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| 17:20 Uhr

Gärtnern nach dem Mond
Mondgärtnern: Quatsch oder geht da was?

 Peter Berg im Schaugarten seiner Gärtnerei: Hier ist der Tierkreis  aus entsprechenden Pflanzen nachempfunden. Im biologisch-dynamischen Gärtnern wird der Mond bei seinem Durchlauf durch den Tierkreis im Monat berücksichtigt. 
Peter Berg im Schaugarten seiner Gärtnerei: Hier ist der Tierkreis  aus entsprechenden Pflanzen nachempfunden. Im biologisch-dynamischen Gärtnern wird der Mond bei seinem Durchlauf durch den Tierkreis im Monat berücksichtigt.  FOTO: Peter Berg
Gedeiht das Radieschen prächtiger, wenn es bei aufsteigendem Mond gesät wird? Und wird die Möhre knackiger, wenn sie kurz vor Vollmond gesät wird? Dazu gibt es viele Meinungen, stapelweise Papier, und am Ende scheiden sich doch die Geister – Gärtnern nach dem Mondkalender ist und bleibt Glaubens- und Ansichtssache. Von Sybille von Danckelman

Mondkalender Humbug oder Orientierung Es gibt nicht den einen Mondkalender. Genau das macht die Sache auch so schwierig. Die einfachste Methode ist, sich an den Mondphasen, also dem Wechsel von Neu- und Vollmond, zu orientieren. Der Mond macht Ebbe und Flut, er zieht durch seine Anziehungskraft entweder das Wasser an die Küste oder ins Meer. Das ist für alle unbestritten. Ob der Mond das Pflanzenwachstum beeinflusst, das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Mondgärtnern ist das erstmal egal, sie gehen davon aus, dass bei zunehmendem Mond die Säfte in den überirdischen Pflanzenteilen aufsteigen, und bei abnehmendem Mond die Säfte in den unterirdischen Pflanzenteilen absteigen, und gärtnern danach.

Sternenbezogene Mondkalender sind komplexer angelegt. Sie beziehen nämlich die Position des Mondes am Himmel, seinen 27 Tage dauernden Umlauf (siderischer Mondlauf) um die Erde und die zwölf Sternzeichen in die Betrachtung mit ein. Bei seinem Umlauf steigt der Mond im Verhältnis zur Sonnenbahn auf und ab. Er bewegt sich vom tiefsten Punkt im Sternzeichen Schütze zum höchsten Punkt im Zwilling und verstärkt dabei durch seine Stellung die Wirkkräfte des Tierkreiszeichens über die Elemente Feuer, Erde, Luft/Licht und Wasser. Nach 27 Tagen hat er von der Erde aus betrachtet wieder seine Ausgangsstellung zu den Fixsternen erreicht. Es heißt: Bei absteigendem Mond sollen Bäume, Stauden und Gemüse gepflanzt, Knollen- und Wurzelgemüse geerntet werden. Bei aufsteigendem Mond ist die beste Erntezeit für alles, was oberirdisch wächst.

Das Sternzeichen, durch das der Mond wandert, bestimmt auch, für welchen Pflanzenteil es gerade günstig ist, also ob Blatt-, Frucht-, Wurzel- oder Blütentage sind. Jeweils drei Sternbilder (Trigone) sind für bestimmte Pflanzenarten besonders förderlich. Gut zu merken: Wenn die Tage unterschiedlich lange Phasen bilden, dann ist der Mondkalender brauchbar, dann ist er nach astronomischen Gesichtspunkten berechnet. (garten-blog.org, gartenflora.de, gartenfreunde.de, „Mondgärtner“).

Fritz Stopfkuchen, der Mann, der Kräutersalben nach dem Mond ansetzt. Fritz Stopfkuchen aus Schipkau ist jemand, der, was naturnahes Gärtnern betrifft, in der Lausitz sowas wie ein Geheimtipp ist. „Bei mir gibt’s kein Unkraut im Garten“, lautet die Devise des rüstigen Seniors aus dem Oberspreewald-Lausitzkreis. Soll heißen: Vogelmiere, Giersch, Gundermann, Brunnenkresse, Schachtelhalm, also alles das, was „die Leute als Unkraut bezeichnen“, landet bei Stopfkuchen entweder im Magen oder in seinen Salben. „Viele Kräuter, die oft in Symbiose mit anderen Pflanzen leben, sind gesund.“ Aber Vorsicht, warnt Stopfkuchen: Giersch hat mit Schierling einen tödlichen Doppelgänger.

