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| 06:33 Uhr

Das Eis gibt den Kurs vor
Eisbrecher „Polarstern“ nimmt Kurs auf nördlichste Region der Erde

 Das deutsche Forschungsschiff Polarstern während einer Eisstation im Weddellmeer.
Das deutsche Forschungsschiff Polarstern während einer Eisstation im Weddellmeer. FOTO: Mario Hoppmann
Bremerhaven. Am Freitag wird der Eisbrecher „Polarstern“ vom norwegischen Tromsø aus Kurs auf die nördlichste Region der Erde nehmen. Auch ein Lausitzer wird an der Expedition teilnehmen. Von Jana Zahner und Daniel Steiger

Es ist der Beginn eines Menschheits-Abenteuers. Forscher aus 19 Nationen werden mehr als ein Jahr unterwegs sein, um Klimadaten zu sammeln. Der deutsche Expeditionsleiter Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut spricht von der größten Arktis-Expedition unserer Zeit. „Wir werden zum ersten Mal in der Lage sein, die Klimaprozesse in der Zentralarktis ganzjährig zu beobachten“, sagt der Atmosphärenphysiker.

Die Projektkosten betragen rund 140 Millionen Euro, etwa die Hälfte zahlt Deutschland. Glaubt man Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), lohnt sich der Einsatz – und wie. Die Expedition werde einen „Datenschatz gewinnen, von dem noch Generationen nach uns profitieren werden“. Sie setzt dafür ein ganz eigenes Zeichen. Während ihre Kollegen in Berlin über die Klimarettung verhandeln, nimmt Karliczek am Start in Tromsø teil.

Arktis das Epizentrum des Klimawandels

 Kapitän Stefan Schwarze steht vor der „Polarstern“ im Trockendock in Bremerhaven.
Kapitän Stefan Schwarze steht vor der „Polarstern“ im Trockendock in Bremerhaven. FOTO: Esther Horvath

Die Arktis ist für die Klimaforschung zentral, denn keine Region der Welt erwärmt sich schneller. „Das Epizentrum des globalen Klimawandels“, nennt sie Mosaic-Leiter Rex. „Die Erwärmung im Jahresmittel ist hier schon bei über zwei Grad Celsius.“ Gleichzeitig gebe es Wissenslücken, die Klimaprognosen für den Nordpol gingen weit auseinander, sagt der Klimaforscher. Manche sprechen von fünf Grad, andere von bis zu 15 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts. Mosaic soll die Vorhersagen präzisieren. Und helfen, Umweltkatastrophen in unseren Breiten vorherzusagen. „Die Erwärmung in der Arktis wirkt sich sehr stark auf unser Wettergeschehen aus“, sagt Rex.

Bisher beschränkten sich Forschungsaufenthalte in der Arktis vor allem auf den Sommer. Der Grund: „Im Winter ist das Eis so dick, dass wir da nicht durchbrechen können“, sagt Rex. Dann ist die Nordwestpassage selbst für Eisbrecher unpassierbar.

Polarstern-Crew folgt altem Konzept

  Im Sommer 2013 entstand dieses Bild bei der „Polarstern“-Expedition ANT-XXIX – unter schwierigen Bedingungen verrichten die Wissenschaftler Gerhard Diekmann, Bruno Tison (l.) und Jean-Louis Tison (r.) ihre Arbeit.
Im Sommer 2013 entstand dieses Bild bei der „Polarstern“-Expedition ANT-XXIX – unter schwierigen Bedingungen verrichten die Wissenschaftler Gerhard Diekmann, Bruno Tison (l.) und Jean-Louis Tison (r.) ihre Arbeit. FOTO: Stefan Hendricks

Mosaic macht aus der Not eine Tugend: Im September ist das Eis noch dünn. In der Arktis angekommen, schaltet die Crew die Motoren in den Leerlauf. „Nur die Heizung läuft dann noch“, sagt der Expeditionsleiter. Das Schiff friert mit dem hereinbrechenden Winter fest – und bewegt sich trotzdem etwa sieben Kilometer pro Tag Richtung Nordpol.

Die Mannschaft der Polarstern folgt einem alten Konzept: Vor 126 Jahren ließ sich der norwegische Zoologe Fridtjof Nansen auf dem Weg zum Nordpol ebenfalls absichtlich einfrieren. Er verließ sich auf die Meeresströmung, die Eisscholle und Schiff anschob.

