piotr Firfas, der schon wartet. Dabei ist sein Arbeitsplatz in der Tourismusinformation am Stary Rynek, dem Alten Markt, an Tagen wie diesem wohl einer der angenehmsten der Stadt. Zwischen dickem Gemäuer im Rathaus, das im 15. Jahrhundert erbaut wurde, ist es wunderbar kühl. Kronleuchter erhellen die historischen Räumlichkeiten. Es gibt Karten von Stadt ud Umgebung und viele praktische Flyer. Direkt gegenüber der Karte von Zielona Gora hängt die von Cottbus.

"Wir arbeiten mit den Kollegen in der Lausitz eng zusammen", sagt Piotr Firfas. 70 Reisebusse kämen jährlich aus Deutschland, viele aus Cottbus und der Lausitz. Auch etliche Pauschaltouristen, ergänzt der 38-Jährige, der einen Abschluss in Germanistik hat und zwei Semester in Deutschland studierte. Er spricht perfekt deutsch. Zur Freude der deutschen Touristen in Zielona Gora, die hier freundlich und sachkundig in ihrer Sprache beraten werden.

An diesem Morgen sind aber vor allem Einheimische im Stadtzentrum unterwegs. Deshalb räkelt sich der mannshohe Bacchus aus Bronze - ein beliebtes Fotomotiv - noch recht einsam auf seinem Fass in der Altstadt. Ein wenig selbstverliebt lächelt er in lasziver Pose in die Weltgeschichte, finde ich. Doch ja, er hat ja allen Grund, zufrieden zu sein. Nach Jahren des Niedergangs erlebt der Weinanbau in der Region wieder einen langsamen, aber steten Aufschwung. "Auf mehr als 100 Hektar Fläche werden derzeit bei Zielona Gora wieder Trauben angebaut. Vor 200 Jahren waren es sage und schreibe 1700 Hektar", berichtet mein Begleiter. In Grünberg wurde 1826 erstmals in Deutschland Sekt hergestellt, erfahre ich und bin verblüfft. Was ist da schiefgelaufen?

"In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ist Wein der Region einfach nicht mehr gefragt gewesen", erklärt Pan Piotr und zuckt mit den Schultern. Wodka sei in dieser Zeit populärer gworden. Wein wurde billiger aus dem Ausland importiert oder aus verschiedenem Obst hergestellt, das auf ehemaligen Weinanbauflächen wuchs. Da Wohnungen fehlten, wurden auch Neubaugebiete auf Weinberg-Land aus dem Boden gestampft.

Etwa seit den 90er-Jahren erlebe der Wein allmählich eine Wiederauferstehung, sagt mein Begleiter. Fast 40 Winzer gebe es wieder in der Region - mit größeren und kleinen Flächen, wissenschaftlich und technisch unterstützt vom Weinzentrum im nahen Zabor. An diesem ist ein Institut der Universität von Zielona Gora mit seinem Know-how und Finanzen maßgeblich beteiligt. Die Zahl der Winzer wachse und damit auch der Stolz der Stadt auf ihre Tradition.

Dafür steht wohl auch die Schar der 30 bis 40 Zentimeter großen Mini-Brüder des Altstadt-Bacchus, die man an allen Ecken der Stadt trifft. Fast 40 witzige Kopien des Weingottes gibt es schon: Einer zählt Geld vor einem Kreditinstitut, ein anderer tippt was in seinen PC und noch einer rollt vorm beliebten Weinlokal "Bachus" ein Fass. Für umgerechnet 2500 Euro können sich Geschäfts- und Privatleute einen Bacchus nach ihrem Gusto schaffen lassen. Man darf gespannt sein, was da noch kommt. Schon auf der ersten Etappe unserer kleinen Stadttour treffen wir etliche der kleinen Gesellen.

Wie an der Philharmonie, deren Gebäude eine bewegte Geschichte hinter sich hat. Im Jahr 1960 sei es hier zum größten Aufstand der Nachkriegsgeschichte der Region gekommen, als das katholische Haus dem Sinfonieorchester übergeben werden sollte, erzählt Piotr Firfas. Heute ist das Konzerthaus eine feste Größe im Kulturleben. Ein Gedenkstein davor erinnert an die Synagoge im früheren Grünberg, die in der Pogromnacht von 1938 vernichtet wurde.

