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Großartige Chormusik von Lili Boulanger

Klassik Über die Jahre haben sich die Fenster weit und weiter geöffnet, wir schauen jetzt genauer in die Welt der Musik, und auch ganz ohne feministischen Imperativ darf man sagen: Dass unsere Musik so reich ist, hat auch mit den vielen famosen Komponistinnen zu tun. Mit Hildegard von Bingen. Mit Fanny Hensel. Mit Clara Schumann. Mit Sofia Gubaidulina. Mit Adriana Hölszky. Mit Rebecca Saunders. Und mit Lili Boulanger (1893 bis 1918), dieser wunderbaren französischen Komponistin, die als erste Frau im Jahr 1913 mit einer Kantate für Singstimmen und Orchester den begehrten "Grand Prix de Rome" gewann.

Sie entstammte einer musikalischen Familie, ihre Schwester war Nadia Boulanger, im Haus der Eltern gingen berühmte Komponisten und Literaten ein und aus. Obwohl Lili an schweren Erkrankungen litt (einem chronischen Lungenleiden und an Morbus Crohn, einer entzündlichen Magen-Darm-Krankheit) und nicht in die Schule gehen konnte, sog sie doch alles Musikalische tief in sich auf. Immer wieder nahm sie Unterricht bei Koryphäen, so dem großen Organisten Louis Vierne und dem nicht minder bedeutenden Gabriel Fauré.

Auch mit Maurice Ravel hatte sie intensiven Kontakt. Viele Werke hat Lili Boulanger, die ja nur 24 Jahre alt wurde, der Nachwelt nicht hinterlassen. Um so höher ist der Wert einer neuen CD-Produktion aus dem Carus-Verlag anzusehen, die eine Sammlung ihrer Chorwerke bietet, darunter die einnehmend schöne "Hymne au Soleil". Boulangers Tonsprache ist reif, harmonisch sehr expressiv und überhaupt nicht schüchtern. Selbst in ihren Psalm-Vertonungen zieht sie alle Register.

Ihre Art, den Impressionismus der damaligen Zeit anzuwenden und doch in tonaler Ordnung zu bleiben, ist sehr individuell und sehr persönlich. Das von Michael Alber geleitete Orpheus Vokalensemble, ein professioneller, international besetzter Kammerchor aus Baden-Württemberg, singt diese Musik mit exzellentem Gespür für ihren exquisiten Zauber. Deklamation, Intonation, Ausdruck: Alles wird hier auf hohem Niveau realisiert. Am Klavier ist Antonii Baryshevskyi ein glänzender, subtiler Begleiter.

Wolfram Goertz

(RP)