ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 07:59 Uhr

Update: Medizin
Tausende Patienten Opfer von Behandlungsfehlern – Hohe Dunkelziffer

Die Bundesärztekammer präsentiert heute neue Zahlen zu Behandlungsfehlern in Deutschland. Vorgestellt wird, wie viele Fälle von Fehlerverdacht die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft im vergangenen Jahr untersuchten – und wie oft sie hierbei tatsächlich einen Fehler feststellten.
Die Bundesärztekammer präsentiert heute neue Zahlen zu Behandlungsfehlern in Deutschland. Vorgestellt wird, wie viele Fälle von Fehlerverdacht die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft im vergangenen Jahr untersuchten – und wie oft sie hierbei tatsächlich einen Fehler feststellten. FOTO: Maurizio Gambarini / dpa
Berlin. Zu spät erkannte Darmverletzungen, unerkannte Malaria: Im Medizinbetrieb werden Patienten regelmäßig Opfer von folgenschweren Fehlern. Heute präsentiert die Bundesärztekammer neue Zahlen zu Behandlungsfehlern in Deutschland.

Mehr Patienten als nötig werden aus Expertensicht in Deutschland Opfer ärztlicher Behandlungsfehler. „Es gibt zu viele Fälle, und es gibt Instrumente dagegen, die wir anwenden können“, sagte der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit Hardy Müller in Berlin. Neue Zahlen hat die Bundesärztekammer an diesem Mittwoch vorgestellt (siehe unten). Präsentiert wird, wie viele Fälle von Fehlerverdacht die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft im vergangenen Jahr untersuchten – und wie oft sie hierbei tatsächlich einen Fehler feststellten.

Müller betonte, dass diese Statistik keine Auskunft über den Stand der Patientensicherheit in Deutschland gebe. Die Zahlen zeigten vielmehr, in welchen Fällen Patienten am ehesten einen Fehler vermuteten und nach welchen Behandlungen sie sich am häufigsten auch tatsächlich beschweren.

Laut der bisher jüngsten Fehlerstatistik der Ärzteschaft trafen deren Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen 2016 bundesweit 7639 Entscheidungen zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern. Sie stellten dabei in 2245 Fällen einen Behandlungsfehler fest. In 1845 dieser Fällen war ein solcher Fehler Ursache für einen Gesundheitsschaden. Dazu kamen 15 094 Gutachten der Medizinischen Dienste der Krankenkassen zu vermuteten Behandlungsfehlern. Hier wurde in knapp jedem vierten Fall der Fehler bestätigt.

Wie viele Patienten sich direkt an Gerichte, Anwälte oder Versicherungen wenden, ist unbekannt. In der Vergangenheit schätzten die Ärzte die Zahl der Beschwerden auf 40 000 pro Jahr insgesamt.

Vermeidbare Fehler und Probleme bei Behandlungen gebe es aber weit öfter, sagte Müller. Schätzungen zufolge endeten rund 0,1 Prozent der Behandlungen in einem Krankenhaus vermeidbar tödlich. Das entspricht rund 20 000 Todesfällen. Das sei eine weit größere Zahl als die offiziell - etwa von Gerichten - festgestellten vermeidbaren Todesfälle durch Behandlungsfehler. Wichtig sei, dass alle Beteiligten die Sicherheitskultur weiterentwickeln und Fehler vermeiden. Ein Streit über Zahlen helfe da nicht weiter, mahnte Müller.

Beispiele für Behandlungsfehler veröffentlicht zum Beispiel die norddeutsche Schlichtungsstelle der Ärzteschaft. So ging ein 22-jähriger, kranker Mann nach einem Madagaskar-Urlaub mit Malaria-Verdacht zum Hausarzt. Dieser leitete laut Schlichtungsstelle aber nicht die für einen Akutfall geeigneten Diagnose- und Therapieschritte ein. Der junge Mann ging nach drei Tagen auf eigene Faust in eine Tropenklinik und wurde erst dort richtig behandelt.

