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| 08:29 Uhr

"Kunst & Kohle" im Ruhrgebiet
Alles Jute!

Essen. 17 Museen in 13 Städten des Ruhrgebiets zeigen bis September die Mammut-Schau "Kunst & Kohle". Ein Museum wird sogar fast vollständig verpackt. Max Florian Kühlem

17 Museen in 13 Städten des Ruhrgebiets zeigen bis September die Mammut-Schau "Kunst & Kohle". Ein Museum wird sogar fast vollständig verpackt.

Auf insgesamt 45.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche kommen die 20 Museen im Ruhrgebiet, die sich vor zehn Jahren zum Verbund Ruhrkunstmuseen zusammengeschlossen haben. 20.000 Quadratmeter davon werden ab sofort von einem erstaunlichen und in dieser Dimension noch nicht da gewesenen Gemeinschaftsprojekt gefüllt: "Kunst & Kohle". 17 Museen in 13 Städten zeigen besondere Ausstellungen, die auf das beherrschende Thema des Ruhrgebiets reagieren: das Ende der Steinkohleförderung im Dezember. "Die neue Identität des Ruhrgebiets als Kunst- und Kulturgebiet ist bisher noch eine Behauptung, die wir versuchen wahr zu machen", sagt der Organisator des Großprojekts, Ferdinand Ullrich. Die Höhepunkte der Schau:

Documenta-Star Einer der großen Stars der Documenta 14 war der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama, der in Kassel Torbögen mit Jutesäcken verhängte und damit ein politisches Kunstwerk zum globalisierten Warenhandel schuf. Die Jutesäcke werden in Asien produziert und in Afrika als Transportmittel benutzt. Die letzte Station im Leben dieser einfachen Last-Säcke ist der Kohletransport in Regionen, wo anders als im Ruhrgebiet keine hohen Standards bei der Arbeitssicherung herrschen. Dass die vom Kohletransport grauen Säcke nun als Installation "Coal Market" die Fassade des Schlosses Strünkede in Herne verhängen, hat direkt mit der Geschichte des Ortes zu tun: Ab 1900 gehörte das Schloss der Harpener Bergbau AG und repräsentiert ein Stück Bergbau-Geschichte der Region, wo ab Ende des Jahres zwar keine Steinkohle mehr abgebaut wird, aber weiter Kohlekraftwerke befeuert werden mit Kohle aus Ländern, in denen die Produktion billiger ist.

Gegen das Vergessen Die Fotografen Bernd und Hilla Becher setzten mit ihrer Arbeit ein Zeichen gegen das Vergessen und bewahrten mit ihren nüchternen und sachlichen, dokumentarischen Fotografien ein Bild, dass das Ruhrgebiet 250 Jahre lange bestimmt hat: das der Landschaft aus Zechen, Fördertürmen, Hochöfen und Gasometern. Den systematischen Fotoserien der Bechers ist zu verdanken, dass der Wert der Industriearchitektur erkannt wurde und viele Gebäude heute als Denkmal oder Kulturstätte weiter bestehen bleiben. Ausgestellt werden ihre Arbeiten in der Schau "Bergwerke" im Josef-Albers-Museum Bottrop, das auch architektonisch eine Reise wert ist.

Schwarz Zwei sehenswerte Ausstellungen in Bochum widmen sich der Farbe der Kohle. Die teilweise spektakulären Skulpturen und Installationen des ortsspezifisch arbeitenden Künstlers Andreas Golinski im Kunstmuseum Bochum stellen eine Rückschau auf das Kohlezeitalter aus einer fiktiven Zukunft dar. Sie bebildern den Gedanken einer schillernden Unterwelt aus Schächten, die im Ruhrgebiet ja tatsächlich vorhanden ist, und treten unter anderem in einen Dialog mit den antiken Architekturfantasien Giovanni Battista Piranesis oder Malewitschs schwarzen Quadraten. Die Ausstellung "Schwarz" im Bochumer Museum unter Tage stellt Künstler der Postminimal Art und der Konkreten Kunst der 60er-Jahre wie Richard Serra und Bruce Nauman zeitgenössischen Künstlerinnen wie Susanne Weirich gegenüber, die in einer 18-teiligen Videoarbeit Youtube-Schnipsel von heutigen Jugendlichen zeigt, die sich der schmerzhaften Prozedur einer Kohle-Gesichtsmaske unterziehen.

Material und Lebenswelt Das Museum DKM in Duisburg versammelt ihm langjährig verbundene Künstler wie Götz Diergarten, Sven Drühl, Bogomir Ecker oder Barbara Köhler, die sich Aspekten der Lebens- und Arbeitswelt von Bergleuten widmen. In den installativen, fotografischen oder skulpturalen Werken geht es nicht nur um die Arbeit unter Tage, sondern auch die Wohn- und Lebensumstände, Glaube und Religion oder die Sprache. Das Duisburger Museum Küppersmühle stellt hingegen die Materialien Eisen und Kohle in den Vordergrund, mit denen Jannis Kounellis bevorzugt gearbeitet hat. Neben seinen Arbeiten sind Werke und Werkräume von Ayse Erkmen, Anselm Kiefer oder Timm Ulrichs zu sehen, die eine Hommage an Kounellis darstellen.

Rahmenprogramm Spannende Veranstaltungen bietet "Kunst & Kohle" auch im Rahmenprogramm. Ein eigens für die Mammut-Schau konzipiertes Figurentheater-Stück bringt die Cie. Freaks & Fremde aus Dresden mit: "Carbon - Eine kleine Weltreise der Kohle" ist unter anderem am 12. August, 15 Uhr, im Lehmbruck-Museum Duisburg und am 31. August, 18 Uhr, in Bottrop zu sehen. Spektakulär ist außerdem das Abbauhammerkonzert des Soundkünstlers Christoph Schlägers, das man am 21. Juni, 19 Uhr, am Lehmbruck-Museum erleben kann.