Von Michael Gabel

Endlich sind sie da, die neuen Schuhe. Jetzt schnell das Päckchen aufgemacht – doch der Inhalt ist eine einzige Enttäuschung: Irgendwie billig sieht das Obermaterial aus, und auch die Farbe wirkt anders als bei der Abbildung im Internet. Da hilft es auch nichts, dass die Treter eigentlich ganz gut passen. Weg damit, beziehungsweise zurück an den Absender. Kostet ja nichts.

So oder so ähnlich verhalten sich immer mehr Deutsche. Zwölf Prozent aller bestellten Sendungen haben sie im vergangenen Jahr zurück an die Online-Händler geschickt. Zwei Jahre zuvor waren es noch zehn Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das: Mehr als 280 Millionen Pakete wurden zusätzlich befördert; aneinandergereiht käme man damit gut zweimal um die Erde. Die Gründe für die Retouren-Flut sind durchaus vielfältig: Manche Kunden entdecken Schäden oder kleine Macken, anderen gefällt das Produkt einfach nicht. Und wiederum andere haben von vornherein mehr bestellt, als sie eigentlich brauchen. „Kaufst du noch oder retournierst du schon?“, spotten Kritiker über diese Haltung.

Viele Anbieter befördern diese Einstellung sogar noch, indem sie ihren Kunden ein großzügiges Rückgaberecht einräumen. Mit dem Spruch „Schrei vor Glück – oder schick’s zurück“ warb der Berliner Bekleidungsspezialist Zalando für seine Waren und machte das unkomplizierte Zurücksenden sogar zu seinem Geschäftsprinzip. Doch auch wenn der Online-Handel boomt – das Modell mit den Retouren hat gravierende Nachteile: So kommen viele Zusteller mit ihrer Arbeit kaum noch hinterher und werden zudem oft auch sehr schlecht bezahlt. Außerdem verstopfen immer mehr parkende Lieferfahrzeuge die Innenstädte. Und die vielen unnötigen Fahrten schaden Mensch und Klima.

Die dramatische Situation vieler Paketboten kennt die Düsseldorfer Sozialarbeiterin Julia von Lindern aus eigener Anschauung. Sie erzählt von Zustellern, die in derart erbärmlichen Verhältnissen leben, dass sie aus Geldmangel sogar in ihren Privatautos übernachten müssen. „In der Regel sind das Rumänen, die in Deutschland einen Job bekommen haben und sich trotzdem keine Wohnung leisten können“, sagt sie der RUNDSCHAU. Gehälter würden nicht oder nur unregelmäßig gezahlt. Und wenn es ein festes Gehalt gebe, sei es oft so niedrig, dass es kaum zum Leben reiche. Der staatlich garantierte Mindestlohn etwa werde vielfach ausgehebelt, indem eine konkrete Arbeitsmenge verlangt werde – die aber in der festgesetzten Zeit gar nicht zu schaffen sei.

Lars-Uwe Rieck von der Gewerkschaft Verdi sieht vor allem die großen Zustellfirmen in der Verantwortung. „Um Kosten zu sparen, geben sie Aufträge oft an kleinere Firmen weiter. Wenn sich später herausstellen sollte, dass diese Subunternehmen ihre Mitarbeiter nicht gut behandeln, sind die Großen aus dem Schneider“, kritisiert er. Ein Lösungsansatz sei, den eigentlichen Auftragnehmer dafür haftbar zu machen, dass auf dem Weg vom Versender zum Kunden die sozialen Standards eingehalten werden.

Eine solche „Nachunternehmerhaftung“ will auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) durchsetzen, stößt aber auf den Widerstand von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und mehreren Zustellfirmen. Hintergrund von Heils Vorstoß: Von den fünf großen Paketdienstleistern beschäftigen lediglich der Marktführer DHL sowie UPS überwiegend eigene Zusteller. Bei den übrigen Betrieben wird die Paketzustellung vornehmlich durch Subunternehmen abgewickelt.

Wie groß die Belastung der Umwelt durch die zusätzlichen Fahrten ist, hat eine Forschergruppe der Universität Bamberg ermittelt. 2018 habe es eine Mehrbelastung durch Retourensendungen über 238 000 Tonnen CO2 gegeben, schreiben sie. „Dies entspricht der Umweltwirkung von täglich 2200 Autofahrten von Hamburg nach Moskau.“

Dass sich die Situation von alleine verbessert, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Nach einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom haben die 14- bis 29-Jährigen 18 Prozent ihrer Internetbestellungen wieder zurückgeschickt, sogar noch sechs Prozentpunkte mehr als der Schnitt. Das bedeutet: Es wächst eine ganze Generation heran, für die Retouren fast schon normal sind.

Besonders hoch ist die Rücksende-Quote bei Bekleidung. Bei Zalando sind es 50 Prozent. Gerrit Heinemann, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Niederrhein, sagt, er halte solche hohen Retourenzahlen für eine „deutliche Fehlentwicklung“. Sie habe aber Gründe: etwa das vergleichsweise verbraucherfreundliche deutsche Widerrufsrecht sowie die Mentalität vieler Kunden, bei denen „das Wohnzimmer zur Umkleidekabine“ werde. Er empfiehlt, das Widerrufsrecht einzuschränken, indem das Zurücksenden von Waren nur noch unter Nennung konkreter Gründe erlaubt wird. Außerdem müsse man für die Zustellung einer Ware endlich realistische Preise verlangen.

Ohne einen Mentalitätswandel bei den Verbrauchern werde sich an der gegenwärtigen Situation aber wohl nichts Grundsätzliches ändern. „Die Konsumenten sind von den neuen Möglichkeiten verwöhnt“, sagt er. „Das lässt sich kaum noch zurückdrehen.“