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"Zwei Herzen in meiner Brust"

Fürchtet um die Zukunft des Handwerks: Bäckermeister Roland Ermer.
Fürchtet um die Zukunft des Handwerks: Bäckermeister Roland Ermer. FOTO: dpa
Dresden. Der Mindestlohn treibt Handwerkern die Sorgenfalten auf die Stirn: Die Kosten lassen sich nicht immer leicht erwirtschaften – gerade im Osten. 100 Tage nach der Einführung bekommen das auch die Kunden zu spüren. Christiane Raatz

Teig kneten, Brötchen und Brot backen - das ist eigentlich das Geschäft von Roland Ermer. Und seine Leidenschaft. "Ich stehe gern am Backofen und beobachte, wie aus dem farblosen Teig ein tolles Produkt wird." Da macht es ihm nichts aus, mitten in der Nacht aufzustehen und sich an den heißen Ofen zu stellen.

Doch dafür bleibt dem Bäckermeister, der nebenher noch Präsident des Sächsischen Handwerkstages ist, im Moment kaum Zeit. Ihn treibt vor allem ein Thema um: der Mindestlohn. Seit 100 Tagen muss der gesetzliche Stundenlohn von 8,50 Euro pro Stunde gezahlt werden.

Seinem Ärger darüber hat Ermer schon in der Talkshow von Günther Jauch Luft gemacht. Und damit für viele seiner Zunft gesprochen. Das dicke Ende - etwa der Abbau von Arbeitsplätzen - werde erst noch kommen, ist der Bäckermeister überzeugt. "Viele Handwerksbetriebe sind erschrocken, als sie in diesem Jahr die ersten Monatsabrechnungen gesehen haben."

Die Auswirkungen bekommen die Kunden beim Einkauf zu spüren. Vielerorts müssen sie für Brot und Brötchen tiefer in die Tasche greifen. Laut Statistischem Bundesamt sind die Preise für Brot und Getreideerzeugnisse im Januar um 1,6 Prozent und im Februar um 1,5 Prozent im Vergleich zu den Vorjahresmonaten gestiegen.

Einen Teil der gestiegenen Lohnkosten weiterzugeben, sei die einzige Chance, die Handwerksbetriebe zu erhalten. "Ich kenne niemanden, der seinen Leuten die 8,50 Euro nicht gönnt. Aber es muss eben auch erwirtschaftet werden", sagt Ermer - und hat dabei längst nicht nur die Bäckereien im Blick.

Immer mehr Handwerksbetriebe müssten mit Billigprodukten aus dem Discounter konkurrieren, etwa Gärtnereien. "Wer kauft dort noch eine Primel, wenn er es im Super- oder Baumarkt billiger haben kann." Auch Bäckereien und Konditoreien hätten gegen die Teiglinge, die aus Polen, Tschechien oder Ungarn kommen und im Discounter aufgebacken werden, kaum eine Chance mit ihren Preisen.

"Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust", sagt Ermer. Es sei schön, wenn die Arbeitnehmer mehr verdienten. Auf der anderen Seite fürchte er ein rasches Bäckereisterben, vor allem in strukturschwachen Gebieten. Bereits in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Bäckereibetriebe in Sachsen zurückgegangen: Gab es im Jahr 2000 noch rund 1500 Betriebe, waren es Ende 2014 nur etwas mehr als 1100.

Amin Werner, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, sieht vor allem den Osten und die ländlichen Regionen vom Mindestlohn negativ betroffen. Er berichtet von Bäckereifilialen, in denen vor allem Mini-Jobber arbeiteten und die nun geschlossen wurden. "Weil es sich nicht mehr rechnet." Teilweise sieht Werner damit die Nahversorgung auf dem Land gefährdet. Genaue Zahlen liegen nach Schätzungen des Verbandes frühestens Ende des Jahres vor. Doch schon heute ist sich Werner sicher, dass die Zahl der Filialen und Mitarbeiter zurückgeht.

Zukunftssorgen haben auch Hoteliers und Wirte in Sachsen. Kurz vor Beginn der Saison fragen sie sich, ob gerade in den Grenzregionen noch genügend Radler und Wanderer einkehren. "Oder ob sie lieber ein paar Kilometer weiter in Tschechien ihr Schnitzel für weniger Geld essen", sagt Christine Strobach-Knaller, die ein Landgasthaus in Bad Schandau (Sächsische Schweiz) betreibt.

Gabriele Dörner führt in vierter Generation das Hotel "Zum Ross" in Diesbar-Seußlitz (Landkreis Meißen). Sie fürchtet um die Gastlichkeit, wenn sie eine Hochzeitsparty vorzeitig beenden muss, weil die tägliche Arbeitszeit derzeit auf maximal zehn Stunden begrenzt ist.

Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga in Sachsen sieht in der Lohnuntergrenze von 8,50 Euro pro Stunde nicht das eigentliche Problem. Vielmehr beklagt der Verband die neuen, strengeren Arbeitszeitvorschriften und den Aufwand für die Dokumentation von Arbeits- und Pausenzeiten. Wirte und Hoteliers fordern daher flexiblere Arbeitszeiten und eine "Entschlackung des Bürokratiemonsters".

Die Leipziger SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe hält dagegen: Die Aufzeichnungen seien notwendig, um den Mindestlohn kontrollierbar zu machen. Zudem könnten die Arbeitszeiten formlos auf einem weißen Blatt Papier aufgeschrieben werden. "Das überfordert wirklich niemanden."

Der DGB Sachsen bewertet den gesetzlichen Mindestlohn als Erfolg. Entgegen der Vorhersagen seien sozialversicherungspflichtige Jobs nicht massenhaft weggebrochen. Dagegen geht das Ifo-Institut in Dresden davon aus, dass es nicht nur Einschnitte am Arbeitsmarkt gibt, sondern auch die konjunkturelle Entwicklung der ostdeutschen Bundesländer gebremst wird.

Roland Ermer hat vorgebaut und schon im Vorjahr auf den Mindestlohn reagiert: Er hat drei seiner sechs Filialen geschlossen und Arbeitsplätze abgebaut. "Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen", sagt der Bäckermeister. Es sei aber die einzige Möglichkeit gewesen, das Unternehmen zu halten.