ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:44 Uhr

Zwischen Digitalisierung und Tarifflucht auf der Rollensuche
Wie schlagkräftig sind Lausitzer Gewerkschaften?

 Starke Gewerkschaft: Metaller können ab diesem Jahr wählen - mehr Freizeit oder mehr Geld.
Starke Gewerkschaft: Metaller können ab diesem Jahr wählen - mehr Freizeit oder mehr Geld. FOTO: dpa / Markus Scholz
Cottbus. Digitalisierung, Globalisierung einerseits, Tarifflucht, prekäre und befristete Beschäftigung andererseits – die sich verändernde Arbeitswelt lässt die einst beschworene Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaftern wanken. Haben Arbeitnehmervertreter noch die Schlagkraft aufzupassen, dass bei dem Wandel keiner unter die Räder kommt? Von Sybille von Danckelman

Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos: Sobald es konkret um Tarifverhandlungen oder Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit geht, wächst die Aufmerksamkeit für Gewerkschaften.

Das kann die IG Metall bestätigen. Sie hat im vorigen Jahr bundesweit zwei bemerkenswerte Forderungen durchgesetzt: bis zu zwei Jahre verkürzte Vollzeit in der Metall- und Elektrobranche sowie Freizeit statt Lohnerhöhung für Schichtarbeiter. Mehr als 25 000 Mitarbeiter aus rund 100 Betrieben in Berlin, Brandenburg und Sachsen wollen das in Anspruch nehmen. Rund die Hälfte der Betriebe hat Mitte Januar bestätigt, dass die Anträge zu 90 Prozent umgesetzt wurden. Das zeige, dass die IG mit ihren Themen Arbeitszeit, Tarifbindung, gute Mitbestimmung und die Stärkung der Interessenvertretungen in den Betrieben bei den Menschen ankommen, sagt Olivier Höbel, IG-Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen. Rund 8100 neue Mitglieder seien im Vorjahr aufgenommen worden, darunter viele Angestellte und dual Studierende. Höbel freut es besonders, dass der Bezirk mit 101 529 betrieblichen Mitgliedern erneut einen Höchststand verzeichnet. Insgesamt sind es aktuell 152 000 Mitglieder.

Abwanderung aus Hotel und Gastronomie

Solch eine positive Entwicklung kann Sebastian Riesner, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Berlin Brandenburg, nicht aufweisen. Seit zwei Jahren seien die Mitgliederzahlen rückläufig, wenn auch nur jeweils um vier Prozent. Das Problem sei branchenspezifisch: Zum einen vertrete man nur Kleinst- und Mittelbetriebe, bei 250 Beschäftigten spreche er schon von einem großen Unternehmen. Zum andern zahle kaum jemand Tarif. Von den boomenden Tourismuszahlen würden Mitarbeiter in Hotellerie und Gastronomie nichts haben. Und bei der guten Arbeitsmarktlage würden sie eben abwandern, der Einzelhandel zahle deutlich mehr, berichtet Riesner. Die NGG-Region Berlin Brandenburg hat laut Geschäftsführer aktuell 13 000 Mitglieder.

Auch bei Verdi - neben IG Metall die zweite große Einzelgewerkschaft – kennt man die Schwierigkeiten in der strukturschwachen Mark: 160 000 Mitglieder zählt die Dienstleistungsgewerkschaft in Berlin und Brandenburg. Brandenburg sei ein deutlich schwierigeres Pflaster. In Berlin habe man die BVG, in Brandenburg viele kleine Betriebe, immer weniger Ausbildung, junge Menschen, die weggehen oder sich nicht richtig angesprochen fühlen, nennt Verdi-Sprecher Andreas Splanemann Gründe. Im Bezirk Cottbus hielten sich unterm Strich Zu- und Abgänge übers Jahr gesehen die Waage: so zwischen 600 und 800 Mitglieder, sagt Bezirks-Geschäftsführerin Heike Plechte. Sie und ihre Kollegen haben aber auch festgestellt, dass es dort, wo es keine Bundestarife, etwa bei den Kliniken in Brandenburg, oder wo viele Konflikte und Bewegung sind, etwa im Handel, Verdi stark und gefragt sei. Vor Tarifrunden würden erfahrungsgemäß Leute der Gewerkschaft beitreten, ein Teil trete danach auch genauso schnell wieder aus, ein Teil bleibe.

Digitalisierung wichtiges Thema

Die IG Bergbau Chemie und Energie (BCE) hat mit dem Kohle-Ausstieg das große Lausitzer Aufreger-Thema auf dem Tisch. Aber neue Mitglieder bringe das eher nicht, sagt die Cottbuser Bezirksleiterin Ute Liebsch. Der Grund ist die ohnehin hohe Gewerkschaftsbindung bei den Leag-Mitarbeitern. 82 Prozent, das sei „super“ und biete kaum noch „Luft nach oben“, sagt Ute Liebsch. In anderen Betrieben liege man bei 30 bis 40 Prozent. Aktuell zählt die Gewerkschaft 15 616 Mitglieder im Bezirk Cottbus. Im Vorjahr sind 549 neue hinzu gekommen, 535 habe man verloren. Der demografische Wandel sei zu spüren, sagt Liebsch. Hinzu komme die Digitalisierung. Die mache „uns aber nicht überflüssig“, im Gegenteil, man beschäftige sich mit den Folgen wie entgrenzte Arbeit schon länger, sagt Bezirksleiterin Liebsch. Denn auch wenn Arbeitnehmer alle mit einem Laptop hantieren oder von zu Hause arbeiten, seien beispielsweise Arbeits- und Gesundheitsschutz, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und neue Arbeitszeitmodelle wichtig und müssten durchgesetzt werden.