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| 09:59 Uhr

Politisches Festival

Stefanie Carp hat das Programm ihrer ersten Ruhrtriennale vorgestellt: Es sprengt Genre-Grenzen, ist politisch, international und farbenfroh. Max Florian Kühlem

Stefanie Carp hat das Programm ihrer ersten Ruhrtriennale vorgestellt: Es sprengt Genre-Grenzen, ist politisch, international und farbenfroh.

Die Geschichte der vergangenen drei Jahre Ruhrtriennale unter Johan Simons war die Geschichte einer Politisierung und des Leidens an gefährlichen neuen Strömungen und Entwicklungen in der Welt. Die neue Intendantin Stefanie Carp äußert diese tiefe Verunsicherung noch heftiger als ihr Vorgänger: "Noch nie haben wir so stark erlebt, dass sich bereits übermorgen alle unsere sozialen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse ändern werden." Deshalb stellt sie ihre drei Jahre Ruhrtriennale unter das Motto "Zwischenzeit". "Zwischenzeit bedeutet, dass wir noch die Chance haben, diese Veränderungen selbst mit produktiver Neugier und Kreativität voranzutreiben. Wir wollen nicht den Trumpisten das Feld überlassen." So ist ihr erstes Programm überbordend kreativ, Genre-Grenzen sprengend, politisch und international geworden. Die Höhepunkte in der Übersicht.

Eröffnung in der Kraftzentrale

Weil sie unbedingt den südafrikanischen Künstler William Kentridge dabei haben wollte, hat Stefanie Carp den Start der Ruhrtriennale eine Woche vorverlegt. Seine Kreation aus Musiktheater, Tanz und Bildender Kunst "The Head and the Load" eröffnet das Kulturfestival am 9. August in der Kraftzentrale Duisburg. Die installative und szenische Arbeit setzt sich mit einem kaum erforschten Kapitel der Geschichte auseinander: Der Rolle Afrikas im Ersten Weltkrieg. Zwei Millionen Menschen wurden damals von den Kolonialmächten gezwungen, für sie in den Krieg zu ziehen. Vor der Premiere hält am 9. August in der Gebläsehalle Duisburg die indische Atomphysikerin, Aktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Vandana Shiva die Eröffnungsrede "Earth Democracy Now". Darin entwirft sie ihre Vision für die globale Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Schwingende Jahrhunderthalle Der frisch mit dem International Ibsen Award ausgezeichnete Regisseur Christoph Marthaler ist Artist assicié der Ruhrtriennale. Das bedeutet, dass er zum festen Inventar des Festivals gehört und in jeder Saison mehrere Produktionen leitet. Die größte dieses Jahr ist "Universe, Incomplete", eine Musiktheater-Kreation, die von der unvollendet gebliebenen "Universe Symphony" des amerikanischen Komponisten Charles Ives ausgeht. Mit den Bochumer Symphonikern, Dirigent Titus Engel, Bühnenbildnerin Anna Viebrock, Schauspielern und Sängern entwickelt Marthaler daraus einen szenisch-musikalischen Raum für die gesamte Jahrhunderthalle Bochum, die dafür nach langer Zeit einmal wieder in ihrer kompletten, riesenhaften Weite geöffnet wird. "Die Räume werden mit dem Spiel der Töne schwingen", so der Regisseur. Premiere ist am 17. August.

Dschungel-Stadt

Intendantin Carp betont zwar, alle 33 Produktionen der Ruhrtriennale seien Hybride, Genre-Grenzen quasi aufgehoben. Trotzdem ist das Programm der Ordnung halber in Sparten unterteilt. Ein spektakulärer Höhepunkt im Bereich Schauspiel wird sicher die Uraufführung "Diamante. Die Geschichte einer Free Private City" des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti: Er lässt in der Kraftzentrale Duisburg einen Teil der Privatstadt Diamante nachbauen, die vor hundert Jahren ein deutscher Industrieller im argentinischen Dschungel errichten ließ. Die Zuschauer erkunden den Ort sechs Stunden lang selbst und erleben eine sozial-kapitalistische Utopie. Premiere ist am 24. August.

Volksbühne in Gelsenkirchen

Ebenfalls in der Sparte Schauspiel ist ab dem 30. August im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen das Stück "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" zu erleben, das Christoph Marthaler als Abschied von der Castorf-Ära an der Berliner Volksbühne inszenierte. Es sucht mit vielen Liedern und wenigen Worten nach der Vergänglichkeit im Theater und dem Verhältnis von Kunst und Kunstbetrieb.

Flucht und Migration

Flucht- und Migrationsbewegungen sind Thema in vielen Produktionen. Explizit mit dem Thema auseinandergesetzt hat sich die Choreographin Sasha Waltz, von der Stefanie Carp sagt: "Ich konnte gar nicht glauben, dass sie noch nie bei der Ruhrtriennale war." In ihrer Choreographie ohne Bühnenabgrenzung untersuchen Waltz und ihre Kompanie in der Bochumer Jahrhunderthalle die Bedeutungsebene des neugriechischen Worts "Exodos", das einerseits das Ausgehen ins Nachtleben, in Bars und Clubs, aber auch Flucht sowie den konkreten Ausgang, auf den eine Flucht zusteuert, bedeuten kann. Premiere ist am 15. September.

Der aus Burkina Faso stammende Choreograph Serge Aimé Coulibaly ist bekannt für ausdrucksstarkes, politisches Tanztheater. So erzählt die Deutschlandpremiere "Kirina" in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck von der Migration innerhalb Afrikas. Die Musik dazu spielt ein afrikanischer Star, den man hierzulande äußerst selten erleben kann: Rokia Traoré aus Mali, die eine eigene Version der klassischen Mandinka-Musik entwickelt hat.