36 Kräuter braucht Fritz Stopfkuchen für seine Wundersalbe. Und die rührt er jedes Jahr nur nach Vollmond im Juni an. Das habe er gelernt von einer alten Kräuterfrau, die das wiederum von ihrer Oma hatte. „Ich halte mich dran, auch wenn das vielleicht nur Aberglaube ist.“ Wie auch immer – auf die Stopfkuchensche Wundersalbe sind viele Menschen in der Region scharf: In diesem Jahr seien die zehn Kilogramm schon im April alle gewesen, bedauert Gärtner Stopfkuchen. Sie helfe bei Hauterkrankungen, Verbrennungen, viele Ältere mit Gürtelrose und Kinder mit Neurodermitis seien zu ihm nach Schipkau gekommen.

Peter Berg, der Gemüseanbauer, der nach dem Mond gärtnert. „Mondgärtner“, so heißt nicht nur ein gleichnamiges Buch von Peter Berg. Der biologisch-dynamische Gemüseanbauer mit Gärtnerei in Binzen (Baden-Württemberg) gibt auch im Fernsehen und Zeitschriften Tipps, und er kann selbst auch auf jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen. Er sagt: Der Mond beeinflusst das Pflanzenwachstum. Da gebe es nichts zu rütteln. Auf den ersten Blick sieht es ganz so aus, als ob Peter Berg zu der Riege der begeisterten Mond-Gärtner gehört.

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Der Mond gibt in einem komplexen Zusammenhang von Boden, Samen und Pflanzen zwar den Ton an, sagt Berg. „Aber mehr auch nicht.“ Wer nach dem Mond gärtnern will, muss unbedingt dieses Zusammenspiel beachten. Soll heißen: Wer denkt, heute ist Vollmond und ein guter Tag zum Bohnen säen oder Kartoffel setzen, in der Nacht zuvor hat es aber aus Eimern gegossen und der Boden wird durch das Betreten geschädigt in seinem Lufthaushalt, „dann ist es völliger Quatsch, Bohnen und Kartoffeln starr nach dem Mondkalender in die Erde zu bringen“.

Die Grundlage der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und damit die Praxis von Demeter-Betrieben gründet sich auf Anregungen des Anthroposophen Rudolf Steiner aus dem Jahre 1924. Sie begreift Landwirtschaft als einen Kreislauf, in dem die natürlichen Rhythmen dazu genutzt werden, besonders vollwertige Lebensmittel zu erzeugen. Der Mond bei seinem Durchlauf durch den Tierkreis im Monat wird berücksichtigt.

Gärtner Berg weist aber immer wieder auf das Zusammenspiel von Mensch, Pflanze, Tier und Kosmos hin und nennt das die „Grenze des Machbaren“. Er sagt: „Wenn ich am Abend frischen Salat möchte und darauf verzichte, weil gerade kein Blatt-Tag ist, dann macht das überhaupt keinen Sinn.“

Gute Erfahrung hat Peter Berg mit dem Gemüselagern nach dem Mond gemacht. Die Blütentage bei aufsteigender Phase seien die beste Zeit zum Ernten. Kohl, Sellerie oder Möhren würden deutlich schneller faulen oder welken, wenn sie an einem Blatt-Tag geerntet würden.

Hartmut Spieß, der Wissenschaftler, der dem Mond eine weitaus schwächere Rolle als der Sonne zuschreibt. Der Gärtner tut gut daran, für das Säen oder Ernten nicht auf den richtigen Mond zu warten. Das sagt Agrarwissenschaftler Hartmut Spieß. Er hat am Institut für Biologisch-Dynamische Forschung in Bad Vilbel (Hessen) mehrjährige Saatzeitversuche verschiedener Kulturpflanzen geleitet und zum „Mondeinfluss auf dem Prüfstand der Wissenschaft“ habilitiert. Grundsätzlich sei die „Bedeutung des Mondes für alles Leben auf der Erde nicht zu bezweifeln“, so sein Fazit. Der Mond stabilisiere durch seine Anziehungskraft die Erdachse und sorge so für konstante Klimabedingungen auf der Erde. Spieß: „Erst dadurch konnte sich höheres Leben entwickeln.“ Besonders durch seine Reflexion des Sonnenlichtes und seine Variation elektromagnetischer Strahlung beeinflusse er das Wachstum der Pflanzen.

