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| 18:56 Uhr

RUNDSCHAU-Serie
Viel mehr als nur Hormone

Ich kann dich gut riechen: „Wenn sich zwei verlieben, dann wirkt erst einmal ein genetisches Grundprogramm“, sagt Psychotherapeut Dr. Roger Kirchner.
Ich kann dich gut riechen: „Wenn sich zwei verlieben, dann wirkt erst einmal ein genetisches Grundprogramm“, sagt Psychotherapeut Dr. Roger Kirchner. FOTO: mintybear - stock.adobe.com / mintybear/fotolia
Cottbus. Der Psychotherapeut Dr. Roger Kirchner nähert sich in der RUNDSCHAU-Serie der Liebe aus wissenschaftlicher Sicht.

Verliebte, die besonders romantisch veranlagt sind, behaupten gerne, ihre Zuneigung zueinander sei vorherbestimmt – eine richtige Seelenpartnerschaft. Liebe sei etwas Abstraktes und könne nicht wissenschaftlich erklärt werden. Die RUNDSCHAU hat es trotzdem probiert. Psychotherapeut Dr. Roger Kirchner ist bewandert in Liebesdingen. Seit 1994 leitet er seine eigene Praxis, in der er unter anderem paar- und sexualtherapeutische Behandlungen anbietet.

Die tiefe Basis für die Liebe ist die Vermehrung, so Kirchner. „Aber man geht nicht tanzen und sagt der netten Frau, mit dir würde ich mich gerne vermehren. Da sind die Chancen gering.“ Unbewusst sei das jedoch die Grundlage. Alles festgelegt durch die Gene, Hormone und Pheromone (Geruchsstoffe) sowie Hirnbotenstoffe. Doch die Liebe lässt sich nicht allein durch chemische und biologische Prozesse entmystifizieren. Die seelische Prägung spielt dabei ebenfalls eine Rolle, schlussfolgert der Psychotherapeut aus seiner langjährigen Berufserfahrung.

Ich kann dich gut riechen: Während seiner Ausführungen springt Kirchner gerne zwischen den wissenschaftlichen Teilgebieten hin und her. Er will die Hintergründe ganz genau darlegen. „Wenn sich zwei Menschen verlieben, dann wirkt erst einmal ein genetisches Grundprogramm“, erläutert er. Der Trieb zur Fortpflanzung steckt in uns. Eine ganze Menge Hormone tragen ihren Teil dazu bei. Testosteron beim Mann und Östrogen bei der Frau sorgen dafür, dass wir uns gegenseitig attraktiv finden. Unbekannter, aber nicht weniger wichtig sind Oxytocin und Vasopressin. Während das erstgenannte Hormon vor allem beim weiblichen Geschlecht in großen Mengen vorkommt, ist Vasopressin überwiegend bei den Männern zu finden. Diese beiden Botenstoffe haben eine ähnliche Wirkung und werden auch als Kuschelhormone bezeichnet. Sie stärken unter anderem das Vertrauen zum Partner und fördern die soziale Bindung. Doch auch an alten Volksweisheiten ist durchaus etwas dran, wie der Psychotherapeut erläutert. Liebe geht auch durch die Nase. „Die Leute sagen manchmal, ich kann den nicht riechen, und das nicht nur, weil derjenige Schweißgeruch hat.“ Das ist ein biologischer und psychologischer Komplex. „Wir riechen die Frauen und die Frauen riechen uns, obwohl wir uns dessen gar nicht bewusst sind.“ Die Konzentration der Pheromone, die wir absondern, ist dafür zu gering.

Verliebt und verrückt: „Wer verliebt ist, ist nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte“ sagt Kirchner. „Man ist wuschig, irre.“ Seiner Arbeitserfahrung nach fühlen sich Verliebte wie kleine Kinder, richten sich emotional nach ihren infantilen Wünschen. Ein weiterer Botenstoff ist dafür mitverantwortlich – Dopamin. Das Glückshormon aktiviert das Gehirn, versetzt es in einen Rauschzustand und sorgt für die berühmten Schmetterlinge im Bauch.