In einem anderen Fall kam ein 39-Jähriger mit einer Stichverletzung nach einem Streit ins Krankenhaus. Trotz akuter Behandlung und Untersuchung des Bauchs durch kleine Öffnungen der Bauchdecke sowie durch Ultraschall wurden Dick- und Dünndarm-Verletzungen zunächst nicht erkannt. Folge: Der Mann musste 18 Folge-Operationen über sich ergehen lassen und zwei Monate in der Klinik bleiben, davon zwei Drittel auf der Intensivstation mit einem Luftröhrenschnitt zur Dauerbeatmung.

Laut der vor einem Jahr veröffentlichten Fehlerstatistik der Ärzteschaft waren die häufigsten Diagnosen, die zu Vorwürfen führten, Knie- und Hüftgelenkarthrosen sowie Unterschenkel- und Sprunggelenkbrüche.

Update:

Die Zahl der Behandlungsfehler in Krankenhäusern und Praxen in Deutschland ist nach Daten der Ärzteschaft im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen. Festgestellt wurden Fehler in 2213 Fällen nach 2245 Fällen im Jahr zuvor, teilte die Bundesärztekammer am Dienstag in Berlin mit. Ursache für einen Gesundheitsschaden waren solche Fehler oder Mängel in der Risikoaufklärung demnach nun in 1783 Fällen - nach 1845 im Jahr 2016.

Insgesamt trafen die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft im vergangenen Jahr bundesweit 7307 Entscheidungen zu mutmaßlichen Fehlern (2016: 7639). Weiter am häufigsten beschwerten sich Patienten nach Behandlungen von Knie- und Hüftgelenksarthrosen sowie Brüchen von Unterschenkel und Sprunggelenk.

Neben der Ärzteschaft gehen auch die Medizinischen Dienste der Krankenkassen Behandlungsfehlern nach. Im Jahr 2016 erstellten sie rund 15 000 Gutachten, in knapp jedem vierten Fall wurden Fehler bestätigt. Wie viele Patienten sich direkt an Gerichte, Anwälte oder Versicherungen wenden, ist unbekannt.

Berlin: In 64 Fällen haben Schlichter der Ärztekammern im vergangenen Jahr den Vorwurf eines Behandlungsfehlers in Berlin anerkannt. In 195 Verdachtsfällen konnte Ärzten hingegen kein Fehler nachgewiesen werden. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Statistik der Berliner Ärztekammer hervor. Die Werte veränderten sich im Vergleich zu 2016 nur geringfügig. Ungefähr jeden vierten geprüften Fall erkannten die Schlichter als Behandlungsfehler an - die Quote von nun 24,7 Prozent ist die geringste der vergangenen Jahre.

Insgesamt gingen 2017 auch etwas weniger neue Vorwürfe zu Berliner Ärzten bei der Schlichtungsstelle ein – 447 nach 503 im Jahr zuvor. Bei einem großen Teil der möglichen Fehler kommt es regelmäßig aber gar nicht erst zum Schlichtungsverfahren, zum Beispiel weil Anträge zurückgenommen werden und weil der Arzt oder die Versicherung einer Schlichtung nicht zustimmt.

In den beanstandeten Fällen ging es den Angaben nach am häufigsten um Diagnosen wie etwa Arthrose oder Knochenbrüche. Bei drei Viertel der Fälle prüften die Schlichter Behandlungen in Kliniken, wo Ärzten vor allem Fehler bei Operationen und bildgebenden Verfahren nachgewiesen wurden. In Krankenhäusern ebenso wie bei niedergelassenen Ärzten passierten laut Ärztekammer die meisten Fehler in der Fachrichtung Unfallchirurgie/Orthopädie.

Patienten, die mit einer Behandlung nicht zufrieden sind und einen Arztfehler vermuten, können dies mit dem außergerichtlichen Verfahren der Ärztekammern kostenfrei abklären lassen. Dabei sind Jura- und Medizin-Fachleute beteiligt. Die Dauer der Verfahren liegt den Angaben zufolge bei 16 bis 17 Monaten. Auch danach steht Patienten noch der Weg einer Klage offen. Wie viele Patienten direkt vor Gericht ziehen, ist unbekannt.

(dpa/fh)