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Düsseldorf
Der Tod trainiert mit

Herzmuskelentzündung entsteht oft durch eine verschleppte Erkältung - und durch ein irritiertes Immunsystem. Wer damit Ausdauersport betreibt, begibt sich in Lebensgefahr. Jörg Zittlau

Eigentlich ist Ausdauersport gesund. Er lässt den Herzmuskel wachsen und uns leistungsfähiger werden. Doch wer es übertreibt, kann genau das Gegenteil erzielen, wie jetzt Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ermittelt haben. Demnach sollten sich vor allem Männer besser überlegen, ob sie in ihrem Leben unbedingt einmal einen Triathlon absolviert haben müssen.

Die Forscher um den Radiologen Gunnar Lund untersuchten per Magnetresonanz die Herzen von 54 männlichen und 29 weiblichen Anhängern der Extremsportart, und dabei fanden sie bei zehn Männern eine deutliche Ansammlung des zuvor injizierten Kontrastmittels im Herzmuskel. Dies verweist, wie Lund erläutert, "auf Vernarbungen des Herzmuskels, so genannte myokardiale Fibrosen, die mit dem Auftreten von lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen assoziiert sein können".

Ihre vermutliche Ursache: Eine zuvor nicht erkannte Myokarditis, also ein Entzündung im Herzmuskel. In der Normalbevölkerung findet man sie mit einer Häufigkeit von drei bis vier Prozent. "Doch bei unseren männlichen Studienteilnehmern waren 17 Prozent betroffen", so Lund.

Der Hamburger Mediziner vermutet, dass diese Athleten offenbar zu viel Sport am Leistungslimit betrieben haben. Sie hatten neben einer erhöhten Muskelmasse auch einen erhöhten Blutdruck unter Belastung, was vermutlich die Schäden am Herzmuskel begünstigte. Denn einem schlecht eingestellten Motor täte es ja auch nicht gut, erläutert Lund, wenn er dauerhaft auf zu hohen Touren läuft.

Was aber nicht erklärt, warum man in der Studie ausschließlich bei den männlichen Triathleten einen Herzschaden finden konnte. Lund vermutet dahinter das männliche Hormon Testosteron, von dem man mittlerweile weiß, dass es auch den Blutdruck beeinflusst und die Immunabwehr schwächen kann, so dass sich beispielsweise leichter Viren im Herzen festsetzen können. "Aber vielleicht", so der Mediziner, "sind Frauen auch einfach nur cleverer und verausgaben sich nicht so sehr wie Männer."

Dass männliche Sportler öfter unter Herzmuskelentzündungen leiden, ist auch eine Erfahrung, die Florian Bönner am Uni-Klinikum in Düsseldorf gemacht hat. "Sie neigen dazu, einen Infekt nicht richtig auszukurieren und wieder zu früh ins Wettkampf- oder Trainingsgeschehen einzusteigen", so der Kardiologe. Dadurch könnten sich beispielsweise die Adenoviren eines banalen Schnupfens über den Kreislauf im Körper verteilen. Und die verfügen über die nötigen Andockmechanismen, mit denen sie nicht nur die oberen Atemwege, sondern auch die Herzmuskelzellen entern können. In der Folge kommt es dort wie beim Schnupfen zu einer Entzündungsreaktion. Nur eben mit dem weitreichenden Unterschied, dass nicht die Nase tropft, sondern möglicherweise das Herz aus dem Takt kommt oder sogar ganz zu schlagen aufhört. Bei Sportlern ist die Myokarditis die zweithäufigste Ursache für einen plötzlichen Herztod.

Nicht selten wird aber die Herzmuskelentzündung auch durch eine Autoimmunreaktion ausgelöst. Das heißt: Das Immunsystem hat die Orientierung verloren und attackiert körpereigenes Gewebe. Die Ursachen für diesen Amoklauf sind: Bad luck and bad genes. Das Erbgut mischt also dabei genauso mit wie die unterschiedlichsten Umweltfaktoren, von der Infektion über die Schwangerschaft bis zum Stress. In jedem Falle müssen die Patienten bei Arthritis, Lupus, Sklerodermie und anderen Autoimmunerkrankungen damit rechnen, auch noch eine Herzmuskelentzündung zu bekommen. Bei dem seltenen, aber lebensbedrohlichen Muskelleiden der idiopathischen Myositis liegt das Risiko bei 25 Prozent.

Insgesamt werden in Deutschland pro Jahr rund 5000 Patienten wegen Myokarditis behandelt. Das Problem an dieser Erkrankung: Sie beginnt in der Regel schleichend und symptomfrei. "Den Sportler führt sie meistens nur deshalb zum Arzt, weil er einen unerklärlichen Knick in seinen Leistungen beobachtet hat", so Bönner. Symptome wie Brustschmerzen und Atemnot sind zwar Warnzeichen eines gefährlichen Verlaufs der Myokarditis, kommen aber auch bei anderen Herzerkrankungen vor. Eine verlässliche Diagnose liefert die Untersuchung per Magnetresonanz (MRT), weil sie ohne Röntgenstrahlen und präzise Entzündungen und Zelluntergänge im Herzmuskel abbilden kann.

Noch mehr Gewissheit bekommt man durch die Gewebeprobe einer Biopsie. "Sie gilt als Gold-Standard in der Diagnose der Myokarditis", betont Bönner. "Doch sie ist aufwändiger als das MRT, kann nicht an jedem Krankenhaus durchgeführt werden und wird auch nicht bei jedem Patienten empfohlen."

In der Therapie kommen in der Regel entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen zum Einsatz, meistens in hoher Dosis und über ein bis zwei Wochen. Eine spezifischere Behandlung - wie etwa Cortison bei der extrem gefährlichen Riesenzell-Myokarditis - kann erst anhand der Ergebnisse der Biopsie eingeleitet werden. Die unverzichtbarste Therapie besteht jedoch in der körperlichen Schonung. Was gerade jüngeren Sportlern sehr schwer fällt. "Doch die medizinischen Fachgesellschaften sind da knallhart", betont Bönner. "Sechs Monate gelten da als Minimum, die zu pausieren sind." Dann aber bestehen relativ gute Aussichten, dass sich der Patient nachhaltig von seiner Erkrankung erholt.