Nach fast einer Stunde öffnet sich die Tür zum Hof. Drei Bahnwerker machen die Vorhut, spannen ein Transparent. "Bezahlt das Werk Cottbus die Rate für Lokomotiven von Railion Nederland mit seinen Mitarbeitern„", steht darauf. Begleitet von mehreren hundert Kollegen gehen sie vor das Werktor. Die ganze Stadt soll erfahren, was ihnen bevorsteht.
"Wir werden das nicht einfach so hinnehmen", sagt Betriebsratschef Heinz-Gerd Kretschmer in das Mikrofon. Er bekommt Applaus. Viele Gesichter bleiben dennoch unbewegt. Richtiger Kampfgeist kommt nicht auf. Dafür haben die Bahnwerker in den vergangenen Jahren schon zu viel erlebt.

Anfang des Endes“
In einer außerordentlichen Betriebsversammlung wurde ihnen gerade mitgeteilt, dass die Arbeit im nächsten Jahr erneut weniger wird. Bleibt Railion bei seinen Abbestellungen, sind damit "mindestens 100 Mitarbeiter" in Cottbus nicht zu halten.
Aus der Menge erheben sich Schilder mit Zahlen. "1990: 1959" steht auf einem. Auf einem anderen: "1998: 926". Jedem Jahr seit der Wende ist die Größe der Belegschaft zugeordnet. 2001 waren es noch 853 Mitarbeiter, in diesem Jahr 595.
Irgendwann ist die Schmerzgrenze für das Werk erreicht und es ist nicht mehr überlebensfähig, wissen die Kollegen. Aus den Gesichtern spricht die Sorge, dass es bald soweit ist. Der aus Berlin angereiste Transnet-Gewerkschafter, er heißt ausgerechnet Bernd Fröhlich, fasst die Angst in Worte: Der neuerliche Einschnitt "könnte für das Werk Cottbus der Anfang des Unterganges sein".
Die Stadt, die ganze Region kann das nicht unberührt lassen, machen der städtische Dezernent Holger Kelch und die regionale DGB-Chefin Marion Scheier deutlich. Die Bahn sei "zu 100 Prozent ein Staatskonzern", sagt Kelch. Daraus erwachse sich eine "Verantwortung für dieses Land und insbesondere für diese Region". Er verspricht, alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen. Der Lausitz bringe es nichts, wenn die Kollegen nach Kassel, Nürnberg oder in andere Bahnwerke versetzt werden, erinnert Kelch an den Pakt zur Beschäftigungssicherung bis 2010. "Wir brauchen die Arbeitsplätze hier."
Auch Bahnchef Mehdorn soll den Unmut der Cottbuser wahrnehmen. Der Betriebsrat hat einen Brief formuliert, den der Betriebsratschef vorliest. Von "großem Entsetzen" ist darin die Rede, als vermeintliche Gründe der Abbestellungen von Railion vernommen wurden. Entsprechend heißt es in dem Brief als Frage. Stimmt es, dass heimische Dieselloks nicht mehr gewartet werden sollen, weil künftig neuere Loks der ebenfalls niederländischen Railion-Tochter auf deutschen Schienen laufen? Der Betriebsrat hält dies nicht nur für einen "Verstoß gegen bestehende Tarifverträge". Es bestätige zudem, dass "nicht der Bedarf, sondern allein das Budget" das Handeln der Bahnoberen bestimmt. Per Applaus zeichnet die versammelte Belegschaft den Brief gegen.
Ein Mitarbeiter fehlt bei der Protestkundgebung: Werkleiter Dietmar Schmidt. In der Betriebsversammlung hat er zu erklären versucht, was die Kollegen nicht verstehen können. "Der ist doch selbst kein großes Licht", sagt eine Mitarbeiterin der RUNDSCHAU verärgert. "Er setzt um, was ihm gesagt wird."

Angespannter Markt
Statt Schmidt steht Pressesprecher Hartmut Sommer Rede und Antwort. Er verweist auf die Abhängigkeit des Bahnwerkes vom Hauptauftraggeber Railion und einen "angespannten Markt", erinnert an den "harten Wettbewerb zwischen Straße und Schiene im Güterverkehr". Die Bahn sei zwar nicht untätig. Aber Reaktionen wie die "Modernisierung" des Lok-Parks oder die "Optimierung von Prozessabläufen" führten in Instandhaltungswerken erstmal zu weniger Beschäftigung. Eine mögliche Nutzung von Loks aus anderen Ländern der international aufgestellten Railion AG findet Sommer "legitim".
Von einem drohenden Aus für das gesamte Cottbuser Werk will der Bahn-Sprecher nichts wissen. "An Schließung denkt niemand", sagt er. Eine Garantie dafür, dass dieser Satz auch 2007 noch gilt, übernimmt er nicht. "Man muss sehen, wie sich der Markt entwickelt."
Sommer will gar nicht leugnen, dass der Einschnitt hart ist. Anders als bei vielen anderen Unternehmen falle der Einzelne aber nicht ins Leere, betont er. Entlassungen seien aufgrund des Beschäftigungspaktes ausgeschlossen. Betroffenen Kollegen würden andere Arbeitsplätze im Konzern angeboten. Einzige Voraussetzung sei "Mobilität".
Nach und nach verlassen die Mitarbeiter den Platz vor dem Werkstor. "Die haben doch in anderen Werken auch keine freien Plätze", schimpft ein Kollege. "Wir können doch nicht alle weggehen, die Familien auseinanderreißen", klagt die Frau neben ihm. Es gebe doch jetzt schon viele, die seit Jahren in andere Werke pendeln. Sie hat keine Ahnung, wo das enden soll. "Das ist einfach nur deprimierend."
Betriebsratschef Kretschmer bleibt bis zuletzt. Die Zukunft mag auch er sich heute nicht ausmalen. An der jetzt abbestellten Baureihe hingen nicht nur 100 Arbeitsplätze im nächsten Jahr, sagt er, sondern rund 180 bis 2008. Schon die aktuelle Situation wiegt schwer genug. Dieses Jahr hat sich die Belegschaft nur mithilfe der Arbeitsagentur durch Kurzarbeit über Wasser gehalten. Für jeweils 120 Mitarbeiter war damit über das Jahr verteilt Nichtstun angesagt - in der Hoffnung, dass der Auftragsbestand 2006 wieder stimmt. Diese Hoffnung droht nun hinfällig zu werden. Kretschmer betont das Wort „droht“ . "Dieser Kampf um die Arbeitsplätze hat erst begonnen."