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| 19:37 Uhr

Medinzinserie: Der besondere Fall
Endlich wieder Radfahren und das Leben genießen

Dr. Wenke Pomaska während der Beratungssprechstunde in der Spreewaldklinik    
Dr. Wenke Pomaska während der Beratungssprechstunde in der Spreewaldklinik    FOTO: Ragnhild Münch
Lübben. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir diesmal, wie es in der Spreewaldklinik Lübben gelang, eine verschwiegene Volkskrankheit in die Schranken zu weisen. Von Ida Kretzschmar und Ragnhild Münch

Rosi H. leidet lange und spricht mit niemandem darüber. Sie schämt sich. Besser wird es dadurch nicht. Im Gegenteil. Die Mittsechzigerin zieht sich zurück, traut sich kaum noch unter Leute, fühlt sich mitunter sogar schief angesehen. Eher zufällig erfährt sie in der Spreewaldklinik Lübben von der Spezialisierung der Leitenden Oberärztin Dr. Wenke Pomaska im Klinikum Dahme-Spreewald. Die 69-Jährige fasst sich ein Herz, bespricht es mit ihrer Frauenärztin und erhält schon bald einen Termin in der urogynäkologischen Sprechstunde von Dr. Pomaska.

Worüber Rosi H. so lange mit niemandem reden mochte, ist Inkontinenz, eine weit verbreitete und doch oftmals verschwiegene Volkskrankheit. Schätzungen gehen von bis zu 40 Prozent der Frauen in Deutschland aus, die darunter leiden. „Das höchste Risiko, damit konfrontiert zu werden, bergen Geburt und Schwangerschaften“, weiß Dr. Wenke Pomaska. Es ist eben nicht nur eine Erkrankung älterer Frauen, wie oftmals vermutet wird, sondern auch jüngerer. Das erklärt auch, warum doppelt so viele Frauen wie Männer betroffen sind.

Da es ein peinliches Thema ist, erfahren auch Ärzte oft erst spät von der Inkontinenz ihrer Patientinnen. „Gerade bei Frauen hängt die Kontinenz, also die eigentlich verinnerlichte Möglichkeit der Harnkontrolle, stark vom Zustand der Beckenbodenmuskulatur ab“, erläutert Dr. Pomaska, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Frauen sind häufiger als Männer von Harninkontinenz betroffen, weil Geburten, Bindegewebsschwäche, Alterungsprozesse und Operationen am Unterleib Blasenschwäche auslösen können.“

Bei Rosi H. kam zu Geburten vermutlich schwere körperliche Arbeit in der Pflege als Ursache für die Erkrankung hinzu. Dr. Pomaska nimmt sich Zeit für das Gespräch mit den Frauen, die sich ihr anvertrauen. „Sie scheuen sich beim Sport zu hüpfen, gehen nicht mehr tanzen oder auf Reisen. Selbst Einkaufen wird zur Qual, wenn man nicht weiß, wo eine Toilette in der Nähe ist“, hat Dr. Pomaska in diesen Gesprächen erfahren, in denen sie auch die medizinische Untersuchung von Blase, Harnwegen, Beckenraum und Beckenboden erklärt. Je nach Schwere der Inkontinenz können Medikamente helfen. „Es ist ja keine lebensbedrohliche Erkrankung, und doch beeinträchtigt sie den Alltag oft sehr. In manchen Fällen kann eine Operation die Lebensqualität entscheidend verbessern“, unterstreicht sie.

Mit einer Ultraschalluntersuchung ist feststellbar, ob Organe in der Umgebung des Beckenbodens verändert sind. Bei einer Blasenspiegelung wird geprüft, ob Blasensteine, eine Entzündung oder gar ein Tumor hinter der Inkontinenz stecken. Bei der urodynamischen Diagnostik werden der Druck in der Harnblase und im Bauchraum beim Füllen und Entleeren untersucht. Sofern notwendig, runden Labor- und Röntgen-Befunde die gründlichen Untersuchungen ab.

Etwa die Hälfte der Frauen leidet körperlich, aber auch seelisch unter Belastungs- oder Stressinkontinenz. Sie verlieren schon bei leichter körperlicher Belastung Urin, etwa beim Treppensteigen, beim Husten, Niesen oder sogar Lachen. „Das muss man nicht aushalten, es lässt sich etwas dagegen tun“, bietet Dr. Pomaska ihre Hilfe an. Rosi H., die allein oder mit ihren Enkeln gern mit dem Fahrrad unterwegs ist, entschied sich für eine Operation, als klar war, dass bei ihr die Bindegewebsstrukturen im Bereich der mittleren Harnröhre keinen ausreichenden Halt hatten. „Bei der TVT-Operation (tension-free vaginal tape) wird ein Kunststoffband unter die Harnröhre gelegt, um diese zu stützen und die umliegenden Bereiche zu stabilisieren. So wird der unwillkürliche Urinverlust verhindert“, erläutert die Ärztin, die in Luckau lebt. „Natürlich muss man auch immer die Risiken einer Operation abwägen. Aber wir haben viele gute Erfahrungen mit dieser Methode gesammelt. Mehr als 90 Prozent der Patientinnen sind danach geheilt“, betont Dr. Pomaska.

Ihre Patientin Rosi H. liebt es, mit den Enkeln auf Radtour zu gehen. „Wunderbar ist, dass wir nun nicht mehr ständig Pausen machen müssen, wenn wir im Spreewald unterwegs sind“, lacht sie.

Kann man auch rechtzeitig gegensteuern, um die Krankheit gar nicht erst zum Zuge kommen zu lassen? „Rückbildungsgymnastik in der Schwangerschaft und Muskelaufbau schon in jungen Jahren sind hilfreich“, sagt die Ärztin und hat dann auch gleich eine Empfehlung für den Alltag parat: „Zehn mal an der roten Ampel den Beckenboden anspannen ist eine wirkungsvolle, unsichtbare Methode“, lacht sie.

Rosi H. nutzte auch Angebote der Spreewaldklinik. Die Physiotherapie hilft mit speziellen Geräten und Kursen, die Muskulatur des Beckenbodens zu stärken. Eines ist „Galileo“, ein Gerät mit runder Standfläche, die stark vibriert. So wird die Muskulatur überdehnt, diese zieht sich reflexhaft zusammen. Auch Gymnastikkurse, die speziell den Beckenboden trainieren, findet die sportliche Dame sehr hilfreich und übt seither regelmäßig zu Hause.

So fühlt sie sich doppelt sicher, lacht wieder gern und oft und ist mit den Enkeln so oft wie möglich unterwegs auf Fahrradtour.

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Dr. Wenke Pomaska
Dr. Wenke Pomaska FOTO: Ragnhild Münch