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| 14:18 Uhr

Der besondere Fall
Letzte Rettung für das schwache Herz

Teamwork: Dr. Volker Herwig, Oberarzt Herzchirurgie, Dr. Kristin Rochor, Leitende Oberärztin Kardiologie, und Kardiologin Dr. Marlitt Raschick.(v.l.)
Teamwork: Dr. Volker Herwig, Oberarzt Herzchirurgie, Dr. Kristin Rochor, Leitende Oberärztin Kardiologie, und Kardiologin Dr. Marlitt Raschick.(v.l.) FOTO: Daniela Kühn
Cottbus. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 29. besondere Fall kommt aus dem Sana-Herzzentrum. Von Daniela Kühn

Dem Team vom Sana-Herzzentrum Cottbus verdankt Cordula M.* ihr Leben – da ist sich die 65-Jährige sicher. Ihre Ärztin, Dr. Kristin Rochor, bestätigt: „Der Gesundheitszustand von Cordula M. war sehr kritisch. Wir mussten unverzüglich handeln und haben uns für ein Vorgehen entschieden, welches wir in dieser Konstellation mit Kombination verschiedener Behandlungsmethoden zum ersten Mal durchgeführt haben.“

Kaum zehn Tage ist es her, dass die Leitende Oberärztin der Kardiologie und ihr Team Cordula M. interventionell behandelt haben. Per Hubschrauber kam die Eberswalderin auf die Intensivstation der Cottbuser Spezialklinik, da sich ihr Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert hatte und ihr Heimatkrankenhaus um dringliche Übernahme bat. „Wir wussten, dass die Patientin an einer chronischen Herzschwäche leidet und durch eine zusätzliche Herzklappenfunktionsstörung und akute Herzrythmusstörungen stark gefährdet war, an einem Herz-Kreislaufversagen zu sterben. Ziel war, ihr mit einer MitraClip-Implantation zu helfen.“

Diese Therapie wird bei schweren Formen der Mitralklappeninsuffizienz, einer Undichtigkeit der Mitralklappe, angewandt, wenn eine Herzoperation mit vorübergehendem Anschluss an eine Herz-Lungen-Maschine für Patienten aus verschiedenen Gründen zu riskant ist. Bei der 65-Jährigen war dies der Fall. Im Jahr 2004 wurde bei ihr eine Herzschwäche infolge einer Verengung der linken Herzkranzarterie diagnostiziert. Cordula M. bekam erst einen, später mehrere Stents, einen Herzschrittmacher und einen Defibrillator eingesetzt. Damit konnte sie mehrere Jahre gut leben, wenn auch auf einem niedrigen Leistungsniveau. Doch ihr Herz wurde immer schwächer. „Ende letzten Jahres bekam ich kaum noch Luft und war komplett erschöpft“, erinnert sich die zweifache Oma. Untersuchungen in ihrer Heimatklinik ergaben, dass die Pumpkraft ihres Herzens weiter abgenommen hatte. Hinzu kamen eine schwere Undichtigkeit der Mitralklappe und anfallsweises Vorhofflimmern, wodurch das Herz noch zusätzlich geschwächt wurde.

Dr. Kristin Rochor erklärt: „Durch verschiedene Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Herzmuskelentzündungen kann sich eine Herzschwäche entwickeln, in deren Folge sich die linke Herzkammer erweitert und die Mitralklappe, die einen Rückfluss des Blutes aus der linken Hauptkammer in den Vorhof verhindern soll, auseinander gezogen wird. Mit jedem Herzschlag fließt ein Teil des Blutes durch die undichte Klappe in die falsche Richtung zurück in die linke Vorkammer und führt zu einem Rückstau in die Lungen.“

Bei der MitraClip-Methode werden die Segel der Mitralklappe an der undichten Stelle mit Clips aneinande rgeheftet. Die Clipimplantation erfolgt kathetergestützt unter 3D-echokardiografischer und röntgenologischer Kontrolle. Durch die Abdichtung der Mitralklappe wird der unnötige Pendelfluss gestoppt, der das geschwächte Herz noch zusätzlich belastet hat. Atemnot und Wassereinlagerungen werden spürbar geringer.

