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| 01:06 Uhr

Zoff bei den Wirtschaftsweisen

Eigentlich haben die „Fünf Weisen“ einmal im Jahr ihren großen Auftritt. Immer im November legt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – so der volle Name – sein immer dicker werdendes Jahresgutachten vor. Jetzt präsentieren sie sich seit Tagen außer der Reihe – als vollkommen zerstritten. Anstoß des Zanks sind vor allem die Ansichten des Professors Peter Bofinger. Von André Stahl

Zuletzt legten die fünf Ökonomieprofessoren am 17. November auf gut 1000 Seiten ihre Empfehlungen vor. Doch schon zum Jahreswechsel schloss sich eine Sondervorstellung des obersten volkswirtschaftlichen Beraterkreises der Bundesrepublik an, die es so noch nie gab. Das offensichtlich seit längerem völlig zerrüttete Verhältnis der "Fünf Weisen" wurde nicht durch Indiskretionen bekannt. Den heftigen Streit lösten die Berater selbst aus, indem sie öffentlich über Rats-Kollegen herzogen.
Die Bundesregierung, die für die Besetzung des Gremiums zuständig ist und sich über ihr genehme Mitglieder freut, schweigt bisher. Was den Imageschaden kaum eindämmen dürfte. Glücklich ist man in der rot-grünen Koalition über den "Chor der Eitelkeiten" - wie es hinter vorgehaltener Hand heißt - aber nicht.

Beschimpfung Bofingers
Ausgelöst wurde das Neujahrstheater vom Vorsitzenden des Rates, dem Regensburger Finanzexperten Wolfgang Wiegard. Der hatte zwar nur angekündigt, nicht erneut kandidieren zu wollen, was nicht ungewöhnlich ist. Schließlich stand schon fest, dass er als Chef abtritt. Zugleich beschimpfte Wiegard aber den erst vor kurzem in den Sachverständigenrat berufenen Währungsexperten Peter Bofinger als nicht teamfähig. Wegen der schwierigen Zusammenarbeit wolle er, so Wiegard weiter, nach Ablauf seiner Amtszeit im Februar 2006 ganz ausscheiden. Der Kritik an Bofinger schloss sich dann auch der langjährige "Wirtschaftsweise" und Mannheimer Arbeitsmarktexperte Wolfgang Franz an.
Der Zoff ist auch Ausdruck eines in Deutschland immer noch heftig geführten Kampfes zwischen Anhängern einer angebots- und einer nachfrageorientierten Politik. Bofinger, der auf Empfehlung der Gewerkschaften im Sachverständigenrat sitzt, vertritt eine nachfrageorientierte Position, ist also „Keynesianer“ . Auch im Jahresgutachten sprach er sich gegen weitere Einsparungen und für stärkere Lohnsteigerungen aus. Wiegard und der von Arbeitgebern empfohlene Franz befürworten dagegen einen strikten Sparkurs. Die anderen "Weisen", Sozialexperte Bert Rürup und Makroökonomin Beatrice Weder di Mauro, halten sich mit Kommentaren bisher zurück.
Insider des Sachverständigenrates, dem neben den fünf Professoren auch ein größerer Expertenstab angehört, nennen den öffentlichen Disput "ziemlich blöd". Dass es unterschiedliche Meinungen gebe, sei nicht ungewöhnlich und nicht neu. In den 80er-Jahren habe es sehr viel mehr Minderheitsgutachten gegeben als heute. Und die Schlacht zwischen "Keynesianern" und "Neo-Liberalen" sei anderswo längst geschlagen. Auch Weder di Mauro, die wie Rürup nicht als "Bofinger-Gegner" gilt, sieht zwischen beiden Theorien gar keine Kluft mehr.

Arbeit zeitaufwändig
Klar ist, dass die Arbeit im Sachverständigenrat zeitaufwändig ist. "Da kann man kaum noch Wissenschaft produzieren", meint ein Kenner: "Wer Karriere machen will, für den ist der Rat nicht sehr förderlich." Das wurde schon bei der Absage des Arbeitsökonomen und gebürtigen Amerikaners Michael C. Burda vor zwei Jahren deutlich.
Gerätselt wird nun, wie die "Fünf Weisen" künftig miteinander klarkommen wollen. Schon am 20. Januar stoßen die Streithähne wieder aufeinander. Auch in den Folgemonaten sind jeweils Sitzungen geplant, im März werden die jeweiligen Arbeitsschwerpunkte festgelegt und auf die fünf Experten verteilt, am Ende steht eine zehnwöchige Klausur, in der bis Mitte November gestritten wird.
Als Nachfolger Wiegards wird Rürup gehandelt. Das ergibt sich auch aus einem ungeschriebenen Gesetz. Danach wird keiner Vorsitzender, der mit dem Arbeitgeber- oder dem Gewerkschaftsticket Mitglied wurde. Bleiben nur Rürup und die Schweizerin Weder die Mauro. Die 39-Jährige, die als erste Frau und erste Ausländerin dem "Zirkel" angehört, ist aber erst vor kurzem berufen worden.