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| 18:37 Uhr

Sachsen
Zoffen wie früher

Christine Keilholz
Christine Keilholz FOTO: LR / Redaktion
Ein längst vergessenes Stück politischer Kultur taucht dieser Tage wieder auf: Zwei sächsische Kleinparteien zoffen sich über Fragen des Verkehrs. Beide Parteien haben eine stolze Geschichte von eineinhalb Jahrhunderten. Von Christine Keilholz

Beide stehen in Sachsen zwischen fünf und zehn Prozent. Beide haben schonmal mit der CDU regiert. Und obendrein verbindet SPD und FDP eine folkloristische Feindschaft, über die man noch vor wenigen Jahren lustig und munter und oft die Zeitung vollschreiben konnte.

Beide Parteien stellten zudem mal  im Freistaat Sachsen den Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Die SPD hatte mal einen Minister namens Thomas Jurk, der musste dann 2009 Platz machen für den FDP-Mann Sven Morlok, der wiederum 2013 gehen musste, als der Sozialdemokrat Martin Dulig kam. Es ist also abwechselnd einer auf der Seite des Schimpfers und einer auf der des Beschimpften, das macht den Dauerzwist abwechslungsreich.

Das, was da gestritten wurde, kann man als gepfeffertes politisches Graubrot bezeichnen: Man beharkte sich um die Arbeitszeit des Ministers und um die Anzahl von Staatssekretären. Man bewarf sich mit Anfragen über Ortsumgehungen und Zugbestellungen, über gestrichene Straßenbauten und nicht genehmigte Kreisverkehre. Jedes Frühjahr ging es darum, wer am schnellsten die Frostlöcher auf der Straßendecke zukratzt. Jeden Herbst wurden Versäumnisse bei der Streusalzbevorratung angeprangert. Dazwischen lagen verlässlich Sommerbaustellen und Urlaubsstaus, aus der sich politische Munition gießen ließ.

So ging das Jahr um Jahr, bis die AfD kam. Plötzlich ging es um das Ende des Abendlands, um Existenzängste, um die Demokratie auf der Klippe. Da war nun die Angst, dass es morgen kein Schnitzel mehr geben darf und Badespaß nur noch mit Ganzkörper-Neopren und ob nicht grundsätzlich alles den Bach runtergeht, was viele sowieso ahnten.

Insofern ist der neuerliche Streit, den SPD und FDP jetzt wieder liefern, über einen Minister, der angeblich nur Teilzeit arbeitet, über Bauabschnitte, die nicht fertig werden, über die Berichterstattung der Bild-Zeitung, deren Dresdner Chef mal für die FDP gearbeitet hat, auf so heimelige Art: wie früher.