Weiter geht es zur katholischen Sankt-Hedwig-Kirche. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut und ist wohl das älteste Gebäude der Stadt. Sie ist noch vor der Stadtmauer errichtet worden, die früher einmal die Form eines 800 Meter langen Ringes gehabt haben soll. Von ihr ist heute aber nur noch ein Fragment übrig, das mir Pan Piotr zeigt. Wir laufen vorbei an schön restaurierten Fassaden, kleinen Kneipen und Cafés sowie Lädchen, die dem neuen großen Einkaufszentrum, der "Galerie Focus Park", trotzen.

Die Sonne ist mittlerweile hoch an den Himmel geklettert. Eine Wohltat ist es, in die schattige Fußgängerpromenade der Stadt einzutauchen: große Bäume, Bänke und einer der besten Eisläden Polens, wie Piotr Firfas verspricht.

"Die Fußgängerpromenade ist mein liebster Ort in unserer Stadt", sagt er. "Hier ist immer was zu erleben. Deshalb wohne ich mit meiner Familie auch ganz in der Nähe", fügt er augenzwinkernd hinzu. Theater, Galerien, Museen, Konservatorium, Schule für Film- und Fernsehschaffende - das ist eine richtige Kulturallee und wird bei traditionellen Festen - wie dem Weinfest im September - zur Feiermeile. Jetzt, zum Wochenanfang, geht es beschaulich zu, vielleicht auch - weil nun doch erste Regenwolken aufziehen. Also keine Zeit für ein Super-Eis. Schließlich möchte ich noch vom Palmenhaus aus weit über die Dächer der Stadt schauen. Auf dem Weg dahin, mit dem Auto, legen wir einen Zwischenstopp am neuen Planetarium "Wenus/Venus" ein, was Piotr Firfas sehr am Herzen liegt. Früher, erzählt er, gab es in der Altstadt ein Kino. Das hielt, wie befürchtet, dem Konkurrenzdruck des großen, modernen Filmtheaters in der Focus-Mall nicht stand. Anstelle des City-Kinos baute die Stadt - unterstützt durch EU-Mittel nun "das supermoderne Planetarium" mit acht Beamern, ausfahrbarer Kuppel und bis zu fast 500 Plätzen. "Einwohner, Touristen und Schulen mögen es", sagt mein Begleiter. "Ein Happy End", fügt er lächelnd hinzu.

Auch unsere Exkursion endet mit einem Happy End. Gerade noch ehe erste Tropfen aufs Glasdach prasseln, haben wir die Terrasse des Palmenhauses erklommen. Die Luft ist feucht und gefühlte 50 Grad Celsius warm. Klar, dass die tropischen Pflanzen, allen voran die Dattelpalmen, prächtig gedeihen. Dreimal schon musste das 1961 errichtete Haus, das neben Restaurant und Café diverse Aquarien beherbergt, aufgestockt werden. "Und wenn es sein muss, setzen wir noch ein Stockwerk drauf". Pan Piotr lacht, er hat mir die Frage schon angesehen. Aber, keine Sorge, noch hätten die Palmen ein paar Jahre Platz genug, sich zu recken.

Zum Thema:
Am 8. Juli ist es wieder so weit: Dann startet der 25. Internationalen Staffellauf von Cottbus nach Zielona Gora. Das ist nur eine von vielen Unternehmungen der Städte, die seit 42 Jahren durch eine Städtepartnerschaft verbunden sind. Staatstheater, Tierpark, Planetarium, Tourismusinformation, Filmfestival Cottbus und natürlich Stadtverwaltung pflegen enge Kontakte zu ihren Partnern. Gegenseitige Besuche und gemeinsame Projekte stehen auf der Tagesordnung.Allein der Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) hat auf seiner Webseite www.rgre.de derzeit für Deutschland mehr als 430 deutsch-polnische Städtepartnerschaften aufgelistet. Für Brandenburg sind hier 65 solcher Bündnisse registriert, so etwa zwischen Guben und Gubin, Herzberg und Swiebodzin oder Forst und Lubsko. Für den Freistaat Sachsen sind es 35. Zum Beispiel zwischen Bad Muskau und Leknica sowie zwischen Bautzen und Jelenia Gora. rgre.de/rgre-partnerschaften