Eine Frage des Typs: Nein, der ist nicht mein Typ – was nach willkürlichen und zum Teil oberflächlichen Auswahlkriterien bei der Partnersuche klingt, spielt beim Verlieben tatsächlich eine Rolle, bestätigt Roger Kirchner. „Es kann schon sein, dass eine Frau sagt, ich hätte am liebsten einen großen oder dunkelhäutigen Mann. Aber bei der Frage nach dem Typ spielen oft auch unbewusste Mechanismen eine Rolle.“ Und die sind wieder auf unser genetisches Programm zurückzuführen. „Das hat die Evolution hervorgebracht, das ist die natürlich Auslese“, so der Psychotherapeut. Wir bevorzugen Partner, die weitestgehend ein symmetrisches Erscheinungsbild haben. Frauen wählen oft Männer, die zweieinhalb Zentimeter größer als sie selbst sind.

Und die Männer? „Wir Männer wählen Frauen viel mehr nach Äußerlichkeiten, als die Frauen uns“, sagt Kirchner. „Wir wollen unterbewusst wissen, ob die Frau gut Kinder in sich wachsen lassen kann.“ Dafür sei die Figur wichtig: Brust, Taille und Becken. „Und dass alles schön rund und kuschlig ist. Die Babys brauchen es kuschelig bei der Mama“, erklärt der Arzt.

Gegensätze ziehen sich an: Ein Mann wie der Papa, eine Frau wie die Mama? Tatsächlich ist dieses Vorgehen bei der Partnerwahl gar nicht so untypisch. „Nach meiner Erfahrung verlieben sich Menschen, wenn sie beim potenziellen Partner emotionale Qualitäten spüren, die sie aus der Kindheit von wichtigen Bezugspersonen her kennen“, sagt Kirchner. Er beschreibt das als eine Art Déjà-vu-Erlebnis. Diese Bezugsperson kann durchaus der eigene Vater oder die eigene Mutter sein.

Dafür hat Kirchner auch ein Beispiel parat: „Sagen wir, ein Mann hat eine Mutter gehabt, die sehr fürsorglich war. Jetzt begegnet er im Alltag einer Frau, die ebenfalls überdurchschnittlich fürsorglich ist. Dann hat er ein Déjà-vu-Erlebnis und ist ganz begeistert.“ Das geschehe alles in den ersten Sekunden des Kennenlernens – Liebe auf den ersten Blick. In Fachkreisen wird das Kollusion, ein unbewusstes Zusammenspiel, genannt.

Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Gegensätze gegenseitig anziehen. Auch diese Volksweisheit hat Kirchners zufolge einen wahren Kern, zumindest auf der emotionalen und psychischen Ebene. „Das ist eine unbewusste Triebkraft“, erklärt er. So sei es durchaus nicht selten, dass Menschen, die offen und kontaktfreudig sind, sich mit distanzierteren Personen zusammenfinden. „Die Zugewandten suchen die Distanzierten, weil sie die Nähe zu einem anderen Menschen herstellen können. Dann sind sie freudig erregt. Die Distanzierten hingegen suchen sich die Zugewandten, weil es für sie so einfach leichter ist, eine Beziehung einzugehen.“

Adieu Verliebtheit, hallo Liebe: Roger Kirchner unterscheidet zwischen Verliebtheit und Liebe. Verliebtheit hat ein Verfallsdatum. „Das Gefühl der Verliebtheit hält so circa sechs Monate an“, erklärt er. „Dann regeln das nicht mehr automatisch die Hormone.“ Der Rausch ist vorbei. Danach erst beginne die Liebe, und die müsse gepflegt werden. „Das machen Affen auch, durch Fellpflege“, erklärt der Psychotherapeut und zieht den Vergleich zu Paaren, die sich täglich gegenseitig streicheln. „Das ist soziale Zuwendung und körperliche Nähe.“ Auch hier werden die Kuschelhormone freigesetzt.

„Und wenn Menschen sich ein Leben lang hinreichend streicheln, dann bleiben die schon mal länger zusammen, als wenn sie das vergessen. So einfach ist manches in der Welt“, resümiert Kirchner. Doch das sei nur das Körperliche. Liebevoll miteinander zu sprechen, Einfühlungsvermögen, ähnliche Interessen und eine gemeinsame Weltsicht seien ebenso wichtig.

Ich kann dich gut riechen: „Wenn sich zwei verlieben, dann wirkt erst einmal ein genetisches Grundprogramm“, sagt Psychotherapeut Dr. Roger Kirchner.
Ich kann dich gut riechen: „Wenn sich zwei verlieben, dann wirkt erst einmal ein genetisches Grundprogramm“, sagt Psychotherapeut Dr. Roger Kirchner. FOTO: mintybear - stock.adobe.com / mintybear/fotolia