Von Simone Rothe

Der neueste technische Hit aus Jena sind Glasflächen, die mit Hilfe winziger optischer Strukturen sehen können. Sie erlauben, menschliche Gesten zu erkennen oder dass Fensterscheiben erkennen, ob vor dem Haus alles in Ordnung ist. Entwickelt wurden sie bei Carl Zeiss in Jena, einem der Unternehmen, die wie die börsennotierte Jenoptik AG die optische Industrie in Ostdeutschland prägen. Sie steht für Laser, Sensoren, Mikroskope oder Messsysteme für die Autoproduktion. Die Milliardenbranche, die sich wegen der Nutzung des Lichts als Photonik bezeichnet, gilt als Exportchampion.

Ihre ostdeutsche Hochburg Jena nennt Joachim Ragnitz vom ifo Institut in Dresden einen „technologischen Hotspot“ und eine Erfolgsgeschichte. Der Vize-Institutschef verweist auf die Kombination kleiner und großer Optik-Firmen mit Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten in der Thüringer Universitätsstadt.

Dort hatten im 19. Jahrhundert die Industriepioniere Carl Zeiss und Ernst Abbe die Grundlagen der Branche in Deutschland gelegt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete sie nach Angaben des Verbandes Spectaris mit bundesweit 138 000 Beschäftigten rund 37 Milliarden Euro Umsatz bei einem Exportanteil von 72 Prozent.

Für 2019 sind Erlöse von fast 40 Milliarden Euro prognostiziert. Zahlen nur für Ostdeutschland weist Spectaris nach Angaben einer Sprecherin nicht aus. Fachleute erwähnen Jena 30 Jahre nach dem Mauer­fall in einem Atemzug mit anderen wichtigen deutschen Optik-Standorten wie Oberkochen, dem Hauptsitz der Carl Zeiss AG, oder Wetzlar, Göttingen, Erlangen und Berlin. Dabei drohte nach der Wiedervereinigung der Zusammenbruch. Das DDR-Zeiss-Kombinat, ein riesiges Industriekonglomerat mit vielen Standorten und einigen Zehntausend Beschäftigten wankte nach Öffnung der Märkte bedenklich.

Doch wie gelang es den Erben von Zeiss und Abbe, sich neu zu erfinden? Michael Kaschke, Vorstandschef der Carl Zeiss AG, spricht von einem „Ökosystem, das so gut war, selbst stürmische Zeiten auszuhalten“. Dazu hätten die gute Ausbildung der Ingenieure und Techniker, starke Hochschulen, eine wiederbelebte Gründertradition sowie eine ungewöhnliche Regelung mit der Treuhand gehört.

Die umstrittene Privatisierungsbehörde übertrug einen Teil des Zeiss-Kombinats an das Land Thüringen. Daraus entwickelte sich zunächst das Staatsunternehmen Jenoptik mit dem damaligen Vorstandschef Lothar Späth, der Firmen im Westen kaufte und Jenoptik 1998 über die Börse privatisierte.

Heute ist Jenoptik mit einem Jahresumsatz von rund 835 Millionen Euro 2018 eines der wenigen großen, eigenständigen Ost-Unternehmen. Andere Kombinatsteile gingen an den baden-württembergischen Zeiss-Konzern, der zu seinen Wurzeln in Jena zurückkehrte.

Ragnitz verweist zudem auf „massive öffentliche Hilfen“ – eine 1,8-Milliarden-Mitgift der Treuhand, von der aber ein Großteil für Altschulden, Pensionen und Sozialleistungen verwendet werden mussten. Jena wurde so zum Sonderfall beim Umbau großer Industriestrukturen, der anderswo, etwa bei der Halbleiterindustrie in Frankfurt/Oder oder dem Schwermaschinenbau in Magdeburg, nicht gelang, so der Wirtschaftswissenschaftler.

Aber auch in Jena wurde Lehrgeld gezahlt. „Es war niemand auf eine solche Situation vorbereitet. Damit lag kein Plan B in der Schublade“, sagt Kaschke. Der Versuch, die Fabriken als Zulieferer und verlängerte Werkbank zu nutzen, ging schief. „Dagegen standen auch das Selbstbewusstsein und der historische Anspruch der Jenaer Zeissianer.“

Ab Mitte der 1990er-Jahre begann Zeiss, die Verantwortung für die weltweiten Geschäftsbereiche Medizintechnik und Mikroskopie nach Jena zu geben. Heute hat dort das MDax-Unternehmen Carl Zeiss Meditec AG mit einem Jahresumsatz von knapp 1,3 Milliarden Euro seinen Sitz. In mehreren Tochterfirmen beschäftigt Zeiss am Gründungsort derzeit mehr als 2200 Mitarbeiter – Tendenz steigend.

Und die Zukunft: Zeiss investiert mehr als 300 Millionen Euro bis 2023 in seinen zweitgrößten Standort. Die Branchenvereinigung Optonet berichtet, dass zwei von drei Photonik-Firmen Fachleute zur Besetzung offener Stellen suchen. „Gute Facharbeiter zu finden, ist oft ein größeres Problem als gute Wissenschaftler zu finden“, so Optonet-Geschäftsführer Thomas Bauer.