Im Jahr 2015 sind Betsy Kiepe und Stefan Machno aus Cottbus nach Cornwall an die englische Atlantikküste ausgewandert. Der 36-Jährige verdient dort sein Geld als Grafik-Designer bei einem Internet-Provider. Im Interview mit der RUNDSCHAU spricht der Wahl-Engländer über die Verunsicherung während der mittlerweile zweieinhalb Jahre dauernden Brexit-Verhandlungen.

Herr Machno, die Nachrichtenlage zum Thema Brexit ändert sich ja quasi manchmal über Nacht. Und noch immer ist nicht klar, wann er kommt und wie er kommt. Mit welchen Gefühlen schalten Sie morgens das Radio an?

Machno Wir fühlen uns dabei einfach nur sehr seltsam. Wir rechnen hier tatsächlich mit dem Schlimmsten.

Was wäre denn für Sie das Schlimmste?

Machno Meine Ausweisdokumente aus Deutschland laufen beispielsweise in diesem Jahr ab. Die muss ich jetzt beantragen. Das dürfte jetzt nicht so das Problem sein. Aber wir fliegen um Ostern nach Deutschland. Und einfach der Gedanke, dass dann ein ungeordneter Brexit geschehen ist, ist seltsam. Was ist, wenn die Briten uns nicht zurück ins Land lassen? Keiner weiß, welche Regeln dann gelten. Keiner weiß Bescheid.

Wie ist denn Ihr Aufenthaltsstatus derzeit in England?

Machno Jetzt gerade können wir dank der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU hier leben und arbeiten. Wir brauchen keine Visa und keine Aufenthaltserlaubnis. Wir haben nur eine nationale Versicherungsnummer. Wenn ich das  richtig weiß, können wir nach fünf  Jahren nach den  derzeit  gültigen Regeln einen englischen   Pass  beantragen.  Aber  wie das  künftig  wird,  weiß niemand.

Können Sie sich trotzdem auf irgendein Brexit-Szenario vorbereiten?

Machno Nein, das haben wir nicht und ich wüsste auch nicht, was wir machen sollen. Ich versuche  nur noch, meine neuen deutschen Dokumente zu bekommen, bevor die Insel sinkt.

Wie gehen denn Ihre Arbeitgeber mit der Situation um? Auch die wissen ja derzeit nicht, ob und zu welchen Bedingungen sie Sie ab 1. April weiterhin beschäftigen können.

Machno Ich kann jetzt nur von meinem Chef reden. Der sieht das aber ganz locker und macht seine Witze darüber. Eigentlich kann man die Situation ja nur mit Galgenhumor nehmen. Er geht aber davon aus, dass ich auch am 1. April noch Grafik-Designer in seiner Firma bin.

Die Brexit-Abstimmung vom Juni 2016 ist jetzt 2,5 Jahre her. Hat sich in Ihrem Leben beispielsweise im Umgang mit englischen Freunden etwas geändert?

Machno Persönlich hat sich für uns nichts geändert. Wir werden aber beispielsweise häufig auf den Brexit angesprochen, wenn Engländer merken, dass wir Deutsche sind. Da heißt es oft „Sorry“ und es kommt die Frage, was wir über diese Entscheidung denken. Ich spule dann immer den gleichen Text runter, dass wir das nicht wollen, aber nicht ändern können. Viele, mit denen wir reden, sind der Meinung, dass es eine Schande ist, was mit diesem Land hier passiert.

Wir hatten bereits vor zweieinhalb Jahren ein Interview zum Brexit geführt. Damals haben Sie gesagt, dass Ihrer Meinung nach viele aus Unwissenheit für den Brexit gestimmt haben. Sind die Engländer jetzt besser informiert?

Machno Ich kann nicht sagen, ob das so ist. Und ich persönlich hätte Angst vor einem neuen Referendum. Was ist, wenn das nochmal in die Hose geht?

Wollen Sie eigentlich in England bleiben? Egal, was kommt?

Machno Da wir uns gerade auch häuslich eingerichtet haben, denken wir nicht darüber nach, das Land zu verlassen. Wir würden auf jeden Fall gern weiter hier leben.

Mit Stefan Machno
sprach Daniel Steiger