Die Geräusche auf dem Hof der Lindenauer Mühle haben etwas Beruhigendes. Im Inneren des Gebäudes rattern die Mahlstühle in monotonem Takt. In den mischt sich das Rauschen des Mühlengrabens, der seitlich an dem Grundstück vorbeifließt. Ein großes Schaufelrad sucht der Besucher jedoch vergebens. „Das ging schon 1927 kaputt“ , weiß Gerd Buntzel. Sein Großvater übernahm die Mühle 1936 erst als Pächter und kaufte sie 1948 von der sächsischen Landesregierung. Seit 1992 führt der Enkel die Mühle in dritter Generation, unterstützt von seinem Vater Günter Buntzel.
Doch ganz ungenutzt fließt das Wasser auch bei Gerd Buntzel nicht an der Mühle vorbei. Eine Turbine wird damit angetrieben, die allerdings auch mit Strom laufen kann. Denn der Müller kann es sich nicht leisten, dass seine Mühle bei niedrigem Wasserstand stillsteht. Buntzels Stammkunden, rund 20 Bäckereien zwischen Senftenberg und Elsterwerda, wollen nicht auf ihr Mehl warten. Durchgängig können in der Mühle pro Tag maximal zwölf Tonnen Roggen oder 15 Tonnen Weizen gemahlen werden.
Das war vor der Wende anders. „In der DDR durften wir als Privatbetrieb nur Roggen verarbeiten und hatten einen festgelegten Kundenkreis. Außerdem bekamen wir nur eine bestimmte Menge pro Monat zugeteilt. War die gemahlen, war Ruhe“ , erzählt Buntzel. Dass sich diese staatlichen Zwänge mit der Wende auflösten, betrachtet er als Glück. Auch wenn er und sein Vater die Warenbeschaffung, den Absatz und den Kundenkreis neu aufbauen mussten. „Mittlerweile haben wir wieder unsere früheren Stammkunden zurück.“
Allerdings steht der große und kräftige Müller heute vor einem neuen Problem: „Für viele Bäckereibetriebe gibt es keinen Nachfolger.“ Das wirkt sich irgendwann auch auf seine wirtschaftliche Lage aus. Deshalb hat Buntzel als zweites Standbein einen Mischfutterhandel für Privatkunden aufgebaut. „Doch das ist nur ein kleiner Teil vom Umsatz. Das Gros muss die Mühle reinbringen“ , sagt der Chef.

Den ganzen Tag auf den Beinen
Für Gerd Buntzel bedeutet das, von Montag bis Samstag von sieben in der Früh bis abends acht Uhr auf den Beinen zu sein. Dabei ist der ruhige und ausgeglichene Mann nicht nur Müller, sondern auch Lkw-Fahrer, Schlosser, Elektroniker und Buchhalter: Vom Mehl mahlen über das Ausliefern der Ware bis hin zu den kleineren Reparaturen an Mahlwerk und Lkw sowie die Buchhaltung macht der Ingenieur für die Technologie der Getreideverarbeitung alles selbst. Ein Multitalent muss ein Müller heute sein, „Ahnung von Technik haben und vor allem auch mit Menschen umgehen können“ , sagt Gerd Buntzel. Diese Mischung gefällt ihm an seinem Beruf.
Bei seinen Investitionen geht der Müller zielstrebig, aber mit Bedacht vor. Stück für Stück hat er in den vergangenen 14 Jahren seinen Betrieb modernisiert - zuletzt kamen eine elektronische Mehlverwiegung und ein neues Rohstofffahrzeug hinzu. „In den nächsten fünf Jahren geht jetzt finanziell nichts“ , beschreibt der Chef die Situation. Er ist vorsichtig. „Konkurrenz kann schnell die Preise drücken.“

Firmennachfolge so gut wie gesichert
Einen großen Einfluss auf des Müllers Arbeit hat auch die Qualität des Getreides. „Jedes Jahr müssen wir die optimale Mehlmischung neu hinbekommen. Das ist immer wieder eine Herausforderung.“ Die nimmt Gerd Buntzel unerschrocken an. „Ich würde keinen anderen Beruf machen wollen. In jedem Handwerk ist es heute schwierig.“ So scheint auch sein Sohn zu denken. Der hat trotz der schwierigen Lage Müller gelernt, ist Geselle in Dresden und will seinen Meister machen. Mit einem Schmunzeln sagt Buntzel: „Es sieht so aus, als ob die Familiennachfolge gesichert ist.“

Vorschau RUNDSCHAU-Serie
 Wie Lausitzer Handwerker sich in den selteneren Zünften behaupten, welche Sorgen und Freuden sie haben und wie sich ihr Beruf verändert hat, darüber berichtet die RUNDSCHAU in loser Folge. Im 20. Teil stellen wir einen Orgelbauer vor.