Diese Eisdrifts nutzt auch Mosaic. Eine Reise ins Ungewisse: „Wo wir sein werden, wissen wir nicht. Der Kurs wird vom Eis bestimmt“, sagt Rex. Sobald die Polarstern festgefroren ist, baut die Besatzung rund um das Schiff eine Forschungsstadt mit Messstationen und einer Landebahn für Versorgungsflugzeuge auf. Wie gut das funktioniert, hängt vom Wetter ab: Schneestürme und Temperaturen bis 45 Grad minus sind möglich. Zudem geht während der Polarnächte die Sonne monatelang nicht auf. „Es wird vergleichsweise viel los sein in der Arktis“, sagt Rex. „Vielleicht treffen wir auf verwunderte Eisbären.“ Zur Sicherheit ist stets eine bewaffnete und schussbereite Eisbärenwache eingeteilt.

 Während der „Polarstern“-Expedition PS 94 wollten einige Crew-Mitglieder einer Kollegin einen Geburtstagskuchen backen. Im ewigen Eis war dafür Kreativität gefragt. Am Ende hatten die „Bäcker“ aus Blaubeermus, Lebensmittelfarbe und klassischen Backzutaten einen Schneeprinzessinnenkuchen kreiert.
Während der „Polarstern“-Expedition PS 94 wollten einige Crew-Mitglieder einer Kollegin einen Geburtstagskuchen backen. Im ewigen Eis war dafür Kreativität gefragt. Am Ende hatten die „Bäcker“ aus Blaubeermus, Lebensmittelfarbe und klassischen Backzutaten einen Schneeprinzessinnenkuchen kreiert. FOTO: Mario Hoppmann

Nicht nur die Eisbärenwache, sondern auch das Miteinander der Nationen könnte spannend werden. „Die Interessen der beteiligten Länder, USA, Russland, China sind konträr“, gibt Rex zu. „Wir haben früh beschlossen, dass wir null Forschung machen werden, die nützlich ist für Lagerstättenerkundung“, sagt Rex. Die Klimaforschung solle alle Partner an Bord einen. Alles andere, befürchtet der Expeditionsleiter, könnte für Sprengstoff sorgen.

Lausitzer nimmt an Polarstern-Expedition teil

So ähnlich sieht das auch Thomas Wunderlich. Der in Lübben Geborene und in Cottbus Aufgewachsene wird ab April kommenden Jahres die „Polarstern“ durch die arktischen Gewässer steuern. „Ich bin schon seit vielen Jahren auf der ,Polarstern‘ unterwegs, aber diese Mission ist nochmal etwas ganz Besonderes. Ich bin schon stolz, Teil dieses Vorhabens zu sein.“ Gerade in Zeiten des Klimawandels habe die Unternehmung eine besondere Bedeutung. In der Arktis werde das Wetter gemacht, gerade für uns in Mitteleuropa. „Ich hoffe, dass wir dort gut arbeiten können und schnell Ergebnisse präsentieren können“, sagt der 40-Jährige zu seinen Erwartungen an die nächsten Monate.

 Bei der Polarstern-Expedition ARK 27 untersucht Meereis-Physiker Marcel Nicolaus einen Schmelztümpel auf arktischem Meereis.
Bei der Polarstern-Expedition ARK 27 untersucht Meereis-Physiker Marcel Nicolaus einen Schmelztümpel auf arktischem Meereis. FOTO: Stefan Hendricks

Zu gutem Arbeiten gehört natürlich auch eine gute Vorbereitung auf die Monate im ewigen Eis. „Wir haben beispielsweise in Spitzbergen ein besonderes Überlebenstraining absolviert. Dort wurden wir für 2,5 Tage ausgesetzt, mussten selbst Wasser herstellen, Eisbärenwache halten . . . “ Es sei schon interessant, wie sich Menschen unter solch extremen Bedingungen verhalten. „Die psychische Herausforderung ist bei der Mosaic-Expedition besonders groß“, macht Wunderlich noch einmal das Besondere der Tour deutlich. „Wir sind dann permanent 100 Menschen auf dem Schiff, es herrschen minus 40 Grad, die Winterstürme peitschen über uns hinweg, es ist dunkel.“

Extreme Bedingungen für den Menschen

Da sich die „Polarstern“ einfrieren lässt und mit dem Eis bewegt, muss Kapitän Wunderlich sich nicht um den Kurs kümmern, zumindest nicht direkt. Aber: „Auch wenn das Schiff nicht fährt, trage ich die Komplettverantwortung. Die Systeme auf dem Schiff laufen ja trotzdem. Als Kapitän bist du die Schaltzentrale wie in einem Unternehmen.“ Und zum Tagesgeschäft kämen auch immer wieder Überraschungen. „Was machen wir bei einem medizinischen Notfall? Woher bekommen wir Ersatzteile, wenn etwas kaputt geht? Wie gehen wir mit einem Crew-Mitglied um, das einen Notfall zu Hause hat?“ In der Arktis komme ja nicht in den nächsten zehn Minuten der Bus nach Hause.