Das erste, was auffällt, wenn man den kleinen nur gut 30 Quadratmeter messenden Raum in einem der hell verputzten Häuser auf dem bergigen Firmengelände betritt, ist der in die Nase steigende Geruch von Farbe. Claudia Hähner hat sich an den Spiritus-Kopallack gewöhnt. Und das gilt nicht nur für ihre Nase, sondern auch für ihre Hände. Seit zwölf Jahren steht sie in den Diensten der Kunsthandwerker im erzgebirgischen Grünhainichen, die letzten gut sechs Jahre davon an exponierter Stelle: in der Reparaturwerkstatt. Seit ein paar Jahren bietet das Unternehmen den Kunden die Möglichkeit, kaputte Engel fachgerecht reparieren zu lassen. Von dem kostenpflichtigen Angebot werde rege Gebrauch gemacht.

Egal, in welchem Zustand die Figuren am Firmenstandort eintreffen, der erste Blick von Claudia Hähner fällt auf die Unterseite der Figur. Dort befindet sich eine grüne Bodenmarke, die jeweils für einen bestimmten Zeitraum steht. Ist dieser Entstehungszeitraum bekannt, sucht Claudia Hähner in alten Katalogen des Unternehmens nach einem Bild der zu restaurierenden Figur. Wird sie in ihren eigenen Unterlagen nicht fündig, schaut sie im Musterarchiv nach. Ist auch dort nichts vorrätig, wird aus der Restauratorin eine Archivarin. "Von den Figuren, die wir noch nicht in unserem Musterarchiv haben, mache ich Fotos, dokumentiere Größe und Farben", sagt die 42-Jährige. Mögen die ersten beiden Punkte ihr noch schnell von der Hand gehen, ist für letzteres fast Detektivarbeit notwendig. So finden sich auf ihrem Tisch allein für die Hautfarbe zwölf verschiedene Gläser. "Ich bin reich an Farben", sagt Claudia Hähner. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie nur eines der gut 120 Töpfchen öffnen muss und losmalen kann. Fast für jedes zu restaurierende Objekt muss der notwendige Farbton neu angemischt werden. Dazu hält die Falkenauerin ein kleines Farbstäbchen an die Stelle der Figur, an der die alte Farbe noch den besten Zustand aufweist. Anschließend wird auf einem Blatt Papier so lange gemischt, bis alles passt. Zu beachten sei dabei, dass die auf die Figuren aufgetragenen Farben noch nachdunkeln. "Aber diesen Kniff bekommt man mit der Zeit heraus", sagt Claudia Hähner.

Wobei Zeit in diesem Fall tatsächlich ein relativer Begriff ist, schließlich hat die gelernte Zahnarzthelferin jahrelang einer gestandenen Mitarbeiterin bei den Reparaturarbeiten über die Schulter geschaut, bevor sie bei den großen Figuren selbst zum Pinsel griff. In den unterschiedlichsten Haarstärken stehen geschätzte 60 davon auf ihrem Schreibtisch. Ob das alle sind? Die Frau mit den blonden Haaren lacht: "Die Pinsel für die Gesichter und die Punkte auf den Flügeln habe ich in einer Extraschachtel im Schreibtisch." Die elf weißen Punkt auf den Flügeln der Engel sind das Markenzeichen der Manufaktur.

Reinigen, leimen, schleifen, malen und polieren - in der Regel müssen diese fünf Schritte absolviert werden, bevor eine Figur die Reparaturwerkstatt wieder verlassen kann. Weil vor allem das Trocken der Farben vergleichsweise lange dauert, nimmt sich Claudia Hähner immer gleich mehrere Figuren vor, die jeweils mit einem der genannten Schritte bearbeitet werden. Anschließend werden sie in einem Transportwagen mit dem Kopf in Blickrichtung zur Wand einsortiert. "Wenn ich mit den Figuren fertig bin, will ich sie nicht mehr sehen", sagt Claudia Hähner und meint das gar nicht böse.

Dass die Figuren den Mitarbeiterinnen in der Reparaturwerkstatt den Rücken zukehren, ist vielmehr für die Kollegen aus der Versandabteilung das Zeichen dafür, dass die Engel wieder auf die Reise gehen können zu ihren Besitzern, die in aller Welt sicher schon sehnsüchtig auf das Ergebnis der Restauration warten.