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| 19:15 Uhr

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx
Der Hohlkopf eines großen Denkers

„Der Nischl“ ist ein Wahrzeichen in der Bergarbeiterstadt Chemnitz – aber das Monument ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.
„Der Nischl“ ist ein Wahrzeichen in der Bergarbeiterstadt Chemnitz – aber das Monument ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.
Chemnitz/Lauchhammer. Am Entstehen des Karl-Marx-Monuments in Chemnitz waren Gießer aus Lauchhammer beteiligt. Von Kathleen Weser

Der größte „Nischl“ der Welt ist zwar absolut hohl, aber dennoch der Kopf eines großen Denkers: von Karl Marx. Die Chemnitzer, 1973 im Aufbaujahr des Denkmals noch mehr oder weniger stolze Karl-Marx-Städter, haben die sieben Meter hohe Porträtbüste im besten mitteldeutschen Volksmund-Sächsisch schnell zu ihrem „Nischl“ gemacht. Und der weniger respektablen Bezeichnung für den Kopf des größten Kritikers der bürgerlichen Gesellschaft folgend, haben die Leute den Standort des sozialistischen Monumentes auch „Schädelstätte“ genannt.

Der eindrucksvolle Karl Marx vor dem als Parteisäge getauften Gebäude des Rates des Bezirkes Karl-Marx-Stadt und in den 80er-Jahren auch der Bezirksleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ist nach einem der 17 Grundentwürfe des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel in 95 Teilen in Leningrad in Bronze gegossen worden. Parallel haben die Gießer in Lauchhammer die Rückwand des Ensembles in flüssiger Bronze für die Ewigkeit in Form gebracht.

Harry Bartzsch (60) hat die Grate an den Buchstaben des Schriftzuges „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ aus dem Kommunistischen Manifest in den vier Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch mit Hammer und Meißel mit entfernt. Als Lehrling hatte der heute langjährigste Spezialist in der ältesten Handwerksmanufaktur Brandenburgs erst gut ein Jahr zuvor mit der Ausbildung begonnen. Und offensichtlich gehörte Harry Bartzsch zum besonders talentierten Nachwuchs im damaligen volkseigenen Schwermaschinenwerk. Denn sein Arbeitsplatz wurde sofort die Werkstatt der Kunstgießerei. Das war damals ungewöhnlich.

Die Guss-Teile für das Karl-Marx-Monument sind hier im Sandgussverfahren hergestellt worden. „Das ist handwerklich eine der einfachsten Arbeiten“, sagt der Gießer. Die Plattenarbeit, die zusammengeschweißt werden musste, sei freilich weit weniger anspruchsvoll als der Hohlguss der Plastik. Der Marx-„Nischl“ habe etwa eine Wandstärke von einem Zentimeter. Und in die Innenkonstruktion haben die Schlosser auch eine große Denkleistung stecken müssen. „Allein diesem gewaltigen Hohlguss statisch Halt zu geben, ist handwerklich auch eine große Herausforderung“, betont der versierte Former und Gießer.

In den „Nischl“ des deutschen Philosophen, Ökonomen, Gesellschaftstheoretikers, politischen Journalisten und des Protagonisten der Arbeiterbewegung zu schauen, ist im Rahmen eines Kunstprojektes mit dem Titel „Temporary Museum of Modern Marx“ im Jahr 2008 sogar möglich gewesen. Ohne den ursprünglichen Blick durch die ideologische Brille, dem Karl Marx als Wahrzeichen der Stadt Chemnitz zweifelsfrei zu verdanken ist.

Trotz der Kulisse für Massenveranstaltungen an DDR-Festtagen und Symbol des Sozialismus ist der „Nischl“ von Marx der Stadt Chemnitz bis heute erhalten geblieben. Der Abriss des Denkmals war allerdings, ebenso wie das Schicksal des ebenfalls in der Kunstgießerei Lauchhammer gefertigte Leipziger Karl-Marx-Denkmal an der Universität, auch heftig kontrovers diskutiert worden. Zahlreiche Städte aus aller Welt hatten Interesse am Kauf des Chemnitzer Monuments angemeldet, unter anderem auch Köln. Doch als „Stadt mit Köpfchen“ hat Chemnitz sich bis zum Jahr 2007 vermarktet – und sich dabei selbstbewusst auf das berühmte Monument bezogen.

Die gewaltige Bronzeplastik wird auf dem Erdball zwar noch vom Lenin-Kopf in Ulan-Ude, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Burjatien im südöstlichen Sibirien überragt. Und das um gut einen halben Meter. Aber auch für den Gießer Harry Bartzsch in Lauchhammer bleibt der „Nischl“ der größte Hohlkopf von ganz besonderem Format. Und der Handwerker hat in seinen mehr als 40 Jahren in der Kunstgießerei mit Karl Marx noch weit öfter intensiv Bekanntschaft gemacht. Als propagierter geistiger Vater des Kommunismus ist er hier oft in allen Größenordnungen beauftragt worden. Die Handwerkskunst bleibt, sagt der Gießer.