Im Februar 2013 implantierte Dr. Kristin Rochor zum ersten Mal einen MitraClip am Sana-Herzzentrum Cottbus. Bis heute hat sie mit ihrem eingespielten Team fast 270 dieser minimalinvasiven Operationen durchgeführt.

„Den Eingriff hatten wir auch für die Patientin aus Eberswalde vorgesehen. Allerdings verschlechterte sich ihr Zustand noch in der Nacht so stark, dass nicht nur der Eingriff, sondern auch ihr Leben auf dem Spiel stand.“ Die Pump­leistung des Herzens von Cordula M. lag nur noch bei 15 Prozent – normal sind bei einem gesunden Menschen mehr als 55 Prozent. Zusätzlich trat Vorhofflimmern auf, wobei ihr Herz auf 160 Schläge pro Minute hoch schnellte, was der Frequenz eines Sportlers bei einem Sprint nahe kommt. „Durch die Belastung wurde ihr Herz immer schwächer, die Pumpleistung sank auf zehn Prozent. Trotz Unterbrechung der  Rhythmusstörung mit einer elektrischen Kardioversion entwickelte sie schwerste Atemnot. Es kam zum kardiogenen Schock. Wir mussten schnell reagieren.“

So entschloss sich Dr. Kristin Rochor, der Patientin gegen Mitternacht eine Impella zu implantieren. So der Name der kleinsten Herzpumpe der Welt, die lebensrettend sein kann, wenn das Herz plötzlich nicht mehr ausreichend Kraft hat zu schlagen. Das Impella-System, das mithilfe einer wenige Millimeter großen Microaxialpumpe bis 3,5 Liter Blut pro Minute in der linken Herzkammer ansaugt und in die Aorta weiterleitet, wird über die Leistenarterie in das Herz eingeführt.

„Entwickelt wurde diese Pumpe für Patienten mit schweren Herzinfarkten und Kreislaufversagen. Bei Cordula M. haben wir die Pumpe erstmals bei schwerer Mitralinsuffizienz zur akuten Entlastung der völlig überfüllten linken Herzkammer eingesetzt.“ Es funktionierte… „Die lebensbedrohliche Schockspirale, in die die Patientin geraten war, wurde unterbrochen. Sie stabilisierte sich. Am Morgen des darauf folgenden Tages dichteten wir ihre Mitralklappe durch Implantation von zwei MitraClips ab und konnten am Ende der Prozedur sogar schon wieder die Impella-Pumpe entfernen.“ Gerade mal eine Stunde dauerte der Eingriff. „Wir sind ein eingespieltes und erfahrenes Team. Jeder weiß genau, was er zu tun hat. Das meint nicht nur uns Ärzte, sondern auch unsere Schwestern und Kardiotechniker.“

Schon am nächsten Tag ging es für Cordula M. wieder auf die Normalstation, und eine Woche nach der lebensrettenden Aktion konnte sie wieder in ihr Heimatkrankenhaus verlegt werden, wo auch noch ihre Herzrhythmusstörungen behandelt werden, damit sie ihre Kur antreten kann. „Wenn das Herzzentrum nicht gewesen wäre, würde ich nicht mehr leben. Das will ich aber. Ich möchte meine Enkelkinder aufwachsen sehen. Mein Partner und meine Familie geben mir Kraft, und ich bin sehr dankbar für diese zweite Chance“, sagt sie. Dass sich die Patientin nach den initial dramatischen Umständen so rasch erholt hat, freut insbesondere auch das Team um die Leitende Oberärztin der Kardiologie. „Wir waren glücklich zu sehen, dass wir mit unserer Behandlungsstrategie Erfolg hatten.“ ⇥*Name geändert

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Dr. Kristin Rochor. Foto: Sana-Herzzentrum
Dr. Kristin Rochor. Foto: Sana-Herzzentrum FOTO: Sana / Sana-Herzzentrum