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| 18:24 Uhr

Gesundheit
„Am meisten habe ich mich wieder auf Kaffee gefreut“

Oberarzt Tilman Hinze erläutert, wie eine Endosonografie abläuft.
Oberarzt Tilman Hinze erläutert, wie eine Endosonografie abläuft. FOTO: Ragnhild Münch
Lübben . In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 28. besondere Fall kommt aus der Spreewaldklinik Lübben.

Wer Veronika B. begegnet, ist sofort von einem Leuchten umgeben. Es wirkt, als wolle die 53-Jährige die ganze Welt umarmen. „So fühle ich mich jetzt auch, nachdem ich wieder beginne zu leben. Während meiner Kur in Ahlbeck habe ich all meine Tränen im Meer versenkt“, bemerkt sie.

Fast zwei Jahre war ihr das Leuchten abhanden gekommen. Im März 2016 beginnen sie Schmerzen im Oberbauch zu plagen. Die Haus­ärztin veranlasst Laboruntersuchungen. Im Blut finden sich keine Entzündungswerte. Zu den Schmerzen gesellt sich nun noch Erbrechen. „Wenn ich unterwegs war, musste ich immer zusehen, dass in der Nähe eine Toilette war. Ich fühlte mich wie in der Frühschwangerschaft“, kann sie heute schon darüber lächeln.

Damals freilich ist ihr wenig danach zumute. Es folgt eine Reihe von Untersuchungen: Magen- und Darmspiegelung, Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT). Eine Ursache ihrer Beschwerden findet sich nicht. Und doch geht es ihr von Mal zu Mal schlechter. Veronika verliert an Gewicht. Mehr als zehn Kilo sind es schon, als sie zum wiederholten Male in der Notaufnahme landet. Die Laborwerte sind wieder unauffällig. Verdacht auf eine Magen-Darm-Infektion. Fehlanzeige. Noroviren sind nicht der Verursacher ihrer Beschwerden.

Es folgt eine Odyssee zwischen Rettungsstelle und Krankenhausbetten, in denen ihr Mittel gegen Übelkeit verabreicht werden und sie am Tropf aufgepäppelt wird, weil sie weiter an Gewicht verliert. Lange im Krankenhaus zu bleiben, ist ihre Sache nicht. Also ist sie froh, als die Mittel anschlagen und will schnell wieder in ihr Spreewalddorf zurückkehren.

Weil es aber nur kurzzeitig besser wird, kommt sie wegen immer wieder auftauchendem Brechreiz in die ambulante Sprechstunde von Diplommedizinerin Andrea Kühne, Chefärztin der Inneren Medizin für den Bereich Gastroenterologie in der Spreewaldklinik Lübben. Auch hier ergeben Magenspiegelung, Ultraschall und CT keine Ergebnisse. Die Fachärztin für Magen- und Darmkrankheiten hält nun Umgebungsuntersuchungen für erforderlich. Sie schlägt eine Endosonografie vor, eine Kombination von Endoskopie – Blick ins Innere – und Ultraschall.

„Die direkte Ankopplung der Ultraschallsonde, die sich an der Spitze des Endoskops befindet, erlaubt nicht nur eine detailgetreue Darstellung der Wand des Magen-Darm-Traktes, sondern auch der benachbarten Organe und Strukturen“, erklärt die aus Lübben stammende 55-jährige Medizinerin.

Seit 2011 ist die Untersuchung damit an der Spreewaldklinik Lübben möglich. Das sei vor allem Oberarzt Tilman Hinze zu verdanken, der sich in Berlin weiterbildete und den endoskopischen Ultraschall hier einführte. „Das ist schon etwas Besonderes, mussten dafür die Patienten vorher bis Berlin oder Cottbus fahren“, sagt der 43-jährige Facharzt für Magen-Darm-Erkrankungen. Er freut sich, dass das Haus gerade mit einem neuen Gerät ausgestattet wurde, das deutlich genauere und schnellere Ergebnisse liefere.

In Veronikas Fall wird das Endoskop, während sie in einen Tiefschlaf versetzt ist, durch den Mund eingeführt, was Stellen sichtbar macht, die vorher verborgen geblieben waren. Darmschlingen, Darmwandverdickungen, geschwollene Lymphknoten . . . Dann ein verdächtiges Gewächs am Dünndarm. Eine gezielte Punktion und feingewebliche Untersuchungen ergaben: Es handelte sich um ein ausgewachsenes Dünndarmkarzinom. „Schon gutartige Tumore im Dünndarm sind extrem selten. Bösartige aber kommen noch viel seltener vor. Statistisch gesehen ist bei 100 000 Einwohnern nur ein Mensch betroffen. Und dieser ist mindestens 70 Jahre alt“, weiß die Chefärztin, die seit 1991 in der Spreewaldklinik arbeitet.

Und doch hat es Veronika B. erwischt, die kaum über 50 ist. Die Ursachen sind weitgehend ungeklärt. Das Tückische ist: Erst im fortgeschrittenen Stadium verursachen Dünndarmtumore Beschwerden. „Wird er aber zu spät erkannt, drohen Darmverschluss oder Metastasen, was lebensgefährlich ist. Der Tumor hätte einwachsen, die Nachbarorgane befallen können“, macht die Medizinerin klar.

Veronika B. ist das erspart geblieben. Während einer Operation wird das Karzinom vollständig entfernt. Zugleich muss eine künstliche Verdauungsumleitung im Inneren gelegt werden. „Mein Körper konnte sich damit nicht anfreunden. Ich litt weiter unter schlimmer Übelkeit, musste zwischendurch wieder künstlich ernährt werden. Es kam zu Entzündungen“, erinnert sie sich an die Zeit, bis in einer weiteren Operation die Innenumleitung an der Nahtstelle wieder gelöst werden konnte. Dazu gab es eine gute Nachricht: Der Krebs war nicht zurückgekehrt. Weder Chemotherapie noch Bestrahlung musste sie durchstehen.

Das ist nun alles fast zwei Jahre her. „Damals dachte ich wirklich, das überlebe ich nicht. Aber es geht doch“, sagt Veronika und wieder tritt dieses Leuchten in ihr Gesicht, weil sie den Ärzten so dankbar ist und sich auch daran erinnert, wie Familie und Freunde in den vergangenen Monaten dafür sorgten, dass sie wieder Spaß am Essen bekam.

Sie muss jetzt kleine Mahlzeiten über den Tag verteilen, probiert aus, was sie verträgt. Nach einem dreiviertel Jahr nur Tee sagt sie: „Ich habe mich am meisten wieder auf eine Tasse Kaffee gefreut.“ Weihnachten war sie zum ersten Mal wieder zum Brunch. „Das war einfach köstlich, konnte ich doch noch ein Jahr zuvor gar nichts so recht genießen.“

Noch hat sie ihr altes Gewicht nicht wieder erreicht. „Damals war ich froh, etwas zuzusetzen zu haben. Aber wenn ich mit ein paar Kilos weniger gesund bleibe, muss ich nicht unbedingt in die alte Kleidergröße passen“, lacht sie. Schließlich hat die Schneiderin so einen Grund, sich wieder einmal an die Nähmaschine zu setzen.

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
FOTO: Ragnhild Münch