ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 00:01 Uhr

Markus Steilemann im Interview
"Wir wollen bei Übernahmen mutiger werden"

Markus Steilemann in der Lounge vor seinem Büro. Im Hintergrund EM- und WM-Fußbälle, in denen Covestro-Kunststoffe stecken.
Markus Steilemann in der Lounge vor seinem Büro. Im Hintergrund EM- und WM-Fußbälle, in denen Covestro-Kunststoffe stecken. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Der künftige Chef des Dax-Konzerns über Strategie, CO-Pipeline - und die Erfüllung eines Kindheitstraums.

Der künftige Chef des Dax-Konzerns Covestro, Markus Steilemann, spricht im Interview mit unserer Redaktion über seine Strategie, neue Jobs in NRW, die CO-Pipeline – und die Erfüllung eines Kindheitstraums.

Wer zu Markus Steilemann will, kann Paternoster fahren. Das ist schnell und sportlich. Wie der 48-Jährige, der am 1. Juni das Steuer beim Kunststoff-Konzern Covestro übernimmt. Steilemanns Büro liegt im Gebäude K 12, der Zentrale in Leverkusen. Sport ist hier überall ein Thema. So sorgen z.B. Kunststoffbeschichtungen von Covestro dafür, dass WM- und EM-Fußbälle in Form bleiben. Die Exemplare der letzten WM- und EM-Turniere liegen im Regal vor dem Chefbüro. Steilemann hat es als junger Mann im Brustschwimmen bis zu den Westdeutschen Meisterschaften gebracht, nun sorgt sein Personal Trainer im Kraftraum dafür, dass seine Schultern stark bleiben. Das kann der Chemiker brauchen, ab Juni trägt er die Verantwortung für den jungen Dax-Konzern.

Noch-Chef Patrick Thomas hinterlässt große Schuhe. Können Sie die ausfüllen?

Steilemann Ich gehe mit Respekt und Demut an meine neue Aufgabe heran. Ab Juni habe ich die Verantwortung für 17.000 Mitarbeiter und ihre Familien. Ich habe viel von Patrick Thomas lernen können – und nun soll es auch losgehen.

Was wollen Sie anders machen?

Steilemann (lacht) Statt Unmengen Cola light werde ich Kaffee trinken, um meinen Koffein-Spiegel zu halten. Im Ernst: Es wird keine Revolution geben. Aber ich will die Kultur verändern – Covestro soll noch vielfältiger, wettbewerbsfähiger und innovativer werden.

Was heißt das konkret?

Steilemann Wir waren schon immer innovativ in der Entwicklung von Produkten. Nun wollen wir auch in Produktion, Vertrieb und Strategie innovativer werden. So verkaufen wir seit neuestem unsere Werkstoffe über die Plattform des chinesischen Onlinehändlers Alibaba. Als Chemiekonzern auf einer Online-Plattform für Kunden anzubieten war früher undenkbar.

Wollen Sie auch bei Übernahmen innovativer werden? Bisher fand die Fusionswelle der Branche ohne Covestro statt.

Steilemann Bei Polyurethanen sind wir ein Marktführer, bei Polycarbonaten weltweit die Nr. 1. Hier können wir aus kartellrechtlichen Gründen kaum zukaufen. Daher schauen wir uns nun breiter und jenseits unserer Kerngeschäfte um – zum Beispiel nach Firmen, die Kunststoffe verarbeiten, oder nach neuen Technologien. Insofern wollen wir bei Übernahmen mutiger werden.

Ein Beispiel?

Steilemann Wir haben im März 2015 ein Unternehmen gekauft, das endlosfaser-verstärkte thermoplastische Kunststoffe herstellt und kürzlich einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in die Produktionserweiterung investiert. Diese Kunststoffe sind stabil wie Stahl und leichter als Alu – eine echte Alternative zu Kohlefaser und attraktiv für Elektroautos, Laptopgehäuse oder Handys.

Wie voll ist Ihre Kriegskasse?

Steilemann Unser Verschuldungsfaktor (Verhältnis von Schulden zu Gewinn) liegt bei rund 0,4. In der Branche sind 1,5 üblich. Damit sind für uns Übernahmen auch im Milliarden Euro Bereich möglich. Finden wir ein besonders attraktives Unternehmen, könnten wir weitere Schulden zulassen.

Aus Verzweiflung kauft Covestro schon eigene Aktien zurück.

Steilemann Nicht aus Verzweiflung, sondern weil wir mit spitzem Bleistift rechnen. Das Fusionsgeschäft ist heiß gelaufen, viele Firmen sind zu teuer. Wir werden weiter keine überhöhten Preise zahlen sondern immer darauf achten, ob ein Zukauf wertschaffend ist. Daher geben wir den Aktionären lieber 1,5 Milliarden Euro zurück.

Haben Sie keine Angst, selbst übernommen zu werden? Schließlich zieht Bayer sich als Ankeraktionär mehr und mehr zurück.

