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Krank ohne körperliche Ursache für die Symptome

Stationäre Gruppenpsychotherapie mit Chefarzt Karsten Wolff im Zentrum für Psychosoziale Gesundheit Senftenberg.
Stationäre Gruppenpsychotherapie mit Chefarzt Karsten Wolff im Zentrum für Psychosoziale Gesundheit Senftenberg. FOTO: Klinikum
Senftenberg. Marion Lehmann wurde über Jahre hinweg medikamentös gegen multiple Sklerose behandelt. Dabei hatten ihre Symptome keine körperliche Ursache, sondern waren Folge eines Traumas. Michèle-Cathrin Zeidler

Über viele Jahre litt Marion Lehmann* immer wieder unter Schwindel, Ohrgeräuschen, einer depressiven Stimmungslage und Gangstörungen mit wiederholter inkompletter Lähmung der Beine. Da Ärzte bei ihr vor mehr als 15 Jahren vermeintlich die neurologische Erkrankung multiple Sklerose (MS) diagnostiziert hatten, suchte sie Ende 2014 das Klinikum Niederlausitz in Senftenberg auf. Die 42-Jährige wollte sich stärkere Medikamente verschreiben lassen, denn ihre Symptome verschlimmerten sich zunehmend.

"Die zunächst in der Klinik durchgeführte MRT-Untersuchung des zentralen Nervensystems erbrachte aber keine Hinweise auf eine neurologische Erkrankung", erinnert sich Dipl.-Med. Karsten Wolff, Chefarzt im Zentrum für Psychosoziale Gesundheit (ZfPG). "Auch in der Liquoruntersuchung, einer Untersuchung des Nervenwassers aus dem Rückenmarkskanal, fehlten die typischen Parameter für eine MS."

Die Ärzte der Klinik ließen sich daher alle Vorbefunde zur Erkrankung von Marion Lehmann zusenden. Dabei zeigte sich, dass die Patientin in einem anderen Bundesland aufgrund eines Verdachtes auf MS medikamentös behandelt worden war - allerdings hatte sich dieser Verdacht dann nie bestätigt. "Auch nach einer umfassenden Diagnostik fanden sich schließlich keine körperlichen Ursachen für die Symptome", sagt der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik.

Die Ärzte im ZfPG diagnostizierten in den Gesprächen mit Marion Lehmann schließlich eine dissoziative Störung, also eine seelisch verursachte teilweise Lähmung der Beine mit daraus resultierenden Gangstörungen. Dissoziative Störungen gehören zu den psychosomatischen Krankheitsbildern, bei denen seelische Faktoren, soziale Belastungen und Stress die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten beeinflussen.

"Die Patientin hatte zunächst Mühe, ihre jahrelangen körperlichen Symptome als psychisch mitverursacht anzunehmen", erklärt der Mediziner. In der Gesellschaft seien psychosomatische Beschwerden leider noch immer ein Tabuthema. "Viele Patienten wünschen sich daher auch lieber eine körperliche Ursache", so der Arzt, der sich mit dem Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist auskennt. Dabei leiden laut Studien bis zu 30 Prozent der Patienten in hausärztlichen Praxen an psychosomatischen Beschwerden. Aus diesem Grund eröffnet das Zentrum für Psychosoziale Gesundheit im Klinikum Niederlausitz im Sommer auch eine spezielle Psychosomatische Abteilung mit 20 stationären sowie zwölf tagesklinischen Plätzen. Chefarzt Karsten Wolff, der als Psychiater zusätzlich Facharzt für Psychosomatische Medizin ist, will hier mit seinem Team Patienten mit Angststörungen, Traumatisierungen, Schmerzstörungen sowie somatoformen Störungen, unter anderen psychosomatischen Erkrankungen, helfen.

Auch Marion Lehmann konnte durch eine Therapie geholfen werden. "In den Sitzungen berichtete sie schließlich über mehrere einschneidende und sehr belastende Lebensereignisse", sagt Chefarzt Karsten Wolff. "Sie wurde in ihrer Kindheit mehrfach sexuell missbraucht." Sexuelle Traumata seien dabei typische Ursachen für eine dissoziative Störung. Im Verlauf ihrer neunwöchigen stationären Behandlung nahm Marion Lehmann an Einzeltherapie- und Gruppentherapiestunden teil, ging zur Ergotherapie und betätigte sich körperlich in der Sporttherapie.

"In den Einzelgesprächen geht es vor allem um die Aufarbeitung des Traumas", erklärt der Chefarzt das Konzept. Traumatisch belastende Ereignisse können oft von der Psyche nicht richtig verarbeitet werden und werden daher häufig fehlverarbeitet. Infolgedessen hat der Patient immer wieder Flashbacks, bei denen er Erinnerungsfetzen und Ängste erneut durchlebt.

"In der ersten Phase der Therapie geht es daher um die Stabilisierung der Patienten", so der Facharzt. "Der Patient muss lernen, die massiv überflutenden Erinnerungen zu kontrollieren." In der zweiten Phase werde dann das Trauma konkret besprochen. "Das ist besonders schmerzvoll, denn der Patient muss die Erinnerungen erneut durchleben und das Geschehene dabei genau rekonstruieren", sagt Karsten Wolff. Dabei gibt es verschiedene Techniken.

Das Ziel sei es dabei, das erlebte Trauma so im Gehirn abzuspeichern, dass es nicht mehr zu emotionalen Überflutungen und unkontrollierten Erinnerungen kommt. "In der dritten und letzten Phase geht es schließlich um die soziale Reintegration", erläutert der Arzt. Dabei lernen die Patienten beispielsweise, trotz erlebten Traumas ihren Alltag, ihren Beruf und ihre Partnerschaft zu bewältigen.

Auch Marion Lehmann konnte durch das traumaspezifische Psychotherapieverfahren ihren Missbrauch verarbeiten und in ihre Lebensgeschichte einordnen. "Die zur Aufnahme führenden Symptome bildeten sich im Verlauf weitgehend zurück", weiß ihr Arzt. "Sie geht noch regelmäßig zur Gruppenpsychotherapie in die Psychiatrische Institutsambulanz." Lähmungen und Schwindel treten heute nur noch in psychischen Belastungssituationen auf, was die Patientin jetzt aber deutlich besser steuern kann.

*Name von der

Redaktion geändert

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Zum Thema:
Q Querschnittlähmungen (auch Querschnittslähmung genannt) entstehen durch eine Schädigung des Rückenmarks auf einer bestimmten Höhe. Häufigste Ursache sind Unfälle im Straßenverkehr oder im Sport. Etwa die Hälfte der Querschnittlähmungen ist durch andere Erkrankungen bedingt. Dazu gehören zum Beispiel Tumore, Infektionen oder Durchblutungsstörungen des Rückenmarks. Wie die Symptome im Einzelfall aussehen, hängt sehr davon ab, wo und wie das Rückenmark geschädigt ist. Nicht immer ist das gesamte Rückenmark betroffen. In Deutschland erleiden jedes Jahr zwischen 1200 und 1500 Menschen eine Querschnittlähmung.