Nun folgt das große Aber: Für seine Untersuchungen zu Mondkalendern hat Hartmut Spieß Roggen, Möhren, Kartoffeln, Radieschen und Buschbohnen auf Wachstum und Qualität geprüft. Eindeutig hätten die Pflanzen auf Lichtintensität, Wärme, Feuchte oder Tageslänge, Fruchtbarkeitszustand des Bodens und Nährstoff- und Wasserversorgung reagiert. Mit den Empfehlungen von Aussaatkalendern hätten sich indes kaum Übereinstimmungen ergeben. Allerdings hätten einzelne Kulturen spezifisch auf die Mondzyk­len reagiert (Info).

Fazit des Agrarwissenschaftlers: „Will man den Mond im Pflanzenbau nutzen, darf man nicht blind nach einem starren Kalender arbeiten, sondern sollte versuchen, das kosmisch-rhythmische Geschehen mit den irdischen Erscheinungen von Klima, Witterung, Bodenzustand und Pflanzenart wie Pflanzensorte in Einklang zu bringen.“ Mit diesem Ansatz ist Agrarwissenschaftler Spieß gar nicht so weit weg von Mondgärtner Berg.

Auf eine Sache macht Dr. Spieß aufmerksam. In manchen Regionen wird Nutzholz nur bei absteigender Stellung des Mondes gefällt. Die Richtigkeit dieser Mondregel, so Spieß, wurde durch Untersuchungen in Österreich und Kuba bestätigt. Danach wurden Fichten und Kiefern, die zu Vollmond geschlagen wurden, stärker von Borkenkäfern befallen als zu Neumond geschlagene Bäume.

  Fritz Stopfkuchen ist der Lausitzer Kräuter-Mann. Salben rührt er nach Vollmond im Juni an .
Fritz Stopfkuchen ist der Lausitzer Kräuter-Mann. Salben rührt er nach Vollmond im Juni an . FOTO: LR / Torsten Richter-Zippack
 Hartmut Spieß ist skeptisch. Er rät, fürs Säen und Ernten nicht auf den richtigen Mond zu warten.
Hartmut Spieß ist skeptisch. Er rät, fürs Säen und Ernten nicht auf den richtigen Mond zu warten. FOTO: Spieß
 Mondgärtner, Peter Berg
Mondgärtner, Peter Berg FOTO: Peter Berg
 Die Trigone
Die Trigone FOTO: LR / Elisabeth Wrobel
 neu Mondgärtnern, Peter Berg
neu Mondgärtnern, Peter Berg FOTO: Peter Berg
 Mondgärtner, Peter Berg
Mondgärtner, Peter Berg FOTO: Peter Berg
 neu Mondgärtnern, Peter Berg
neu Mondgärtnern, Peter Berg FOTO: Peter Berg
 Peter Berg im Schaugarten seiner Gärtnerei: hier ist der Tierkreis  aus entsprechenden Pflanzen nachempfunden. Im biologisch-dynamischen Gärtnern wird der Mond bei seinem Durchlauf durch den Tierkreis im Monat berücksichtigt. 
Peter Berg im Schaugarten seiner Gärtnerei: hier ist der Tierkreis  aus entsprechenden Pflanzen nachempfunden. Im biologisch-dynamischen Gärtnern wird der Mond bei seinem Durchlauf durch den Tierkreis im Monat berücksichtigt.  FOTO: Peter Berg
  Fritz Stopfkuchen ist der Lausitzer Kräuter-Mann. Salben rührt er nach Vollmond im Juni an .
Fritz Stopfkuchen ist der Lausitzer Kräuter-Mann. Salben rührt er nach Vollmond im Juni an . FOTO: LR / Torsten Richter-Zippack
 Hartmut Spieß ist skeptisch. Er rät, fürs Säen und Ernten nicht auf den richtigen Mond zu warten.
Hartmut Spieß ist skeptisch. Er rät, fürs Säen und Ernten nicht auf den richtigen Mond zu warten. FOTO: Spieß