Steilemann Bayer hält noch rund 14 Prozent an Covestro und ist schon jetzt kein Ankeraktionär mehr. Falls uns jemand übernehmen will, hätte er das längst tun können. Der beste Schutz davor ist es, so profitabel zu sein, dass es keine versteckten Werte gibt, die ein neuer Investor heben kann.

Wie schwer fiel Ihnen den 2016 die Abspaltung von Bayer? Sie haben hier Ihr Berufsleben verbracht.

Steilemann Angefangen habe ich nach dem Chemiestudium bei Henkel in Düsseldorf, wo ich ein halbes Jahr war. Dann bekam ich das Angebot von Bayer und habe mir einen Kindheitstraum erfüllt.

Einen Kindheitstraum?

Steilemann Als Kind hatte ich eine grüne Kuscheldecke, die aus Dralon war – eine Kunstfaser von Bayer. Auf dem Anhänger prangte groß das Bayer-Logo. Zu diesem Konzern, der so tolle Decken herstellt – da wollte ich als Kind hin. Ich habe gut verstanden, dass es für viele emotional schwierig war, mit der Abspaltung 2015 nicht mehr zu Bayer zu gehören. Doch rational war das der richtige Weg.

Nun macht Covestro immer neue Rekordgewinne. Was daran ist hausgemacht, was der Fehler anderer?

Steilemann Tatsächlich profitieren wir davon, dass große MDI- und TDI-Anlagen von Mitbewerbern nach Pannen stillstehen. Entsprechend können wir unsere Anlagen von Dormagen bis China voll auslasten und auch höhere Preise nehmen. Diese Sondereffekte nutzen uns seit acht Quartalen. Doch auch jenseits davon läuft unser Geschäft gut, weil die Nachfrage nach unseren Produkten in der Bau- und Autobranche, und damit in unseren Kundenindustrien, weltweit boomt

Kein Boom hält ewig. Wann endet der Aufschwung?

Steilemann Das ist schwer zu sagen. Für dieses Jahr rechnen wir mit einem Betriebsergebnis auf dem Niveau des Vorjahres, in dem wir aber einen Rekordgewinn hatten.

2008, nach der Lehman-Pleite, war der Absturz so scharf, dass Covestro die Kapitalkosten nicht verdiente.

Steilemann Ein solcher Absturz wird sich normalerweise nicht wiederholen. Damals hatten wir eine Weltwirtschaftskrise, das ist mit Konjunkturzyklen nicht zu vergleichen. Zudem bauen wir unser Portfolio so um, dass unser Geschäft konjunkturunabhängiger wird. Aktuell entfallen nur noch rund 50 Prozent des Umsatzes auf zyklische Produkte. Das darf gerne noch weniger werden.

Covestro ist exportabhängig. Fürchten Sie einen Handelskrieg?

Steilemann Ich glaube nicht, dass es zu einem Handelskrieg kommt. Er würde allen schaden. Am Ende wird sich die Vernunft durchsetzen, auch in den USA.

Wie träfen Sie US-Strafzölle?

Steilemann Die USA sind mit 20 Prozent Umsatzanteil nach China unser zweitwichtigster Markt. Doch Strafzölle würden uns nicht treffen. Wir produzieren nicht nur in den USA, sondern exportieren sogar Kunststoffe aus den USA heraus.

Welche Rolle spielen die Niederrheinwerke bei der neuen Covestro?

Steilemann Wir bekennen uns zu Nordrhein-Westfalen. Gerade bauen wir in Leverkusen ein neues Verwaltungsgebäude in Form eines innovativen Campus-Konzeptes für rund 80 Millionen Euro. Insgesamt erhöhen wir in diesem Jahr die Investitionen auf bis zu 650 Millionen Euro, in den kommenden Jahren sollen es sogar bis zu einer Milliarde Euro werden, davon geht auch ein beträchtlicher Teil nach Leverkusen, Dormagen und Krefeld. Wir wollen weiter Arbeitsplätze in NRW schaffen.

Kritiker sagen, dann brauchen Sie die CO-Pipeline, die Dormagen und Krefeld verbindet, ja doch nicht.

Steilemann Das ist falsch. Die Pipeline ist nicht nur die sicherste Art, Gase zu transportieren. Wir brauchen sie auch, um die Wettbewerbsfähigkeit der beiden Werke zu sichern. Der Ball liegt nun beim Oberverwaltungsgericht. Wir wollen die Pipeline weiterhin in Betrieb nehmen.

Ihre Wünsche an die Politik?

Steilemann Die energieintensive Industrie braucht weiterhin die Befreiung von der Ökostromumlage, ohne die wir in Deutschland kein Geld mehr verdienen würden. Denn sogar trotz der Befreiungen sind die Energiepreise doppelt so hoch wie in den USA. Zweitens: Beschleunigung der Genehmigungsverfahren. Und drittens: Planungssicherheit schaffen. Dass es elf Jahre nach Baubeginn immer noch keine endgültige Entscheidung der Gerichte und Behörden zur CO-Pipeline gibt, ist kein Ruhmesblatt für den Industriestandort.

Antje Höning führte das Gespräch.

(RP)