Alle diskreten und öffentlichen Einflussversuche waren vergebens: In der "Mannesmann-Affäre" um mehr als 107 Millionen Euro schwere Abfindungen und Prämien bei der Übernahme des Industriekonzerns durch Vodafone wird es kein politisches Veto gegen eine Anklage geben. Das juristische Nachspiel der mit 188 Milliarden Euro teuersten Übernahme in der Wirtschaftsgeschichte dürfte damit in einen Strafprozess münden.

Prozess sollte verhindert werden
Mit fast allen Mitteln hatten die prominenten Verdächtigen und ihre Anwälte in den vergangenen Monaten versucht, genau dies zu verhindern. Der nord-rhein-westfälische Justizminister Wolfgang Gerhards (SPD) gab den Staatsanwälten aber gestern grünes Licht.
Die Nachricht darüber platzte mitten in die Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bank - "unabsichtlich" - wie man im Justizministerium beteuerte. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG, Josef Ackermann, reagierte gelassen, nannte den Zeitpunkt der Minister-Verlautbarung aber "interessant". Auch eine Anklage sei für ihn kein Grund zum Rücktritt.
Gegen Ackermann besteht der Vorwurf, als ehemaliger Mannesmann-Aufsichtsrat die umstrittenen Abfindungen für einstige Manager des Industriekonzerns mit genehmigt zu haben. Nun sieht er das Treiben der Ermittler als Resultat einer Neid-Debatte, die die besten Talente aus dem Land treibe - zumal mehrere Gutachter die Zahlungen für einwandfrei befunden hätten.
Mit der gestrigen Entscheidung haben sich zahlreiche Versuche, die Ermittler zu stoppen, als vergebens erwiesen. Sogar Unternehmensberater Roland Berger hatte Wolfgang Clement aufgesucht, damals noch Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, um ihn zu warnen: Ein Prozess gegen die hochrangigen Wirtschaftsführer würde dem Wirtschaftsstandort Deutschland schaden.
Auch der damalige Justizminister Jochen Dieckmann und dessen Nachfolger Gerhards (beide SPD) wurden zu Adressaten zahlreicher Interventionsversuche, bis Justizsprecher Dieter Wendorff der Kragen platzte: "Auch Persönlichkeiten aus der Wirtschaft sollten zur Kenntnis nehmen, dass wir uns in einem Rechtsstaat befinden."
Der Anwalt von Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser, Sven Thomas, hält das Vorgehen zwar für ungewöhnlich, verteidigt es aber als notwendig: Wenn seinem Mandanten durch fehlerhafte Ermittlungen Schaden drohe, sei er dazu verpflichtet, bei den Vorgesetzten der Ermittler Alarm zu schlagen.
Sollte es zu einem Prozess kommen, dann wäre die Anklagebank so hochrangig besetzt wie noch nie in einem deutschen Gerichtssaal bei einer Wirtschafts-Strafsache: Neben Ackermann zählen Esser, IG Metall-Chef Klaus Zwickel und der ehemalige Chef des Mannesmann-Aufsichtsrats, Joachim Funk, zu den Beschuldigten. Daneben müssen sich auch der ehemalige Mannesmann-Betriebsratschef Dieter Ladberg und der Protokollführer im "Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten", Dietmar Droste, verantworten. Allen wird schwere Untreue oder Beihilfe zur Untreue vorgeworfen.

600 Seiten Ermittlungsbericht
Die Staatsanwaltschaft hatte Mitte Januar nach knapp zwei Jahre langen Ermittlungen ihren fast 600 Seiten starken Abschlussbericht "wegen der überragenden Bedeutung der Sache" dem Ministerium zur Prüfung vorgelegt. Sie kann das Verfahren nun abschließen und Anklage erheben. Danach wird das Düsseldorfer Landgericht entscheiden, ob es die Hauptverhandlung gegen die Wirtschaftsführer eröffnen wird.
Klaus Esser, der allein rund 60 Millionen Mark (rund 30 Millionen Euro) kassierte, wird seinem möglichen Auftritt als Angeklagter zuvorkommen: Anfang März tritt er als Kläger vor dem gleichen Gericht auf. Er hat das Land Nordrhein-Westfalen auf Schadenersatz in sechsstelliger Höhe wegen "massiver Rufschädigung" verklagt.