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| 22:23 Uhr

Im Porträt
Die „Diktatur des Terminkalenders“ ist vorbei

IHK-Chef  Wolfgang  Krüger
IHK-Chef Wolfgang Krüger FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Wolfgang Krüger war zehn Jahre lang mit Leib und Seele Manager der Cottbuser IHK und geht in den Ruhestand. Sein Lausitz-Papier ist Wegweiser für den Strukturwandel in der Region. Von Christian Taubert

Wolfgang Krüger hat bei der Cottbuser Industrie- und Handelskammer (IHK) nachsitzen müssen. Schon vor ein paar Monaten sollte der Hauptgeschäftsführer in Ruhestand gehen. Doch sein Nachfolger Marcus Tolle musste nach der Wahl erst sein Unternehmen auf seinen Vollzeit-Job bei der IHK einstellen. Krüger ist das ganz sicher nicht unrecht gewesen. Denn er war zehn Jahre lang mit Leib und Seele „Manager“ der Cottbuser Kammer. Am Montag jedoch wurde er verabschiedet.

„Ich hatte in der Lausitz eine wunderbare Zeit“, sagt der von der Journalistenlaufbahn in die Politik und letztlich die Wirtschaft gewechselte gebürtige Hennigsdorfer. Aus seiner Sicht habe dies auch daran gelegen, dass ihn dieser Job ausgefüllt hat. Dass es eine Intensität von Ereignissen gegeben habe, wie er sie als Chefredakteur bei der Deutschen Welle von Berlin-West aus selbst nicht erlebt hatte. Auch nicht, als Krüger praktisch „über Nacht“ Staatssekretär im Brandenburger Wirtschaftsministerium wurde. Aber er habe seinen Job nie als belastend empfunden, „trotz der ewigen Diktatur des Terminkalenders“. Wolfgang Krüger hat sich den Dingen gestellt und war nicht selten mit seiner Kammer auch der Politik ein Stück voraus.

Schon lange bevor 2016 klar war, dass zwei Blöcke im Kraftwerk Jänschwalde in die Sicherheitsbereitschaft versetzt werden und die ersten 600 Arbeitsplätze in der Kohle verloren gehen, war für Krüger klar: „Wir  müssen den Strukturwandel in der Lausitz selbst mitgestalten.“ Während der vom Bund versetzte Schock reihum in der Region noch tief saß, stritt der IHK-Hauptgeschäftsführer in der Vollversammlung für eine neue Herangehensweise an den Jahrzehnte andauernden Transformationsprozess. Eine Million Euro wurden schließlich dafür bewilligt, eine breit aufgestellte Innovationsregion Lausitz (iRL) GmbH zu gründen, die den Strukturwandel in der Lausitz mitbestimmt. Die Gesellschaft war Reaktion darauf, dass eine Vielzahl von Zulieferern und Dienstleistern zu 80 Prozent vom Energiekonzern Leag abhängen. „Wir brauchen Innovationen“, erklärte Krüger, „die zu neuen Standbeinen für die Unternehmen führen“.

Bei der Gesellschaft beließ es der inzwischen 68-Jährige aber nicht. Mit iRL-Geschäftsführer Hans Rüdiger Lange entwarf er ein „Lausitz-Papier“, das in Brandenburgs und Sachsens Landespolitik breites Echo fand. Das neue Denken beschrieb Krüger damit, dass jedes Gigawatt Kraftwerksleistung, das aufgrund bundespolitischer Entscheidungen in der Lausitz abgeschaltet wird, „durch eine rechtlich verbindliche industrielle Aufbauleistung im gleichen Wert ersetzt wird“. Letztlich war die Lausitz-Formel „Ein Gigawatt für ein Gigawatt“ geboren, die heute noch Vorlage für die sogenannte Kohlekommission in Berlin sein könnte. Der IHK-Manager erkennt darin auch eine Steuerungsformel. Denn für ihn wiederspiegle sich darin, dass mit dem Umbau der Lausitz ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet wird.

