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| 07:43 Uhr

Düsseldorf
1968 - Vorfrühling der Frauenbewegung

Düsseldorf. Für Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wurde im Diskurs der Studenten die Machtfrage unter den Geschlechtern ausgeklammert. Lothar Schröder

Für Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wurde im Diskurs der Studenten die Machtfrage unter den Geschlechtern ausgeklammert.

Auch diese Revolte scheint zum aufgeregten Jahr 1968 zu gehören: die sogenannte Sexuelle Revolution, was immer man darunter zu verstehen hoffte. Jedenfalls klingt es brisant, aufregend, vielleicht auch verboten; und mit Nacktfotos aus der nicht minder sagenumwobenen Kommune 1 gab es auch passendes und bis heute medienwirksames Belegmaterial. Inzwischen aber mehren sich die Zweifel, welche Bedeutung die sexuelle Befreiung tatsächlich hatte.

Nach den Worten von Alice Schwarzer sei zwar viel davon geredet worden. "Aber wenn es zur Sache ging, waren eigentlich alle noch ziemlich verklemmt. Und: Das Ganze galt nur für die Männer. Wir kennen ja noch den berüchtigten Slogan: ,Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.' Vor 68 gehörten die Frauen einem Mann - dann sollten sie allen zur Verfügung stehen. Das konnte natürlich nicht gut gehen. Die wahre sexuelle Befreiung der Frauen fing dann erst 1971 an, mit der beginnenden Frauenbewegung. Da stellten die Frauen sich dann erstmals auch die Frage nach ihrer eigenen Lust", sagte Schwarzer unserer Redaktion.

Für die in London lehrende Historikerin Christina von Hodenberg entsprach die sexuelle Revolution kaum der damaligen Lebenswirklichkeit vieler junger Menschen und gehört somit eher ins Reich spektakulärer Fabeln. Vielmehr ging es um eine Liberalisierung - also vielen um die Enttabuisierung etwa des vorehelichen Geschlechtsverkehrs, den freien Zugang zu Verhütungsmitteln, auch um den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit und grundsätzlich um das Ende männlicher Vorherrschaft. Wer begreifen will, welcher Geist 1968 noch herrschte, muss sich in Erinnerung rufen, dass nach dem sogenannten Kuppelei-Paragraphen Eltern und Vermieter mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus bestraft werden konnten, wenn sie Unverheiratete gemeinsam übernachten ließen.

Für Alice Schwarzer - die das Jahr der Studentenrevolte in Düsseldorf als Volontärin der "Düsseldorfer Nachrichten" erlebte und einmal bei einer Demo gegen die Notstandsgesetze teilnahm - war der entscheidende Schwachpunkt des 68er Diskurses über die sexuelle Befreiung die Ausklammerung der Machtfrage. "Gegenseitige Lust kann es natürlich nur unter Gleichen geben. Aber weder waren Männer und Frauen gleich, noch Erwachsene und Kinder. Doch das wollten viele 68er nicht wahrhaben. So konnte es zu der skandalösen Entwicklung kommen, dass man im Namen der ,sexuellen Freiheit' auch die Sexualität mit Kindern propagierte. Dabei haben allerdings viele mitgemacht, nicht nur Linke, auch Liberale. Und die SPD wollte 1977 tatsächlich den Pädophilen-Paragraphen ganz streichen - das hat dann tatsächlich die tapfere ,Emma' verhindert, indem sie nachdenkliche Linke, Liberale und Konservative mobilisiert hat."

Die Zeit war reif für die Gesellschaft, auch in der Sexualität einen neuen Umgang, eine neue Moral zu finden. Schon Mitte der 1950er Jahre war der Kinsey-Report erschienen, der neue und überraschende Aufschlüsse über das tatsächliche Sexualverhalten von Mann und Frau gab. Ein Standardwerk, das sich auf die Befragung von 200.000 Amerikanern berufen konnte. Später wird man sagen, dass der Forscher Alfred Charles Kinsey für das Verständnis unserer Sexualität das geleistet habe, was Kolumbus für die Geographie tat.

In Deutschland war es dann unter anderem der Journalist und Filmemacher Oswalt Kolle, der sexuelle Aufklärung popularisierte und den Menschen auch dazu verhelfen wollte, neu und unverkrampft über Sexualität sprechen zu können. Natürlich polarisierte das die Nachkriegsgesellschaft. Von einem Sexwahn, der durch die zivilisierten Länder ziehe, redete der Erzbischof von München, Julius Kardinal Döpfner.

Der größte Beitrag, den das Jahr 1968 für die Beziehung der Geschlechter leistete, war jener für die Frauenemanzipation. Schon in der Zeit der Studentenrevolte wurde der Büstenhalter zu einem Symbol patriarchalischer Strukturen und Unterdrückung. So eigenartig die Aktionen heute auch erscheinen mögen, so bedeutsam waren sie in ihrer Verweiskraft vor 50 Jahren: der öffentliche Protest gegen und das Verbrennen von BHs.

Nicht alles, was im Zuge einer ersten Mobilisierung ins Leben gerufen wurde, hatte Bestand. Viele der schnell gegründeten sogenannten Frauen- und Weiberräte waren nicht von langer Dauer. Doch festere Strukturen wuchsen nach wie Frauenzentren, Notruf-Telefone für Frauen, später kamen erste Frauenhäuser dazu.

1968 konnte noch nicht zur Geburtsstunde der Emanzipation werden. Aber die Zeit der Studentenrevolte war nach den Worten von Alice Schwarzer, Deutschlands bekanntester wie einflussreichster Frauenrechtlerin, "eine Art Vorfrühling der Frauenbewegung. Manche Genossinnen waren die Bevormundung und Ignoranz der eigenen Genossen leid. Sie wollten zwar noch den letzten bolivianischen Bauern befreien, aber nicht ihre eigenen Frauen und Freundinnen. Die hatten für sie Flugblätter zu tippen, Kaffee zu kochen und die Beine breit zu machen. Dagegen flog dann die berüchtigte Tomate an den Kopf des Genossen Krahl und eine Genossin sagte cool ins Mikrofon: ,Genossen, ihr seid unerträglich.' Drei Jahre später flog dann auch der Zündfunken in Deutschland: die Selbstbezichtigung im Stern von 374 Frauen: ,Wir haben abgetrieben und fordern das Recht für jede Frau dazu' wurde zum Auslöser der Frauenbewegung."

Aus heutiger Betrachtung gehört die Frauenemanzipation, die 1968 ihren noch zaghaften Anfang nahm, zu dem, was von der Revolte der Studenten bis heute seine nachhaltigste Wirkung zeigt.