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| 19:02 Uhr

Aktuelle Studie
Patienten verstehen oft nur Bahnhof

 Eine aktuelle Studie zeigt: Viele Ärzte glauben, dass Patienten die medizinischen Fachbegriffe verstehen. Eine Befragung zeigt aber, dass das eher seltener der Fall ist.
Eine aktuelle Studie zeigt: Viele Ärzte glauben, dass Patienten die medizinischen Fachbegriffe verstehen. Eine Befragung zeigt aber, dass das eher seltener der Fall ist. FOTO: Alexander Raths/shutterstock.com
Berlin. Laut einer neuen Studie gehen Ärzte meist davon aus, dass ihre Patienten medizinische Fachbegriffe verstehen. Genau das tun viele aber nicht.

„Leiden Sie unter Angina Pectoris?“ Der Patient nickt. Für den Arzt ist damit klar – er ordnet ein EKG an. Der Patient aber meinte seine Mandelentzündung, die gern als Angina bezeichnet wird, und nicht anfallartige Schmerzen in der Brust, die auf schwere Durchblutungsstörungen im Herzmuskel schließen lassen.

Nach Angina Pectoris und 42 anderen häufig verwendeten medizinischen Fachbegriffen haben Mediziner des Münchener Klinikums Bogenhausen knapp 200 Patienten gefragt. Wobei im Fall Angina Pectoris ein Drittel gar keine Vorstellung davon hatte, was gemeint sein könnte. Ein weiteres Drittel glaubte dies zu wissen, lag dann aber inhaltlich daneben. Nur jeder Dritte wusste tatsächlich Bescheid.

Aber längst nicht nur an lateinischen Fachbegriffen scheiterten die Befragten. Auch unter Darmspiegelung oder Sodbrennen konnten sich längst nicht alle etwas vorstellen. Daraus lässt sich schließen: Mediziner und Patienten verstehen sich oft nicht. Ärzte schätzten die Kenntnisse ihrer Patienten häufig besser ein als sie seien, so Studienleiter Felix Gundling. Ein eigentlich hoher Bekanntheitsgrad bestimmter Fachbegriffe könne Ärzte dazu verleiten, das Verständnis stillschweigend voraus zu setzen. „Ärzte sollten daher durch aktives Nachfragen das Verständnis beim Patienten sicherstellen.“

Aneinander vorbeireden kann nicht nur zu falschen Diagnosen und falschen Behandlungen führen. Schlecht informierte Patienten halten sich häufig nicht an eine richtige Behandlung. Eine Auswertung von mehr als 100 Studien ergab, dass sich Patienten mehr als doppelt so häufig an den Rat des Arztes halten, wenn dieser die Therapie und deren Ziele verständlich kommuniziert. Professor Annegret Hannawa von der Uni Lugano (Schweiz), die zur Gesundheits-Kommunikation forscht, hat nach Auswertung von Studien aus aller Welt errechnet: „Alle zwei bis sechs Sekunden erfährt ein Patient aufgrund unsicherer Kommunikation vermeidbaren Schaden.“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung beteuert, dass man das sehr wohl im Blick habe. Die Arzt-Patienten-Kommunikation sei ein wichtiges Thema in den Qualitätszirkeln. Rund 60 000 ambulant tätige Ärzte und Psychotherapeuten nutzen diese Zirkel jedes Jahr, um sich im Austausch mit Kollegen fortzubilden und die beruflichen Kompetenzen weiterzuentwickeln. Dabei gehe es auch um Kommunikationsmethoden und -techniken.

Die Arzt-Patient-Kommunikation zu verbessern, hat sich auch die gemeinnützige Dresdner Firma „Was hab‘ ich?“ auf die Fahnen geschrieben. Ehrenamtlich und kostenlos übersetzen Medizinstudenten Arztbriefe und Befunde, die man über das Internetportal hochladen kann, in eine für Patienten verständliche Sprache. Mehr als 39 000 Befunde wurden seit 2011 übersetzt. So werden die künftigen Ärzte auch gleich geschult, wie man mit Patienten reden sollte. „Und werden das hoffentlich ihr ganzes Berufsleben beherzigen“, sagt Pressesprecherin Beatrice Brülke. Der Ansturm der Patienten auf die Seite ist groß – zu groß.

Wer das Angebot nutzen will, kommt auf eine Warteliste. Der Aufwand pro Text beträgt fünf Stunden. Weshalb man an einer Automatisierung arbeitet. Per Software sollen Angaben zu Gesundheitszustand, Therapien und nötigen Medikamenten zu einem verständlichen Text werden. Der Test einer solchen Software startet in wenigen Tagen im Dresdner Herzzentrum. Die Hoffnung ist, sagt Beatrice Brülke, dass das später einmal „in jeder Klinik, in jeder Praxis funktioniert“.

Bisher kann einer Studie zufolge die Hälfte der Bevölkerung Gesundheitsinformationen nicht wirklich verstehen und bewerten. Ein Nationales Gesundheitsportal im Internet soll helfen und zum zentralen deutschen Internetangebot für Informationen rund um Fragen zur Gesundheit werden – und damit „Dr. Google“ Konkurrenz machen. Dort suchen bisher 80 Prozent nach Rat.

Leider aber ist das vom Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen im Herbst 2018 vorgelegte Konzept im Bundesgesundheitsministerium offenbar auf wenig Gegenliebe gestoßen. „Das Konzept und der zeitliche Fahrplan“ würden aktuell im Ministerium abgestimmt, heißt es nebulös aus der Pressestelle. Bis dahin muss man wohl ganz alt hergebracht selbst googeln, was Angina Pectoris ist. Oder einfach mal beim Arzt nachfragen.

Sprechen Ärzte wirklich zu viel Fach-Chinesisch? Die Lausitzer Rundschau möchte Ihre Meinung und Ihre Erfahrungen zum Thema wissen. Schreiben Sie uns an leserbriefe@lr-online.de

 Eine aktuelle Studie zeigt: Viele Ärzte glauben, dass Patienten die medizinischen Fachbegriffe verstehen. Eine Befragung zeigt aber, dass das eher seltener der Fall ist.
Eine aktuelle Studie zeigt: Viele Ärzte glauben, dass Patienten die medizinischen Fachbegriffe verstehen. Eine Befragung zeigt aber, dass das eher seltener der Fall ist. FOTO: Alexander Raths/shutterstock.com