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| 02:40 Uhr

Lagerfeuer-Romantik und Fellüberwurf

Selbst die Kinder sind mit dabei – Roni und Sofie aus Norwegen sitzen mit ihren Kindern Roo, Soini und Tuuli in Albersdorf in einer aus Schilf gebauten Hütte.
Selbst die Kinder sind mit dabei – Roni und Sofie aus Norwegen sitzen mit ihren Kindern Roo, Soini und Tuuli in Albersdorf in einer aus Schilf gebauten Hütte. FOTO: dpa
Albersdorf. Das Lagerfeuer am Ufer des kleinen Teichs flackert und knistert, drumherum hocken Dutzende Menschen – einige im einfach genähten Fellüberwurf, andere in reich verziertem Leder-Outfit. Ein Mann steht plötzlich auf, bläst in seine Knochenflöte und entlockt ihr schaurig-schöne Töne, die über den Platz schweben. Wolfgang Runge

Das Lagerfeuer am Ufer des kleinen Teichs flackert und knistert, drumherum hocken Dutzende Menschen - einige im einfach genähten Fellüberwurf, andere in reich verziertem Leder-Outfit. Ein Mann steht plötzlich auf, bläst in seine Knochenflöte und entlockt ihr schaurig-schöne Töne, die über den Platz schweben. Solche archaischen Rituale bringen Menschen seit Ewigkeiten zusammen. In Albersdorf (Schleswig-Holstein) sind es zurzeit die Steinzeitler, die sich zur Morgenbesprechung treffen.

Der Mann mit der Knochenflöte ist Alexander Horsch aus Ungarn - ein Spezialist für Steinzeit-Musik. Auch er macht mit beim "ersten großen Steinzeittreffen seit der Steinzeit", wie der Geschäftsführer des Steinzeitparks Dithmarschen in Albersdorf das Meeting nennt. Europaweit hätten sich rund 100 Experimental-Archäologen, Archäotechniker und Museums-Pädagogen der Steinzeit-Forschung verschrieben, sagt Rüdiger Kelm. Davon seien rund zwei Drittel aktuell in dem Steinzeitpark zu Gast. Eine Woche lang tauschen sie sich in wissenschaftlichen und handwerklichen Fragen aus.

Dabei geht es nicht um experimentelle Archäologie. "Wir machen keine Experimente, um neue Erkenntnisse zu gewinnen", erklärt Organisator Werner Pfeifer. "Wir geben unser Spezialwissen untereinander weiter" - also eine Art interne Weiterbildung, an der auch die Besucher des Steinzeitparks teilnehmen können.

Entsprechend ist das Leben auch nicht streng steinzeitlich. "Es wird nicht unbedingt mesolithisch gekocht", sagt Pfeifer. Morgens und mittags brutzeln sich die Teilnehmer selber ein steinzeitlich anmutendes Essen über dem Feuer. Das Abendessen wird von einer Art Catering-Service geliefert: "Damit wir mehr Zeit haben für die Vorträge und Workshops", erklärt Pfeifer. "Der Schwerpunkt liegt auf dem Wissensaustausch."

"Die Steinzeit ist die Epoche, in der die Menschheit am längsten auf der Erde unterwegs war", sagt Pfeifer. Sie gliedert sich in drei Teile. Die älteste - die Altsteinzeit - ist die Zeit der Eiszeitjäger. Damals machten Menschen gemeinsam Jagd auf große Tierherden - Rentiere, aber auch Mammut-Gruppen, sagt Kelm. Die Menschen der Mittelsteinzeit lebten in einer Landschaft, die unserer heutigen auch vom Klima her sehr ähnlich war - als Jäger, Sammler und Fischer.

Danach folgte die Jungsteinzeit mit frühen Ackerbauern und Viehzüchtern, die erst vor 4000 Jahren zu Ende ging. Die Epochen unterschieden sich auch in den handwerklichen Fähigkeiten der Menschen. So habe ein Beil in der Jungsteinzeit eine geschliffene Klinge. In der Mittelsteinzeit sei die Klinge nur geschlagen, "und in der Altsteinzeit gab es noch gar keine Beile", sagte Kelm.

Um die "Zeitreise" von Wissenschaftlern und Besuchern möglichst authentisch zu gestalten, versucht der Steinzeitpark eine Landschaft wie vor 5000 bis 6000 Jahren herzustellen. "Sowohl im Waldbereich wie auch im offenen Land", sagt Kelm. Auf dem Gelände findet man eine originalgetreu nachgebaute steinzeitliche Bauernsiedlung mit Häusern, aber auch Hütten und Jurten der mittelsteinzeitlichen Jäger und Sammler.

Wollen Experimental-Forscher bei so viel Begeisterung für immer in der Steinzeit leben? "Nein", sagt Archäo-Botaniker Jake Newport. "Wenn du 100 Prozent in der Steinzeit lebst, kann schon ein kleines Problem mit den Zähnen zum größten Problem der Welt werden, schon eine kleine Schnittverletzung kann den Tod bedeuten." Sein Traum beschränke sich darauf, in zehn oder 20 Jahren eine Hütte in der Wildnis zu besitzen, um dort ein, zwei Monate im Jahr zu leben: "Ohne Handy, ohne Stress."