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| 17:49 Uhr

Gesundheit
Operation im Alter? Zehn weitere gute Jahre geschenkt

Zufrieden noch nach zehn Jahren nach der Operation: Dr. Mike Bereuter mit seiner Patientin.
Zufrieden noch nach zehn Jahren nach der Operation: Dr. Mike Bereuter mit seiner Patientin. FOTO: Diana Heyne
Forst. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 38. besondere Fall kommt aus der Lausitz Klinik Forst. Von Ida Kretzschmar

Elfriede geht mit großen Schritten auf die 90 zu. Und doch hat sie sich noch im hohen Alter operieren lassen. „Vor rund zehn Jahren litt ich an einem Kropf an der Schilddrüse. Regelmäßig wurde sein Wachstum kontrolliert. Von einer Operation aber wurde mir immer wieder abgeraten. Ärzte gaben zu bedenken, es sei riskant. Angehörige fragten beunruhigt: ,Muss das denn wirklich sein?‘“

Elfriede aber beharrte darauf, nachdem sie sich bei Dr. Mike Bereuter erkundigt hatte. Der Chefarzt für Chirurgie in der Lausitz Klinik Forst wohnte damals im gleichen Dorf wie sie. Und so fasste sie sich eines Tages ein Herz und sprach ihn einfach auf der Wiese an. Elfriede zeigte ihm die faustgroße Verdickung, die sich an der Schilddrüse gebildet hatte.

Mache eine Operation Sinn? So erkundigte sich die alte Dame. „Natürlich muss man im Alter überlegen, ob eine Operation sinnvoll ist oder ob die Risiken überwiegen und man lieber abwarten sollte“, sagt Dr. Bereuter. Aber in diesem Fall bestärkte er die ratsuchende Frau. „Kein junger Mensch würde damit in der Öffentlichkeit herumlaufen wollen“, meinte er: „Warum also ein älterer?“ Was aber viel mehr wog: Es konnte ja auch Schlimmes dahinter stecken.

„Zwar hatten Sie hohen Blutdruck, aber Ihr allgemeiner Gesundheitszustand war gut, sodass ich das sehr wohl verantworten konnte, Sie zu ermutigen“, erinnert sich Dr. Bereuter, als er sie dieser Tage im Pflegeheim „Friedenshaus“ in Forst besucht. „80 ist ja heutzutage die neue 60“, schiebt er lächelnd hinterher.

Die Familie allerdings war damals ein wenig in Aufruhr. „Gefeiert wird zu meinem 80. so und so. Entweder, wir feiern, dass ich die Kaule los bin oder ihr meine Beerdigung“, entwickelte Elfriede Galgenhumor. Und blieb dabei: „Ich werde mich operieren lassen!“

Eine richtige Entscheidung, wie sich schnell herausstellte. Denn die Schilddrüsenvergrößerung ging langsam, aber stetig über zehn Jahre voran. Dass aber ein bösartiger Tumor dahinterstecken könnte, hatte niemand vorher nur in Betracht gezogen. Nach der Operation in der Lausitz Klinik Forst aber stand fest: Es war Schilddrüsenkrebs. Und so ermutigte der Chirurg sie noch zu einer weiteren OP, um das gesamte Schilddrüsengewebe zu entfernen und alle befallenen Herde auszumerzen.

„Top oder Flop, was hatte ich schon zu verlieren?“ So kommentiert es Elfriede ausgelassen nach so vielen Jahren. Ein goldrichtiger Schritt. „Der Tumor hätte weiterwachsen und womöglich andere Organe befallen können“, weiß der Chefarzt. Ohne diese Operation wäre Elfriede vielleicht gar nicht mehr am Leben.

„Ich hatte seither zehn schöne Jahre, abgesehen von den Beschwernissen, die das Alter eben so mit sich bringt“, sagt die gelernte Gärtnerin, die dem Chirurgen sehr dankbar ist. „Immer wenn ich Sie treffe, geht für mich die Sonne auf“, gesteht sie während dieser Begegnung im Pflegeheim, für das sie sich nach einem Oberschenkelhalsbruch entschieden hatte. „Ich bin danach zwar wieder auf die Beine gekommen, aber in meiner Wohnung war ich doch den ganzen Tag allein. Hier ist immer jemand da, wenn etwas ist, und man hat Gesellschaft beim Kaffee trinken“, erzählt sie.

Auch der Oberschenkelhalsbruch zog eine Operation nach sich. „Manchmal ist eine Operation im Alter eben nicht nur sinnvoll, sondern geradezu überlebensnotwendig“, erklärt Dr. Bereuter. „In dem Fall ist eine Operation die deutlich bessere Variante als wochenlang im Bett zu liegen, bis die Knochen wieder heilen. Die Gefahr einer Lungenembolie ist da gerade bei älteren Menschen besonders groß“, sagt er.

„Die demografische Entwicklung stellt ganz neue Anforderungen an die Medizin. Die Menschen werden immer älter. Seit den 90er-Jahren gibt es spezielle Ärztekongresse zur Altersmedizin Da geht es nicht nur um medizinische Möglichkeiten, sondern auch um ethische Fragen“, schildert Dr. Bereuter, der vor zehn Jahren als Leiter der Viszeralchirurgie nach Forst kam, die Situation. „Das sind ganz neue Herausforderungen, die auf jeden Arzt zukommen, die in den nächsten Jahren noch viel größer werden“, ist er überzeugt. „Chirurgen aber werden auf besondere Weise mit dem Thema konfrontiert. Das Handwerkszeug haben wir. Aber wir müssen gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Angehörigen immer wieder neu entscheiden: Wann operieren wir, wann nicht? Wie groß ist der Leidensdruck? Ist die Besonderheit des Alters auch bei der Narkose berücksichtigt?“, sagt er.

In Elfriedes Fall wurde eine besonders glückliche Entscheidung gefällt. Sie schenkte ihr schon im hohen Alter zehn weitere gute Lebensjahre.

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Dr. Mike Bereuter. Foto: Diana Heyne
Dr. Mike Bereuter. Foto: Diana Heyne FOTO: Diana Heyne