Dieser vorgegebene Pfad des Strukturwandels ist mit der Stillsetzung des ersten 500-MW-Blockes und dem Verlust von 300 Arbeitsplätzen in Jänschwalde noch nicht beschritten worden.  Dennoch hat Wolfgang Krüger den Eindruck, dass das Lausitz-Papier Anstöße für den Umgang mit Kohleregionen gegeben hat. Der Politik in Brandenburg und Sachsen hat er sich damit nicht zum ersten Mal als kritischer Wegbegleiter erwiesen. Sein Vorteil:  Er weiß, wie Politik tickt. Das hat er kennengelernt, als er nach 1993 von Berlin-Tegel in den Osten kam und eigentlich Funkhausdiretor beim NDR in Schwerin werden wollte. Er ließ sich aber im oberhavelländischen Bärenklau nieder – „im ersten komplett erschlossenen Baugebiet“. Noch bei der „Deutschen Welle“ kandidierte er für die Gemeindevertretung, zog in den Kreistag ein. „Ich wollte etwas zurückgeben“, schildert er seine Rückkehr nach Brandenburg.

Und als sich 2004 die Chance ergab, für die CDU für den Landtag zu kandidieren, sagte er zu. Ins Parlament auf dem Potsdamer Brauhausberg zog Krüger aber nie ein. Dafür fing ihn CDU-Landeschef Jörg Schönbohm ab, der mit der SPD in die Große Koalition ging, und für Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns einen Staatssekretär suchte. „Willkommen an Bord“, begrüßte ihn der Parteichef. Krüger war nicht unglücklich, dass diese Station nur vier Jahre andauerte. „Als Chefredakteur hatte ich Entscheidungen zu treffen. Als Staatssekretär gibt es diese Befugnisse kaum“, erinnert er sich, dass er nach einem Gespräch mit dem damaligen IHK-Präsidenten Ulrich Fey in Cottbus anheuerte.

Seit dem 17. April 2008 managt der Mann mit der stets auf den Punkt kommenden Ansage den Apparat der IHK in Cottbus. Wichtig sei es für ihn immer gewesen, sich bewusst zu sein, aus Pflichtbeiträgen der Mitglieder finanziert zu sein und darüber öffentlich Rechenschaft abzulegen. Die IHK sei zu einem Teil Behörde. Vor allem aber werde Unternehmen mit Service geholfen. „Wir sind zudem politischer Interessenvertreter, womit Personen nicht immer unumstritten sind“, verdeutlicht Wolfgang Krüger.

Jetzt, wo Krüger geht, weiß er auch, dass er manchen Mitarbeitern „auf die Ketten gegangen ist“, wenn er Rechtschreibfehler in Vorlagen korrigiert und zurückgegeben hat. Insgesamt freut er sich aber, „dass alle über so viele Jahre mitgezogen haben“. Wolfgang Krüger nennt hier beispielhaft einen seiner „Vize“, Jens Krause, „ohne den der Umbau des Bahnhofes Ruhland wohl nie gelungen wäre“. Zudem habe er es geschafft, Problembewusstsein für eine  moderne Infrastruktur in der Lausitz mit einer Reihe von IHK-Studien bei der Politik zu wecken.

Damit ist Krüger, der immer mit Frau und zwei Söhnen (22 und 26) in Bärenklau wohnen blieb, bei dem Thema, das nicht nur ihm viel Spott und Häme eingebracht hat. „Aber das konnte ich wegstecken“, bewertet er die fünf Jahre im Aufsichtsrat des Flughafens BER. „Ich bin überzeugt, dass der Airport wirtschaftlich notwendig ist. Und solange er nicht eröffnet ist, hat die Wirtschaft im Süden Brandenburgs ein Riesenhandicap.“ Von der Dynamik, die von dem neuen Flughafen ausgehe, würden schon heute 60 000 Arbeitsplätze rund um den BER zeugen. Dem Oktober 2020 fiebert Krüger deshalb schon entgegen.

Im Aufsichtsrat bleibt er ebenso wie in seinen Ehrenämtern als Volksvertreter in Oberhavel. „Und ich werde der Entwicklung des Strukturwandels in der Lausitz erhalten bleiben“, sagt der scheidende IHK-Hauptgeschäftsführer, zu dessen Verabschiedung auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kommt. „Einen Plan für die Zeit danach, habe ich nicht“, fügt Krüger hinzu, „Ich beobachte mit Neugierde mich selbst.“