Bis zu seiner Diplomarbeit hatte der angehende Agraringenieur Jan Plessow nichts mit Hirse zu tun. Die Anregung eines Mitarbeiters der Berliner Humboldt-Universität und ein Praktikum in einer Moskauer Handelsfirma für Bio-Hirse und -Buchweizen änderten das. Unzählige Kontakte zu einem Institut für Hirsezüchtung in Westrussland und einen Studienaufenthalt später hatte Plessow bei seiner Rückkehr nach Deutschland 25 verschiedene Sorten Hirse-Samen im Gepäck. Und schrieb seine Diplomarbeit über die Wiedereinführung des Hirseanbaus in Deutschland.

Typisch Lausitzer Gewächs

Hirse, die besonders in trockenen und warmen Gebieten gedeiht, war hierzulande im 16./17. Jahrhundert noch weit verbreitet. „Hirse gehörte aufgrund der klimatischen Bedingungen zu den typischen Getreidesorten der Lausitz und war in der sorbischen Kultur fest verwurzelt. Doch die Kartoffel und veränderte Ernährungsgewohnheiten verdrängten die Hirse“, berichtet Jan Plessow. Sie verschwand vollständig von den Äckern und aus den Köpfen. Selbst Literatur zum Hirseanbau gab es keine mehr. Das wollte der heute 34-Jährige ändern.

Zunächst säte er die verschiedenen Hirsesorten auf Versuchsflächen der Humboldt-Uni und beobachtete das Wachstum und den Ertrag der Pflanzen. Die Ergebnisse ließ er in seine Diplomarbeit einfließen. Er untersuchte die für die Hirse günstigen Klima- und Bodenbedingung und stellte fest, dass die Lausitz beste Voraussetzungen besaß.

Nachdem 2003 ein gefördertes Projekt zur Einbeziehung von einzelnen Bauern in den Hirseanbau abgelehnt wurde, nahm er die Geschicke selbst in die Hand. Er borgte sich Geld, fuhr nach Russland, kaufte in dem Hirsezuchtinstitut 2000 Kilogramm Saatgut, rief etliche Bio-Landwirte in der Region zwischen Berlin und Cottbus an und fragte, ob sie Hirse anbauen wollen. Zudem musste er die Verarbeitung in einer Getreidemühle klären, Preise kalkulieren sowie Händler finden, die sein Produkt in Bio-Läden und Reformhäuser bringen. Außerdem gab es in Deutschland keine Erfahrung zur optimalen Aussaat und Ernte sowie zur Lagerung. Und so baute Plessow im Jahr 2004 schließlich die Spreewälder Hirsemühle auf.

Viel Lehrgeld gezahlt

Alles schien sich zu fügen, doch die erste Ernte wurde zum Desaster. „80 Prozent der Anbauflächen waren verunkrautet“, erinnert sich der Firmengründer. Von den geernteten rund 15 Tonnen blieben nach der Schälung in einer Mühle in Bayern nur 35 Prozent brauchbaren Korns übrig, der Rest war zerbrochen.

„Ich stand vor dem Nichts und hatte viele schlaflose Nächte. Die Bauern waren skeptisch, die Dienstleister zur Verarbeitung und zum Verpacken der Hirse zu teuer, der Absatz noch ungeklärt. Ich fragte mich, ob ich besser aufhören sollte“, blickt Plessow zurück.

Zum Weitermachen trieb ihn die Reaktion der Kunden: Mit der einzigen in Deutschland hergestellten Hirse stieß er auf eine enorme Nachfrage. Selbst die Großhändler waren verwundert, dass sich die einheimische Ware so gut verkaufte. Deshalb nahm Plessow die Sache selbst in die Hand, investierte privates Geld, besorgte Kredite, suchte halbwegs bezahlbare Maschinen und einen Standort.

Er begann in einer Scheune und investierte 100 000 Euro. Er überredete die Bauern, weiterzumachen, verschob die Aussaat um wenige Wochen in das späte Frühjahr. Ein weiteres Jahr später zog er mit seiner Spreewälder Hirsemühle in eine neue Halle in Kolkwitz-Krieschow (Spree-Neiße) und erweiterte seine Verarbeitungstechnik. Heute sind ein Dutzend Öko-Landwirte dabei und bauen auf 200 Hektar in der Lausitz und Umgebung Rispenhirse an. Die Ausbeute bei der Verarbeitung liegt nunmehr bei 50 bis 60 Prozent, wie Plessow berichtet.

In der Hirsemühle ist alles automatisiert – von der Grobreinigung über die Schälung des Korns (dem Abtrennen der Spelze), dem nochmaligen Sieben, weil die Technik nicht jedes kleine Hirsekorn abschält, bis hin zur Farbsortierung, wo die übrig gebliebenen dunklen Körner nochmals aussortiert werden.

Das gesamte Bundesgebiet wird jetzt mit Lausitzer Rispenhirse beliefert, „die im Gegensatz zu den Importen aufgrund ihrer Frische sehr mild schmeckt“, sagt Hirsemann Plessow stolz.